Spardruck bei Westfälische Nachrichten: Mitarbeiter wehren sich gegen Tarif-Rauswurf

Mitarbeiter der Westfälischen Nachrichten werden zukünftig nicht mehr nach Tarif bezahlt.
Mitarbeiter der Westfälischen Nachrichten werden zukünftig nicht mehr nach Tarif bezahlt.

Die Unternehmensgruppe Aschendorff macht die Münstersche Zeitung (MZ) zur Zombie-Zeitung (MEEDIA berichtete). Doch damit nicht genug - der Verlag will auch bei den deutlich größeren Westfälischen Nachrichten (WN) Kosten reduzieren. Dafür verhandelt die Chefredaktion seit Juni mit Mitarbeitern. Ziel: der Ausstieg aus der Tarifbindung. Es geht um Einsparungen in Höhe von jährlich 1,3 Millionen Euro. Doch die Belegschaft weigert sich.

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Halloween ist erst wenige Tage vorbei, aber der Horror geht weiter – zumindest in Münster. Denn auch bei den Westfälischen Nachrichten spitzt sich die Lage weiter zu. Bereits im Juni kündigte Aschendorff an, bei Münsters größter Tageszeitung zu sparen. Um das Ziel von 1,3 Millionen Euro Kostenersparnis pro Jahr (vorerst bis 2017) zu erreichen, will Chefredakteur Norbert Tiemann an die Personalkosten heran. Dazu sollen rund 100 Redakteure der WN den Austritt aus der Tarifbindung erklären – ansonsten drohen betriebsbedingte Kündigungen.

Weniger Geld, mehr Arbeit – dafür vier Jahre Kündigungsschutz

Seit Oktober liegen den Angestellten neue Verträge vor. Denen zufolge erklären die Arbeitnehmer einen Verzicht auf einen Gehaltsanstieg für die kommenden vier Jahre sowie auf ihnen zustehende sechs Arbeitszeitverkürzungstage (AZV-Tage). Bei den Kürzungen der Sondergehälter, die auch im Flächentarif festgeschrieben sind, will Aschendorff zudem schneller umsetzen als die Tarif-Mitglieder. Schon im kommenden Jahr sollen statt 1,75 nur noch 1,5 Sondergehälter gezahlt werden. Aus Gewerkschaftskreisen heißt es zudem, dass die Arbeitsstunden von tariflichen 36,5 auf 40 Stunden angehoben werden sollen. Im Gegenzug will Tiemann den Unterzeichnern einen vierjährigen Kündigungsschutz garantieren.

Ohne Abgänge soll aber auch dieser Sparkatalog nicht auskommen. Zwölf Stellen sollen durch Altersteilzeit eingespart werden. Dafür stehen aber etwa fünf Stellen für Nachwuchskräfte in Aussicht.

Mitarbeiter betreiben „Spiel mit dem Feuer“

Sich auf das Angebot eingelassen haben bisher weniger als ein Dutzend Angestellte. Gezwungen werden können sie eigentlich nicht. Denn die Erfüllung des Tarifvertrags steht ihnen zu. Doch Aschendorff hat ein Druckmittel: Unterzeichnen die Redakteure nicht, soll betriebsbedingt gekündigt werden. In einem Schreiben an die Mitarbeiter vom 24. Oktober, das MEEDIA vorliegt, scheint Chefredakteur Tiemann den Druck noch mal erhöhen zu wollen. „Es gibt Grenzen der Zumutbarkeit. Seit November vergangenen Jahres beschäftige ich mich intensiv mit der Ausarbeitung des Sparpaketes – die Sicherung und Erhaltung von redaktionellen Arbeitsplätzen unbeirrbar im Blick.“ Er appelliert zudem an die „Solidarität aller“. Doch: „Einige machen es zum Objekt eines Spiels mit dem Feuer.“

Am vergangenen Montag wurde bekannt, dass die kürzlich übernommene Münstersche Zeitung ausgeschlachtet und zukünftig ohne eigene Redaktion produziert wird. Die Lokalausgaben der Westfälischen Nachrichten sollen das neue Schwesterblatt mit Inhalten beliefern, der Mantel kommt weiterhin von den Ruhr Nachrichten aus dem Hause Lensing-Wolff, dem Verkäufer der Münsterschen Zeitung. Das spielt der Gewerkschaft in die Karten. In einer Resolution zur Münsterschen Zombie-Zeitung hat der DJV mit Nachdruck die Verhandlungen mit den WN-Mitarbeitern kritisiert. Im Juni berichtete bereits der Journalist über die Pläne der WN.

Versuche einen Haustarif zu verhandeln, sind gescheitert. Die Geschäftsführung lehnt dies entschieden ab, traf sich nur mit dem Betriebsrat. In seinem Schreiben zeigt sich Chefredakteur Tiemann vom Dilemma, vor dem er steht, durchaus betroffen. „Dieser Plan B hat mit der Sicherung redaktioneller Arbeitsplätze nichts zu tun; er bedeutet exakt das Gegenteil. Wolfgang Kleideiter (Anmerkung d. Red.: stv. Chefredakteur) und ich konnten uns bis vor zwei Tagen nicht ausmalen, in dieser Redaktion jemals vor einer solchen Alternative zu stehen.“ Tiemann nennt es Alternative, Mitarbeiter könnten es Erpressung nennen.

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Alle Kommentare

  1. Solche Maßnahmen lassen sich nicht mehr einfach wegmeckern .

    Eher regnets Schweine als das die Tollitäten darüber nachdenken was falschläuft.

    Tipp: Es ist NICHT Putin, auch nicht „die Trolle“ und „das braune“ auch nicht.

    Immerhin, wenn der Laden dichtmacht kann man in die Räume Flüchtlinge stecken.

    Vermissen wird man auch dieses Blättchen, so wie schon andere, garantiert nicht.

  2. Die Anhebung auf 40 Stunden, Verzicht auf Sonderzahlungen und Abschaffen der Sonderfreizeiten geht doch voll in Ordnung, warum soll es ihnen besser gehen als anderen in der Arbeitswelt.
    Ich erlebe es hautnah seit über 10 Jahren: nur befristete Jahresverträge (die immer im Frühsommer enden, daher kaum richtige Urlaubsplanung möglich) 39 Wochenstunden, keine Gleitzeit, Urlaub laut Gesetz (24 Tage), keine Sonderzahlungen (weder Weihnachts“- noch „Urlaubs“-Geld noch Umsatzbeteiligung), lineares Gehalt und erste Tariferhöhung in 2012 mit Einfühung Branchentarifvertrag zum Mindestlohn im Bildungssektor.
    Da geht es den Aschendörff’lern noch viel zu gut, die sollen mal schön den Ball flach halten – und ganz ruhig weiterarbeiten.

  3. Ganz ehlrich… es ist voll ok. 40 std arbeiten nahezu 98% in ganz Deutschland mit 1,0 Sonderzahlungen und 12 Montasgehältern. Kein Urlaubsgeld, kein Weihanchtsgeld, nur 24 Tage Urlaub… die leben echt in einer anderen Welt. Die sollten langsam mal aufwachen die Herren Redakteure…..
    Außerdem erhält jeder einen Kündigungsschutz von 4 Jahren, so eine Sicherung ist eine absolute Seltenheit in dieser Branche.

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