Gruner + Jahr: Brigitte entlässt alle Textredakteure „betriebsbedingt“

Publishing Eine Neustrukturierung, die es in sich hat: Im Zuge des verlagsweiten Sparkurses haben Geschäftsführung und Chefredaktion des G+J-Frauenmagazins Brigitte am heutigen Mittwoch angekündigt, alle schreibenden Redakteure zu entlassen. Betroffen sind insgesamt 11 Planstellen, davon 9 in den Redaktionen. Mit den Anfang des Jahres zu erwartenden Kündigungen einher geht eine Neuordnung der Produktion bei Brigitte, Brigitte Women und Brigitte Mom.

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Derzeit sind bei den Print-Titeln 71 Mitarbeiter fest angestellt, dazu kommen noch 19 Beschäftigte in der Online-Redaktion. Nach dem Personalabbau, so der Plan des Managements, solle wie es im Haus heißt, ein „agiles und flexibles Kompetenzteam“ die Heftproduktion leiten. Dieses besteht aus Chefredaktion CvD, der geschäftsführenden Redakteurin, Textchef sowie den Ressort- und Redaktionsleitern. Darüber hinaus soll eine weitere Führungsebene aus Stellvertretern eingezogen werden. Für diese werden sechs Stellen geschaffen, die intern besetzt werden sollen. Die Chefredaktion  erhoffe sich dadurch mehr „Vielfalt und Potenzial“ von außen und neue Impulse für die Zeitschriften. Eine ähnliche Strategie eines Redaktions-Apparats mit Häuptlingen ohne Indianer verfolgt seit 2010 der Hamburger Jahreszeiten Verlag (u.a. Merian, Für Sie), der sich damals von allen ausschließlich schreibenden Redaktionskräften trennte.

Hintergrund zur Marktsituation: Die Brigitte verkaufte sich im dritten Quartal 2014 laut IVW pro Ausgabe 545.229 mal. Das entspricht einem verhaltenen Minus von 1,7%. Der 7,9%-Rückgang im Einzelverkauf konnte dabei fast durch das 5,2%-Plus bei den Abos ausgeglichen werden. Zwar wächst die Abo-Kartei tatsächlich seit drei oder vier Quartalen wieder, doch im Langfrist-Trend zeigt die Auflagenkurze der Brigitte wie die so vieler anderer Blätter klar nach unten: Mehr als 1,5 Mio. Exemplare setzte man Mitte der 1970er Jahre ab, bis Mitte der 1990er-Jahre immerhin noch mehr als 1 Mio. Insbesondere ab 2008 beschleunigte sich der Abwärts-Trend, es gingen über 200.000 Käuferinnen verloren.

Die Auflage von Brigitte Woman sieht hingegen weitgehend stabil aus. Zwischen dem dritten Quartal 2013 und dem dritten Quartal 2014 verbesserte sich das Magazin laut IVW sogar um 0,8% auf 224.581 Exemplare, insbesondere wegen des Einzelverkaufs-Zuwachses von 1,6%. Mit 141.889 Exemplaren ist der Ableger hier gar nicht mehr so weit von der Mutter Brigitte (174.518) entfernt. Zwar lag Brigitte Woman auch schonmal bei über 300.000 Gesamt-Verkäufen, doch auch 2006 waren es nur knapp über 250.000, die Verluste in diesen acht Jahren sind also längst nicht so hoch wie die des Gesamt-Markts.

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Alle Kommentare

  1. Mich würde interessieren, ob diese zweite Führungsebene (die Stellvertreter-Posten-Inhaber) künftig auch schreiben müssen (so sie es denn -noch- können) oder ob sie freischwebende Gipfel nach dem Peter-Prinzip bilden werden.

    1. Die Frage ist, ob sie noch während der Arbeitszeit schreiben DÜRFEN. Wenn die Stellen danach besetzt werden, wer journalistische Sekundärtugenden wie Management drauf hat – und nicht die Primärtugenden, gut zu recherchieren und zu schreiben – kommen auch auf die Externen, die noch schreiben, harte Zeiten zu. Man kann sich ausmalen, was dann aus den Texten wird.

  2. „Die Chefredaktion erhoffe sich dadurch mehr “Vielfalt und Potenzial” von außen (…)“ – diese Bullshit-Argumente scheinen zum Stammvokabular der Verlagsspitzen in diesem Lande zu gehören. Ehrlicher wäre: Drucknebenkosten senken, Personalkosten reduzieren. Das Haus der Inhalte wird leerer, zumindest in den Redaktionsräumen, während sich die Excel-Datei-Träger auf die Schultern klopfen. Meine Erfahrungen aus verschiedenen Verlagen: Der Rotstift wird IMMEr bei den Redaktionen angesetzt, um aus den Tarifverträgen flüchten zu können. Einer meiner Verlagsleiter wollte alle Redakteure zu Traffic-Managern machen. Erkenntnis: Wenn sich keiner wehrt, wird das auch immer so sein…

    1. Wen soll denn vor allem eine „zweite Führungsebene“ überhaupt noch führen? Sich selbst? Freie Zuarbeiter dürfen sie jedenfalls ausdrücklich nicht führen, das widerspräche allen Gesetzen zur (Schein-)Selbständigkeit.

