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„Hier lief Kreml-TV“: Pressestimmen zum ARD-Interview mit Wladimir Putin

Foto: dpa
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Hubert Seipel interviewte vergangene Woche Wladimir Putin für die ARD. Das Gespräch wurde am Sonntag nach dem "Tatort" ausgestrahlt, holte Top-Quoten und wurde anschließend bei Günther Jauch diskutiert. Der NDR-Autor stellte Fragen, lies antworten – und vermied dabei kritisches Nachfragen. Er sei nicht "dieser missionarische Typ", erklärte er Jauch. Wenn seine Taktik war, Putin nicht zu verärgern, ging diese auf. Ansonsten brachte sie ihm viel Kritik von vielen seiner Journalisten-Kollegen ein.

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Hannah Beitzer, Süddeutsche.de:
„Schon das Setting ist maximal verkrampft (…). Und so ähnelt das Interview einer von Putins Fernsehansprachen, in denen er sein eigenes Volk regelmäßig über seine Sicht der Dinge aufklärt. Seipel fungiert eher als Stichwortgeber denn als aktiver Gesprächspartner. „Und was ist die Frage?“, fragt der russische Präsident einmal.“

Ralf Dargent, Welt.de:
„Seipel stellte Fragen mit langer Hinführung zum Thema und vermied zugleich ein Nachbohren oder gar kritisches Hinterfragen (…). Selbst wenn man es als wohltuend empfinden wollte, dass in dieser hoch emotionalen Zeit das Putin-Interview zu keinerlei besonderen Emotionen bei dem Befragten führte, blieb doch vor allem ein Eindruck: Hier fragte nicht das unabhängige und selbstbewusste deutsche Fernsehen. Hier lief Kreml-TV.“

Boris Reitschuster, Focus Online
„Der NDR sprach von einem Coup – doch es war ein Eigentor: Das Wohlfühl-Interview mit Putin bei Jauch verletzt journalistische Standards und zeigt die ARD in schrägem Licht.“

Richard Weber, Der Tagesspiegel:
„Das Gespräch – ein braves Frage-Antwort-Spiel. Langweilig. Ohne Höhepunkte. Wie ein Teller Borschtsch ohne Rote Bete, Zwiebeln, Weißkohl, Kartoffeln, Tomaten und Rindfleisch.“

Andrea Zschocher, Stern.de:
„Der Mann, der sehr vielen Menschen Toleranz in jeder Art verwehrt. Putin, der Homosexualität unter Strafe stellt, der die freie Presse unterdrückt und Oppositionelle einschüchtert. All diese Themen waren im Interview jedoch leider kein Thema (…). Von dem Interview, dass Wladimir Putin exklusiv für die ARD gegeben hat, hätte man sich mehr erwartet. Aber die anschließende Diskussion war noch enttäuschender. Wie sich die Krise entschärfen lassen wird, darauf hatten weder der Kremlchef noch die Talkgäste bei Jauch im Studio eine Antwort.“

Michael Hanfeld hingegen lobt bei FAZ.net das Interview und die Taktik von Seipel:
„So spannend kann politisches Fernsehen sein.Dazu leistete auch der Reporter Hubert Seipel seinen Beitrag (…). Die ARD hingegen hat an diesem Abend gezeigt, wie man Propaganda, die auch und vor allem darauf abzielt, unabhängigen und vorurteilsfreien Journalismus zu diskreditieren, am besten begegnet: Man hört die Beteiligten (die Ukrainer, wie gesagt, fehlten), Standpunkte Pro und Kontra. Gleicht Worte mit Taten ab. Dann kann sich jeder sein Urteil bilden.“

Auch bei Twitter wurde das Gespräch diskutiert:

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Alle Kommentare

  1. Die Argumente und Ansichten des Feindes dürfen nicht bekannt sein, sie dürfen nicht gehört werden und sie dürfen nicht verbreitet werden. Der Feind hat keine Argumente zu haben.
    Da würden jetzt wohl einige freiheitliche Verteidiger der Zivilgesellschaft gerne Seipel einen Besuch abstatten wie ihn Alexander Pantelejmonow vom ukrainischen Verantwortlichen für Pressefreiheit Igor Miroschnitschenko bekommen hat, nachdem er eine Rede Putins übertragen hatte. Mit Strassenschlägern der Kategorie HoGeSa, die ihn davon überzeugen konnten, freiwillig sein Rücktrittsgesuch zu unterzeichnen.

