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Ein Jahr nach dem IPO: Twitter steckt in einer Identitätskrise

Zwölf Monate ist es schon her: Freitag vor exakt einem Jahr debütierte Twitter spektakulär an der Wall Street. Es war der größte Börsengang seit Facebook. Was zunächst furios begann, hat sich binnen der nächsten 365 Tage zur veritablen Achterbahnfahrt entwickelt. Heute notiert die Twitter-Aktie schwächer als bei der Erstnotiz. Maßgeblichen Anteil hat daran der umstrittene CEO Dick Costolo.

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Was für ein Ritt: Wenn es eine komplizierte Aktie gab, mit der Anleger in den vergangenen zwölf Monaten viel Geld verdienen, aber auch verlieren konnten, dann war es der 140-Zeichen-Dienst, der steil aufstieg, tief fiel, sich wieder berappelte, um dann doch wieder einzubrechen.

Es begann vor einem Jahr zunächst mit einem Traumstart: Das Interesse am hochgehypten Social Network war selbst nach zwei Anhebungen des Ausgabepreises schier grenzenlos. Nachdem Twitter-Aktien zu 26 Dollar an Zeichner platziert wurden, leuchteten die ersten Kursnotierungen an der Wall Street bei satten 45 Dollar auf. Das entsprach einem überwältigenden Zugewinn von 75 Prozent aus dem Stand! Twitter sammelte mehr als 1,8 Milliarden Dollar von Investoren ein und wurde plötzlich mit mehr als 25 Milliarden Dollar bewertet.

Nach einem steilen Aufstieg auf 40 Milliarden Dollar Börsenwert…

Doch das war nur der Anfang. Binnen der nächsten Handelswochen zog die Twitter-Aktie sogar bis auf 75 Dollar ab und verdreifachte damit fast ihren Wert gegenüber dem Ausgabekurs. In der Spitze war der 140-Zeichen-Dienst plötzlich 40 Milliarden Dollar wert – und damit viermal so viel wie etwa die Deutsche Lufthansa.

Die Zuversicht der Wall Street schien grenzenlos. „Ich möchte, dass mich meine Familie so sehr liebt wie die Börse Twitter“, entgeisterte sich etwa Wall Street-Ikone James Cramer in seiner CNBC-Sendung „Mad Money“ vor laufender Kamera über Twitters Börsenentwicklung. „Es ist diese Art von grenzenloser Liebe, bei der man sich nie entschuldigen muss. Es ist wie im Billy Joel-Song: ‘Ich liebe Dich, so wie Du bist’.  Twitter erlebt an der Wall Street gerade eine Liebe, auf die ich ziemlich neidisch bin – denn ich werde sie niemals bekommen.“

…folgt 2014 der brutale Absturz

Doch mit dem Start des neuen Börsenjahres erkaltete die Liebesbeziehung schnell. Mit Vorlage der ersten Quartalsbilanz Anfang Februar folgte der brutale Absturz: Die hoch gewettete Twitter-Aktie lernte nach Monaten des Börsenhöhenflugs plötzlich die Gesetze der Schwerkraft kennen.

Obwohl der 140-Zeichen-Dienst bei Vorlage der Weihnachtsbilanz die Erwartungen übertraf und der Umsatz um enorme 116 Prozent auf 243 Millionen Dollar explodierte, stürzte die Aktie am nächsten Handelstag um 25 Prozent ab. Der Grund: Twitter wächst immer langsamer. Ganze 9 Millionen mehr Nutzer konnte CEO Dick Costolo im Quartal präsentieren und machte die Börse damit stutzig.

Twitter-Aktie bricht fast wieder auf Ausgabekurs ein, um dann wieder zu explodieren

Es folgten bittere Monate des stetigen Niedergangs. Auch aus Sorge der totalen Exits zum Ende des Haltefrist für Altaktionäre taumelte die Twitter-Aktie in der ersten Jahreshälfte bis auf 29 Dollar – und damit fast auf Ausgabekurs zurück. Wie gewonnen, so zerronnen.

