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Die Massen-Betroffenheitswaffe: Sir Bob, Campino und das deutsche “Do they know it’s Christmas?”

Bob Geldof im Video zu Band Aid 30 (Foto: YouTube)
Bob Geldof im Video zu Band Aid 30 (Foto: YouTube)

Sir Bob Geldof, der Schutzheilige des Pop, hat es wieder getan. Zum 30. Jubiläum seiner Band-Aid-Aktion gegen den Hunger in Afrika hat er seine Schnulze “Do they know it’s Christmas?” aus der Mottenkiste geholt. Jetzt setzt sie als Massen-Betroffenheitswaffe gegen Ebola ein. Dabei ist in den Medien gerade zu beobachten, wie sich die Stimmung dreht. Statt Beifall erntet Sir Bob immer häufiger Kritik und böse Worte. Dass es nun auch eine deutsche Version u.a. mit Campino, Ina Müller und Silbermond geben wird, wird die Sache nicht besser machen.

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Die Musik-Abteilung des Vice-Magazins hat schon vor der Veröffentlichung des deutschen “Do they know it’s Christmas?” Songs gegiftet:

 Noch kann man das Lied nicht hören, aber es ist abzusehen, dass hier eine neue Eskalationsstufe von Scheiße erreicht wird. Dass das Ganze hinter dem Deckmantel des Guten Zwecks versteckt wird, macht die Sache nicht besser. Bob Geldof höchstpersönlich hat verlauten lassen, dass die Leute den Song doch bitte auch dann kaufen sollen, wenn sie ihn nicht mögen, da es ja um Ebola gehe und nicht um Musik. Was verdammt tief blicken lässt.

 So recht mag man nicht widersprechen. Auch in Great Britain finden manche den neuesten Streich Bob Geldofs nicht besonders prickelnd. Bryony Gordon schrieb im Telegraph, warum es richtig von Popstar Adele war, Bob Geldof in Sachen Band Aid zu ignorieren. Dazu muss man wissen, dass Adele gerade mit ihrem Mann ein Kind großzieht und sich bis auf weiteres aus dem Biz ausgeklinkt hat. Ein sympathischer und absolut begrüßenswerter Zug, der Herrn Geldof fremd sein dürfte.

Geldof nahm die Nicht-Bereitschaft Adeles zum Anlass, öffentlich so ein bisserl über die Sängerin herzuziehen, die in jungen Jahren mehr Hits hatte als er in einem langen Leben. Dass Adele vorher still und leise für die Hilfsorganisation Oxfam gespendet hat, die sich an vorderster Front auch für die Bekämpfung von Ebola einsetzt, hat Sir Bob vielleicht einfach nicht mitgekriegt.

Hier Sir Bobs Lästereien über Adele im Video:

 

Das Beispiel Adele zeigt, dass man auch etwas gegen Ebola und das Übel der Welt tun kann, ohne in Bobs Bettel-Chor der Superreichen mitzuträllern. Dass Geldof dazu aufruft, sein Liedchen zu kaufen, auch wenn es einem nicht gefällt, das ist nicht nur unverschämt, sondern auch sinnlos. Schließlich gibt es mannigfaltige Möglichkeiten für alles Mögliche zu spenden, ohne dass man sich dabei das Gesinge von One Direction, Bono  & Co ins Haus holen muss.  Besonders perfide ist nun, dass Geldof seinen Kumpel Campino von der Schlager-”Punk”-Kapelle Die Toten Hosen offenbar am Telefon dazu genötigt hat, eine deutsche Version seines Songs aufzunehmen. Bei Spiegel Online liest sich das so, als sei Campino sich  durchaus bewusst gewesen, dass eine Einspielung des angejahrten Liedguts Tücken haben könnte. Zitat:

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Campino hatte sich von Bob Geldof überreden lassen, die deutschen Musiker anzurufen, zu bequatschen und zusammenzutrommeln, was natürlich eine Höllenaufgabe war. Keiner hat erstmal Lust zu so etwas. Der Song „Do They Know It’s Christmas?“ ist natürlich nicht wirklich cool, erst recht nicht aus Tote-Hosen-Perspektive, Afrika-Aktionen von Popstars haben ohnehin einen schlechten Ruf und zu guter Letzt ist auch noch Bono mit dabei.