    Ist halt was leichter, Putin als durchgeknallten irren Diktator darzustellen, wenn man täglich eine propagandistische Lügengeschichten über ihn abfeuert.
    Wollte man dem Bürger eine faire Chance geben, sich sein eigenes Bild zu machen, würde man erst die Argumente des Feindes berichten und sie dann kommentieren und mit eigenen Argumenten kontrastieren.

    Aber das ist ja verstaubte Oldschool, wie man das heute zu machen hat, wird hier schön eingefordert.

    Welch Feuerwerk der hart-kritischen Fragetechnik sind dagegen doch IMMER Interviews mit Obama, Merkel oder (bis kürzlich) Rasmussen?

    Neee, da muss natürlich der Stilunserer Leitmedien durchgezogen werden, vielleicht so:

    „Wladi, irrer Zar, trauerst du der Sofjet-UDSSR nach, weil du so ein kleiner Wicht bist und in der Schule keine Freunde hattest?“
    „Wladi, du kleiner Goebels-Imitator, wie hast du eigentlich deinen langen Arm in die ARD-Institutionen hereinbekommen?“
    „Wladi, sag mal, wieviel Geld hast du eigentlich den Fracking-Gegnern reingesteckt, damit wir von deinem Gas abhängig bleiben?“

  2. Artikel 103 Grundgesetz
    (1) Vor Gericht hat jedermann Anspruch auf rechtliches Gehör

    Ja, vor GERICHT, aber doch nicht vor unserem Staats-TV!
    Hier wachen schließlich die Jubelperser der „Kapitalistischen Einheitspartei“, hauptsächlich natürlich der Groben Koalition, hier gibt es NATO Sprech und kaum etwas Anderes.
    Dass die Springer/Burda und sonstige Presse das gleiche Lied singt wundert nicht.
    Wo war das „jouralistisch/multimediale Dauerfeuer“ eigentlich als Genscher Kumpel Eduard Schewardnadse russische Panzer rief, um den ersten/ einzig frei gewählten Präsidenten Georgiens-Swiad Gamsachurdia- aus dem Weg zu räumen,
    wo war es in den Tschetschenienkriegen respektive beim Kampf gegen oppositionelle Journalisten, NGO und Homosexuelle?
    JETZT, wo es um die Kornkammer Europas und die NATO Erweiterung geht, ja JETZT kann man ja so richtig zeigen, wie man sich für die „Freiheit“ so richtig ins Zeug legen kann!
    Und da ist das Putin gewährte „rechtliche Gehör“ natürlich eine ungeheuerliche Zumutung, das hält nicht JedeR ohne Schmerzensschreie aus.

  3. Es ist lustig, dass ein Gespräch ohne voll-ideologisierte Jornalisten von vielen Menschen als schlechtes Interview wahrgenommen wird. Ich bin so unglaublich gelangweilt von den immer gleichen Fragen die diese deutsche Jornalisten Putin stellen. Mal ganz abgesehen davon, dass er sie in der Defensivposition üblicherweise verbal zu zerlegen pflegt.

    Und wenn einer dann mal nicht die Homosexualität anspricht, dann ist es ein schlechtes Interview? Wenn der Gesprächspartner dann mal nicht auf seinen (aus Sicht des Jornalisten vorhandenen) Untermenschenstatus verwiesen wird, dann war es auch ein schlechtes Interview?

    Wie unglaublich gleichgeschaltet kann man eigentlich sein? Lasst doch eine neutrale Gesprächsführung zu, hört euch die Gegenseite an und dann bildet euch eure Meinung. Warum muss ein Interviewer parteiisch sein?

    Würde mich freuen, wenn mir das einer erklären kann.