Doch es geht ja bekanntlich immer weiter: Neues Vertrauen gewannen Aktionäre im Sommer nach Bekanntgabe der Juni-Quartalszahlen. Die Fußball-WM bescherte Twitter neue Nutzerrekorde und ließ die Werbeerlöse im zweiten Quartal in die Höhe schießen – die Umsätze legten um 129 Prozent zu.  An der Wall Street lösen diese Ergebnisse Jubel aus: Die Twitter-Aktie schoss am nächsten Handelstag um spektakuläre 35 Prozent nach oben.

Neue Zweifel nach jüngsten Quartalszahlen an CEO Dick Costolo

Den Sommer über sah es nach einem echten Comeback aus. Bis auf 55 Dollar kämpfte sich das Papier wieder nach oben. Mutige Käufer, die zu Jahrestiefs eingestiegen waren, hätten ihren Einsatz wieder fast verdoppeln können.

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Dann schlug erneut die Stunde der Wahrheit in Form von Quartalzahlen. Knapp zwei Wochen ist es her, als Dick Costolo ein Zahlenwerk vorlegte, das die Wall Street erneut verunsicherte. Die Umsätze zwischen Juli und September legten zwar erneut explosionsartig um 114 Prozent auf 361 Millionen Dollar zu – und damit besser als von Analysten vorhergesagt (Schätzungen: 351 Millionen Dollar). Doch Twitter hat es weiter nicht verstanden, das Wachstum zu monetarisieren.

Nur nach Non-GAAP-Bilanzierungsstandard konnte Twitter ein symbolisches Plus von 7 Millionen Dollar oder 1 Cent je Aktie ausweisen. Nach dem international üblicheren GAAP-Bilanzierungsstandard verbrannte der 140-Zeichen-Dienst indes mit 175 Millionen Dollar fast die Hälfte der Summe seiner Umsätze. In anderen Worten: Selbst schön gerechnet, ist Twitter weiter den Beweis schuldig geblieben, dass es wie der große Rivale Facebook echtes Geld verdienen kann – der Abstand nach Nutzerzahlen vergrößert sich ohnehin immer weiter.

Wachsende Zweifel am Vorstandschef

Die Twitter-Aktie brach erneut crashartig ein und befindet sich nun bei 40 Dollar auf einem schwächeren Kursniveau als in der ersten Sekunde des Börsendebüts vor einem Jahr. Maßgeblichen Anteil an den steigenden Zweifel der Investoren hat zweifellos auch CEO Dick Costolo, der Analysten nicht mehr zu erreichen scheint.

„Wir hatten ein sehr starkes Quartal“, fand Costolo nach dem jüngsten Zahlenwerk. Doch das sieht die Wall Street offenbar anders. Allianz-Fondsmanager Walter Price, der seine Positionen in Twitter reduziert hat, erklärte etwa dem Wall Street Journal: Die Investoren verlieren das Vertrauen.

Stürzt James Cramer Twitter-CEO Dick Costolo?

Das drückte in aller Deutlichkeit ausgerechnet Branchengröße James Cramer aus, der einst von Twitter noch so überzeugt war: „Ich glaube, die Aktie würde wieder bei 55 bis 60 Dollar notieren, wenn der Aufsichtsrat einen anderen CEO berufen würde“, watschte Cramer Costolo öffentlich bei CNBC ab.

Ironischerweise geht Cramers Kampagne gegen Costolo auch auf einem anderen Medium weiter – Costolos eigenem Arbeitgeber. In mehreren Tweets knöpfte sich der einflussreichste Journalist der Wall Street den CEO des Kurznachrichtendienstes vor.

Man ahnt: Die extrem wechselhafte Karriere Twitters an der Börse steht ein Jahr nach dem IPO vor dem nächsten großen Showdown.

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