Man darf dabei nicht vergessen, dass es Campinos Truppe war, die auch schon unfreiwillig den Soundtrack zu einer CDU-Wahlparty lieferte. Und wessen Mucke zu einem die Hüften wiegenden Hermann Gröhe passt, der singt am Ende auch Quatschzeilen zu Bildern von dahinsiechenden Leuten aus der Dritten Welt. Mit von der Partie sind u.a. Ina Müller, Silbermond, Inga Humpe, Anna Loos, Cro, Jan Delay, Udo Lindenberg, Jan-Josef Liefers, Marteria, Haftbefehl, Michi Beck von den Fantastischen Vier, Milky Chance, Max Raabe, Peter Maffay, Wolfgang Niedecken, Thees Uhlmann, Max Herre und Joy Denalane. Brigitte.de schreibt treffend, dass sich das wie das Line-up zu einer x-beliebigen Echo-Verleihung liest. Nur Helene Fischer fehlt.

Warum nun diese Häme gegen die gute Sache? Warum liegt hier der Shitstorm in der Luft? Man kann ihn schon förmlich erschnuppern. Zu allererst liegt das wohl daran, dass bei Bob Geldof und Afrika eine Umkehr der Sachlage eingetreten ist. Früher haben Bob Geldof und seine Stars etwas für Hunger leidende Menschen in Afrika getan. Heute muss der gute Zweck herhalten, damit Herr Geldof und seine Spießgesellen einen öffentlichen Auftritt haben. So wirkt es zumindest.  Dass Geldof in all den Jahren keine neue Idee, kein neuer Song eingefallen ist, verstärkt diesen Eindruck noch.  Sehr pointiert hat das Comedy-Autor Micky Beisenherz auf Facebook ausgedrückt:

Auf YouTube gibt es mittlerweile die „Charity“-Video-Parodie „Africa for Norway“: Radi-Aid. Ob Bob Geldof das lustig findet? Vermutlich nicht.

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Alle Kommentare

  1. In Afrika sterben tausende Menschen an einem tödlichen Virus. Die Politik reagiert erst nach Monaten. Und Ärzte riskieren ihr Leben.
    Ein paar Künstler machen sich auf und lassen ihrem Protest gegen diese Tatenlosigkeit freien Lauf. Selbstdarstellung? Ich sehe Menschen, die mehr wert sind als viele andere Menschen, weil sie sich an der Hilfe für die, die noch den Ebola-Todeskampf durchleben müssen, beteiligen.
    Die wahre Schande ist nicht, dass Bob Geldorf dadurch ins Rampenlicht rückt. Oder dass Adele kritisiert wird. Oder dass das Image der Künstler Schaden nehmen könnte.
    Die wahre Schande ist, dass es Menschen gibt, die öffentlich in den Medien versuchen, das Gute an der Aktion kaputt zu reden. Ist das ihre Aktion gegen das Sterben in Afrika? Dann tun sie mir leid. Ich kaufe lieber 3x Do they know it´s Christmas als einmal eine Zeitung, die sich negativ gegen die Aktion wendet.
    Die wahren Helden unserer Zeit sind nicht Facebook oder Twitter. Es sind Menschen wie Bob Geldorf und Campino, die ihren Kampf gegen die Tatenlosigkeit von Millionen reicher Westeuropäer und Amerikaner führen. Ich wäre stolz, wenn ich nur ein halb so guter Campino wäre wie er einer ist.

    Feed the world!!

  2. Selten so eine oberflächliche Meinungsmache gelesen. Dass am Ende auch noch ein Uraltgag mit der Radi-Aid als neu dargestellt wird, macht den Artikel auch nicht empfehlenswerter.

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