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Mit Augstein als Paten: Büchner will „Spiegel 3.0“ bis Sommer umsetzen

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Eine großartige, mitreißende Rede war es nicht, die Spiegel-Chefredakteur Wolfgang Büchner am Montagabend zum 20. Geburtstag von Spiegel Online hielt. Aber es war eine Rede, die alle strategisch wichtigen Zutaten enthielt und das Gemeinsame, das Miteinander betonte. Keinen Widerspruch gab es, als Büchner sagte, sein Projekt "Spiegel 3.0" solle im Sommer umgesetzt sein. Büchner eckte nirgends an, dafür aber hielt Wolfgang Schäuble eine mit kleinen Boshaftigkeiten gespickte Ansprache.

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Die Rede Büchners war sorgfältig abgezirkelt. Es kamen vor: Spiegel-Gründer und Lichtgestalt Rudolf Augstein („wenn wir so mutig und innovativ sind wie Rudolf Augstein, gibt es keinen Grund, uns zu ängstigen“), die Spiegel-Satzung („Du sollst nicht langweilen“), das Lob an die Kollegen („ich verneige mich vor großartigen Journalisten“), die Betonung einer „Spiegel-DNA“, der Appell an Teamarbeit („wir müssen Digitalisierung als gemeinsame Herausforderung betrachten“), der kleine persönliche Schwenk auf den jungen Journalisten Büchner, der sich bereits sehr früh im Internet herumtrieb – und der darum nicht nur qua Amt eine digitale Vision für den Spiegel formulieren darf, sondern auch qua Befähigung („wichtig ist nicht der Aggregatszustand einer Story“).

Am Ende der Ansprache wird vermutlich niemand gesagt haben, Büchner habe mit seiner Rede das Herz und den Verstand jedes Mitarbeiters gewonnen. Dazu sind vor allem die Gräben zur Print-Redaktion zu tief, die ihrem Chef u.a. blattmacherische Fähigkeiten abspricht. Aber genauso wird niemand sagen, sollte Büchner als Chefredakteur abtreten müssen, dieser sei aus der Rolle gefallen. Büchner hat die Schlüsselwörter verwendet, die er verwenden musste, um als der in Erscheinung zu treten, als der er angetreten war – als Chefredakteur von Print und Online und als digitaler Change-Manager.

Spiegel-Erbe Jakob Augstein twitterte später, Büchner habe eine „kluge Rede“ gehalten:

Faktisch ist der Anspruch, mit dem Büchner angetreten war, gescheitert, denn etwa eine Hälfte der Journalisten im Haus ist gegen ihn. Und zwar die Hälfte, die im Haus das Sagen hat. Sollte die Mitarbeiter KG sich tatsächlich nicht nur gegen Büchner ausgesprochen, sondern ihn dann mit Zustimmung von Mitgesellschafter Gruner + Jahr auch tatsächlich zu einem Zeitpunkt X abgesetzt haben, wäre dessen persönliche Story schon geschrieben: ich hab ja gewollt, aber die anderen wollten sich nicht verändern.

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Proteste oder Unmutsäußerungen im Publikum waren nicht zu hören. Auch nicht, als Büchner erklärte, das Reformprojekt „Spiegel 3.0“ werde im Sommer nächsten Jahres umgesetzt sein. An eben diesem Projekt der engeren Verzahnung von Print und Online hatte sich ebenfalls Kritik an Büchner entladen. Die Print-Ressortleiter hatten sich gemeinsam gegen eine schnelle Zusammenlegung der Ressortleitungen ausgesprochen. Büchner lobte in seiner Rede vor allem („kein Haus hat bessere Voraussetzungen als der Spiegel“) und bot damit auch Kritikern wenig Angriffsfläche. Am Ende gab es gezügelten Applaus.

Wohlgemerkt: Spiegel Online ist eine Erfolgsgeschichte, daran gibt es keinen Zweifel und keine zwei Sichtweisen. Auch darum wäre Büchner, wäre auch kein anderer Redner gut beraten gewesen, hätte er die internen Verwerfungen thematisiert, gar kritisiert. Das hätte die Arbeit der Redaktion von Spiegel Online an diesem Abend entwertet. Und doch – alles hochpolitisch, überall vermintes Gelände. Wenn es allgemein bekannt ist, dass die Spiegel-Gesellschafter mit mindestens einem Anwärter auf den Büchner-Posten, Giovanni Di Lorenzo, Gespräche geführt haben, dann ist es mit der Gemeinsamkeit eben nicht mehr ganz so weit her.

Die Boshaftigkeiten waren also Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble vorbehalten, der eine launige Rede hielt, für die er den größten Applaus des Abends bekam. Sprüche („ich hab gelernt, man darf Mathias Müller von Blumencron noch erwähnen hier“) und Kritik („brauchen wir den Zustand permanenter Aufgeregtheit, und macht der nicht irgendwann neurotisch?“) hielten sich die Waage. Schäuble schien es große Freude zu bereiten, den Spiegel mit seinen internen Problemen zu piesacken.

Dass Schäuble der einzige Redner war, der es sich leisten konnte, ironisch zu werden, spricht für sich. Katharina Borchert und Matthias Schmolz aus der Spiegel Online-Geschäftsführung redeten eher staatstragend über „publizistische Antworten auf Herausforderungen“. Auch sie betonten die gemeinsame Aufgabe der „gesamten Spiegel-Gruppe“.

Beim Spiegel aber ist es vermutlich zu spät für einen ironischen Befreiungsschlag à la Schäuble, nach dem alle Beteiligten über ihre Grabenkämpfe herzlich lachen und sich anschließend auf einen gemeinsamen Kurs einigen können. Keiner der Redner hat an diesem Abend vermutlich etwas gesagt, dass seinen oder ihren Überzeugungen widerspricht. Und doch wurde längst nicht alles gesagt. Offiziell wurde an diesem Abend nur der öffentlich vorzeigbare Spiegel gefeiert, den sich alle wünschen, von dessen Strukturen unterschiedliche Leute aber ganz unterschiedliche Vorstellungen haben. Der Spiegel, wie er sich von innen darstellt, blieb im Schatten, blieb den inoffiziellen Gesprächen vorbehalten. Ob eine von den Feierlichkeiten herbeigeredete „Miteinander geht’s besser“-Stimmung länger anhält als eine Party-Nacht, wird sich zeigen.

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Alle Kommentare

  1. Was Michael Jürgs über den Stern gesagt hat, gilt auch für den Spiegel: Man braucht einmalige Geschichten und einmalige Fotos. Leider blitzen einmalige Geschichten im Spiegel nur noch selten auf (z. B. hervorragende Portraits). Manche Ausgabe bietet nur noch Durchschnittsware, die man zu allem Überdruss oft schon irgendwo anders ähnlich gelesen hat. Wo bleibt der Biss der frühen Jahre?

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