      Wird mal Zeit, dass an den sich immer weiter aufblähenden Verlagsspitzen gespart wird, damit die Redaktionen mal wieder gute Arbeit machen können! Gute Zeitungen verkaufen sich auch, s. Zeit.

  3. G+J spart wieder am Sachverstand. Hoffentlich merken sie schnell genug, dass Kaufleute keine guten Redakteure sind. Denn jemanden anderes zum Schreiben wird man bei G+J bald nicht mehr haben….

  4. Die immer weiter wachsende Zahl von freien Autoren balgt sich um die Aufträge, die zu immer kleineren Tagessätzen und Pauschalen vergeben werden. Auch bei G+J purzeln die Tagessätze für Freie seit Jahren.

    Schade, dass man nicht geschaut hat, ob Mitarbeiter flächendeckend auf das 13. Gehalt verzichten und gehobene Führungskräfte auf ihre Boni.

    Interessant wäre die Frage, wie viel Kopfgeld die Führungskräfte pro abgeschafftem Mitarbeiter bekommen…

  5. Ich habe da kein Mitleid. Diese Redakteure haben jahrzehnte lang versäumt ihr Blatt (und sich selber) zukunftsfähig zu machen. Viel brauchbares ist dabei leider nicht rausgekommen. Innovative Konkurrenten aus der digitale Realität nehmen auf Tarifverträge aus den goldenen Zeiten, Besitzstandswahrer und Blockadehaltungen in Redaktionen nun mal keine Rücksicht. Irgendwann tut es dann weh. Da geht es der Brigitte, wie jedem anderen Wirtschaftsunternehmen. Ist das überraschend? Nein. Interessant ist doch eher, das es so lange gedauert hat. Willkommen in der Realität.

  6. Na, ich werde dieses Wurstblatt auch höchstens noch beim Friseur lesen.
    Erst beendet ein neuer Chef die Kampagne: keine Models mehr, sondern normale, intelligent-attaktive Frauen. Jetzt schmeist man den Rest von Verstand auch noch über Bord. BILD dir deine Meinung! Sabine

  7. Heutzutage muss man weder schreiben, lesen oder sonstige ausgeprägte Fähigkeiten im Verlagswesen besitzen. Es reicht absolut aus, wenn man billiger
    ist als all die anderen. Qualität ist schon lange out…….Im Gegenteil: Als erfahrene Redakteurin muss man sich dann von fachfremdem Management degradieren und bevormunden lassen. Dabei werden größtenteils so viele Fehlentscheidungen getroffen, dass jedes Schiff zwangsläufig sinken muss. Ich habe schon erlebt, dass Seifen-Verkäufer in Führungspositionen einer Handarbeitszeitschrift gelangten…..und dort sehr viel Unheil anrichten.

  8. solange redakteure, schreiberlinge egal welcher art glauben sie können ihre meinung anderen breit gefächert anbieten, mit der idee wird schon nicht auffallen, wie wir manipulieren, wird sicherlich gefressen, ist ja gut verpackt. ausserdem nicht bei sich schauen, was es mit ihnen persönlich zu tun hat, was sie veröffentlichen, wird sich nichts verändern und die medienlandschaft muss sich gezwungener masen dahin entwickeln wo sie sich gerade hin entwickelt, bzw. befindet.

  9. Seit meinem 13. Lebensjahr (ich bin jetzt 61 Jahre alt) lese ich regelmäßig Brigitte, mal im Abo, mal vom Büdchen. Ich werde dies ab sofort einstellen und mich anderen Zeitschriften zuwenden.

    Diese Personalpolitik kann und werde ich auf keinen Fall durch den Kauf weiterer Ausgaben unterstützen.

    Birgit Welz M.A.

  10. Die Brigitte m i t fest angestellten Redakteuren ist mittlerweile so langweilig geworden, dass „Freie“ es auch nicht schlechter machen können. Ich lese die Brigtte seit 40 Jahren, früher sehr gern, heute reicht es, das Weihnachtsheft der letzten Jahre rauszusuchen, neue Anregungen bietet die aktuelle Ausgabe selten. Gleiches gilt für alle Themenpläne des laufenden Kalenderjahrs. Es ist schade um die Marke, da hat man aber schon seit Jahren geschlafen.

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