Zum Jahresende: Wall Street Journal Deutschland wird eingestellt

Zum Ende des Jahres offline: Die News-Seite des deutschen Wall Street Journal.
Zum Ende des Jahres offline: Die News-Seite des deutschen Wall Street Journal.

Publishing Wieder ein Wirtschaftsmedium weniger in Deutschland: Der US-Verlag Dow Jones & Company hat beschlossen, seinen deutschsprachigen Online-Ableger Wall Street Journal Deutschland (WSJ) einzustellen. Das Angebot existiert erst seit 2012 – Ende des Jahres ist Schluss.

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Von Marvin Schade und Jens Schröder

Gegenüber Newsroom kommentierte WSJ-Deutschland-Chefredakteur Ralf Drescher die Entscheidung der Amerikaner: „Ich bin sehr traurig“. Traurig ist die Einstellung in der Tat. In den vergangenen zwei Jahren hat sich WSJ Deutschland in der deutschen Medienszene etabliert und für Anerkennung gearbeitet. Beim Großteil der Nutzer sowie bei Werbetreibenden konnte sich das kostenpflichtige Angebot jedoch offenbar nicht durchsetzen.

Unabhängig von der Zahl der Abonnenten, über die nichts bekannt ist, zeigt auch die Entwicklung der Visits, dass das Wall Street Journal in Deutschland nie der erhoffte Erfolg war – und auch keine positive Tendenz zu erkennen war. Mit 630.323 Visits startete das WSJ im Februar 2013 in die IVW-Messung, erreichte im April mehr als 800.000, stagnierte dann aber in etwa bei diesem Wert. Bis Januar 2014 gab es nie mehr als 700.000 bis 900.000 Visits.

Im Januar stellte das WSJ dann mit 1,04 Mio. Visits zwar einen neuen Rekord auf und durchbrach erstmals die Mio.-Marke, doch in den Folgemonaten gab es wieder nur 908.602 und 848.185 Visits. Zum Vergleich: Das ist in etwa das Visits-Niveau von regionalen Nachrichten-Websites wie der vom Donaukurier oder der Märkischen Oderzeitung. Die Konkurrenz von Handelsblatt, manager magazin und WirtschaftsWoche liegt derzeit bei 18,8 Mio., 6,9 Mio. und 4,3 Mio. Visits. Den Schritt in das neue IVW-Messverfahren ging das Wall Street Journal dann schon gar nicht mehr mit, sodass seit Juni keine Zahlen mehr vorliegen. Das IVW-Aus muss im Nachhinein wohl schon als Resignation des Mutterhauses im deutschen Markt gewertet werden.

In einem Schreiben von Dow-Jones-CEO William Lewis, das der Blogger Jim Romenesko veröffentlicht hat, wird deutlich, dass sich das Unternehmen zukünftig wieder auf seinen Kernmarkt in den USA konzentrieren will. „Wir haben uns in den vergangenen Monaten ambitionierte Ziele für die nächsten drei Geschäftsjahre gesetzt und viel dafür getan, diese auch voranzutreiben“, so Lewis. „Es wird aber auch nicht überraschen, dass wir an Stellen, die nicht unserem Kerngeschäft entsprechen, zurücktreten müssen, um weiterzukommen.“

In seinem Schreiben gibt Lewis neben der Einstellung des deutschsprachigen Wall Street Journal auch das Aus der türkischsprachigen Seite bekannt. Ebenfalls geschlossen wird das Wall Street Journal Radio Network in den USA sowie das Sunday Journal. Wie das Wall Street Journal selbst berichtet, sollen insgesamt etwa 50 bis 60 Stellen wegen der Sparmaßnahmen wegfallen.  Die Angestellten, die WSJ.de belebt haben, sollen auch weiterhin für Dow Jones arbeiten.

Zu den Einstellungen der zahlreichen Medien äußerte sich auch US-Chefredakteur Gerard Baker. „Ich möchte all jenen danken, die hart für die Unternehmen gearbeitet haben, die wir nicht fortführen werden“, so der US-Chef. Die Mitarbeiter hätten herausragenden Journalismus gemacht. Trösten dürften das nur wenige, wie die Reaktion einer Angehörigen eines Sunday-Journal-Mitarbeiters zeigt. Unter dem Blogpost von Romenesko kritisiert Lauren Lipton, das WSJ Sunday hätte landesweit sechs Millionen Leser und fahre seit 15 Jahren Profit ein. Mit Blick auf die Einstellung schreibt sie: „Es ist eine Schande und eine fragwürdige Entscheidung.“

 

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Alle Kommentare

  1. Das Scheitern war für jeden halbwegs denkenden Menschen absehbar. Wer glaubt, mit mäßig übersetzten Beiträgen aus dem Englischen und einer Redaktion auf Sparflamme gegen die Konkurrenz von Handelsblatt und Spiegel Online punkten zu können, dem ist nicht mehr zu helfen. Immerhin hinterlässt die Einstellung eines Angebots, dessen Beiträge teilweise auf Schülerzeitungsniveau angesiedelt waren, keine Lücke in der deutschen Medienlandschaft. Der deutschen Redaktion von Dow Jones bleibt zu wünschen, dass sie sich nun wieder auf ihre Kernkompentenzen konzentrieren und weiterhin solide Nachrichten produzieren kann.

  2. Handelsblatt und Spiegel Online sind seit geraumer Zeit nur noch Mickey Maus für Erwachsene.

    Das WSJ-DE war daher durchaus eine wertvolle Bereicherung. Dass eine Redaktion auf Sparflamme sich nicht gegen die Konkurrenz durchsetzen kann, ist dagegen wahr.

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