  4. Ein Interview, bei dem keine kritische Fragen gestellt werden und der Interviewte Raum zur Selbstdarstellung erhält? Ja kennen wir es denn in den deutschen Medien anders? Oder wo sind denn die Interviews mit Frau Merkel oder Herrn Gabriel, bei denen sie „gegrillt“ werden? Gäbe ja genug Themen, bei denen man kritisch fragen könnte, z.B. die Eurorettung. Aber da ist in den deutschen Medien auch alles alternativlos.

    Unabhängig davon gehört es zum journalistischen Standard, auch die andere Seite zu Wort kommen zu lassen. Aber bei der einen oder anderen Medienreaktion merkt man zwischen den Zeilen den Geifer triefen. Da kann es offenbar der eine oder andere nicht abwarten, zum Gewehr zu greifen und „den Russen“ zu bekämpfen.

  5. Seltsamer Einklang der West-Presse?

    Wenn man Putin gerne mit seinen Homosexuellen-Gesetzen konfrontieren will oder Fragen zur Einschränkungen für oppositionelle Journalisten stellt, dann ist das westliche Propaganda?

    Russische Journalisten bekommen nicht viele Möglichkeiten so etwas zu fragen – es sei denn, sie wollen Leben und Karriere verkürzen. Vielleicht können uns die Putin-Versteher die Fragen mal beantworten.

    Aber ich kenn die Antwort ja schon: Das sind alles Propaganda-Lügen des Westens.

    #gähn

    1. „Russische Journalisten bekommen nicht viele Möglichkeiten so etwas zu fragen – es sei denn, sie wollen Leben und Karriere verkürzen. Vielleicht können uns die Putin-Versteher die Fragen mal beantworten.“

      #gähn

      Was ist denn der Moderatorin passiert, die ihn und seine Politik live im TV kritisierte? Welche Fragen wurden Putin denn bisher von russischen Journalisten zu den (seine? Macht nicht die Duma die Gesetze?) Gesetzen zur sogenannten Gaypropaganda gestellt? Was ist denen passiert?

      Beschreiben Sie das doch bitte mal im Detail. Oder setzen sie darauf, dass wir hier dazu nicht wirklich was wissen, weil es dazu keine differenzierte und beschreibende Berichterstattung in unseren Medien gibt? Je weniger man weiss, desto schauriger kann man es darstellen. Deshalb darf eine Rede Putins ja auch nicht in der Ukraine übertragen werden. Und ein Interview mit Putin bei uns ihm nicht die Gelegenheit geben, seine angeblich wirre, aggressive und unvorhersehbare Politik aus seiner und der russsischen Sicht zu erklären.

      Lieber noch ein Interview mit einem Hysteriker, der Putin kurz vorm Einmarsch ins Baltikum sieht. Newa?

  6. Diese Meldung kam gerade:

    „Du schreibst die Kommentare zu schnell. Mach mal langsam“.

    Gut, ich werde mich dran halten.

  7. Wenn unsere feigen Journalisten die Frau Merkel in die Zange nehmen würden, wodurch die EU, gar ihre sogenannte „Europäische Friedensordnung“ demokratisch legitimiert sein könnte, – eine Abstimmung des Souveräns zur Auflösung der BRD wurde bisher verhindert, so wie auch in anderen europäischen Ländern noch jeder Versuch der demokratische Legitimierung bisher scheiterte – dann werden wir weitersehen. Putin, der an der Abstimmung der Völker über ihr Schicksal als mit dem Völkerrecht vereinbar hält paßt sicherlich nicht in die Konsens-Quetsche unserer BRD- Medien, was ja sogar einem Steinmeier inzwischen kritisch aufzustoßen scheint.

    Unsere Medien sind eindeutig Teil des Problems. Sie sind jedenfalls nicht Teil der Lösung, auf die Demokratie so dringend angewiesen wäre. Der seltsame Einklang der hier veröffentlichen Putin-Kritik sollte einem Journalisten auffallen können.

    Unsere Medien wischen sich in ihrem konsensualen Untergang konsensual an Putin ab. Mancher Leser denkt sich seinen Teil.

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