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Krautreporter: Qualitätsjournalismus in der Endlosschleife

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Krautreporter: Philipp Schwörbel, Alexander von Streit, Sebastian Esser (v.l.)

Das mit Spannung erwartete redaktionelle Crowdsourcing-Projekt Krautreporter ist an den Start gegangen. Geboten wird Gratis-Lesern und Abonnenten Qualitätsjournalismus ohne Werbung, produziert von einem 35 Köpfe starken Team. Der erste Eindruck: Das Portal ist noch im Experimentierstadium und auf der Suche nach einer eigenen Linie.

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So sieht es also aus, das erste vom Start weg profitable Online-Magazin: eine optisch schnörkellose Webseite, die teils überlange Artikel in einer gefühlten Endlosschleife präsentiert. Zwar gibt es einen Übersichtsbutton, der jedoch nur Autoren und Artikelheadlines anzeigt. Auf Ressorts oder eine nachvollziehbare Struktur oder Hierarchisierung verzichtet die Redaktion um Chefredakteur Alexander von Streit (Ex-Wired und Vocer-Herausgeber). Wobei unter Redaktion hier wohl eher eine Autoren-Vereinigung zu verstehen ist.

Beim Start am Freitagmorgen wurde den Lesern u.a. ein Artikel des Medienjournalisten Stefan Niggemeier präsentiert, in dem dieser das angebliche Enthüllungsbuch des früheren FAZ-Redakteurs Udo Ulfkotte auseinandernimmt und darin eine Reihe von Fehlern, Verdrehungen und Halbwahrheiten nachweist. Niggemeiers Faktencheck zum Ulfkotte-Werk „Gekaufte Journalisten“ ist schon deshalb interessant und relevant, weil das Buch auf dem Weg ist, ein Verkaufshit zu werden und am Montag auf Rang 13 der Spiegel-Bestsellerliste auftauchen wird – ohne Frage ein Stoff, mit dem Krautreporter bei seinen Lesern punkten wird.

Seiten-Aufmacher zum Start: Niggemeiers Abrechnung mit Ulfkottes "Enthüllungen"

Seiten-Aufmacher zum Start: Niggemeiers Abrechnung mit Ulfkottes „Enthüllungen“

Andererseits ist der Artikel einer von vielen vorzüglichen Artikeln des Medienjournalisten, und er hätte genauso gut auf dessen Blog erscheinen können (dort findet sich ein Auszug mit einem Link zu Krautreporter). Das Gleiche gilt für weitere Autoren-Texte: Die Schreiber von Krautreporter sind allesamt eigene journalistische Marken, und es scheint, dass sie beim Crowd-Portal zumeist die Themen bedienen werden, über die sie sonst auch schreiben. Das muss kein Nachteil sein, legt aber die Frage nahe, was denn die innovative Plattform von anderen journalistischen Angeboten unterscheidet. Zuallererst, so haben es die Gründer deutlich gemacht, den Anspruch, unabhängigen Journalismus ohne Rücksichtnahme auf Anzeigenkunden zu liefern. Dafür haben die mehr als 17.500 Unterstützer mit ihrem Jahresabo mehr als eine Million Euro in die Kasse des Berliner Start-ups gespült. Als Gegenleistung erwarten sie Geschichten, die sie sonst nicht zu lesen bekommen. Doch was zum Start auf der Plattform zu finden ist, wirkt bei aller Qualität recht bieder und teilweise langatmig bis langweilig. Die bewusste Entschleunigung und Abkehr vom klickgetriebenen Nachrichtenjournalismus machen sich hier bemerkbar, und nicht immer positiv, wie auch einzelne Kommentatoren anmerken.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Krautreporter ist ein grandioses Projekt gegen den Mainstream, und gerade deshalb wünscht man sich, dass es zur Erfolgsgeschichte wird und nach einem Jahr in die Verlängerung geht. Aber es ist auch nicht zu übersehen, dass sich das Portal dafür steigern und in Form kommen muss. Die größte Gefahr bestünde darin, dass Krautreporter zur digitalen Loseblatt-Sammlung toller Autoren wird, denn das dürfte zum Überleben kaum reichen – es ist ja nicht so, dass es keine hochwertigen journalistischen Artikel im Netz gibt, und das oft genug für lau. Langfristig wird entscheidend sein, ob die freiwilligen Zahler bei Krautreporter sich als Abonnenten eines für sie relevanten redaktionellen (Zusatz-)Angebotes fühlen und nicht als Mäzene eines journalistischen Gutmenschen-Produkts. Ge- und Besinnungsaufsätze sind da zu wenig, mehr Mut zu Stories gegen den Strich wäre dem Portal zu wünschen.

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Krautreporter-Gründer Sebastian Esser: 17.585 Unterstützer machten das Projekt möglich

Interessant wird zudem sein, wie die Abonnenten die nur ihnen vorbehaltenen Kommentarfunktionen unter und neben den Artikeln nutzen. Ein Ranking von meistgelesenen Stories fehlt übrigens bei Krautreporter ebenso wie eine Möglichkeit, der Redaktion kollektiv mitzuteilen, über welche Themen die Leserschaft gern mehr wissen würde. Gerade dies wäre vielleicht eine Möglichkeit, die Gefahr der Beliebigkeit bei der Themensetzung zu verringern, die Krautreporter könnte so von der Crowd lernen. Damit das Start-up zum Leuchtturm-Projekt für die Branche werden kann, muss Krautreporter zu einer unverwechselbaren Marke werden. Der Münchener Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger sieht in einem Beitrag für Zeit Online da noch Nachholbedarf: „Ein wenig mehr Selbstvermarktung würde nicht schaden: Damit der Leser weiß, was er bekommt, könnte man ihm ausdrücklich sagen, wie die Themen ausgewählt wurden und was er nur bei den Krautreportern bekommt.“ Hilfreich dabei ist sicherlich, dass die Plattform vom Start weg Offline-Veranstaltungen und eigene Videoformate im Angebot hat.

Wer wissen will, wie es in den Redaktionsräumen in Neu-Kölln zugeht, findet dazu bei Sueddeutsche.de ein Porträt der Mannschaft von David Denk. Auch FAZ.net und vielen anderen Medien finden sich – zumeist freundliche – Besprechungen des Startangebots von Krautreporter. Doch wie bei wohlwollenden Theater-Kritiken ist das kein Garant für den langfristigen Erfolg. Das Grundproblem bringt Frank Patalong bei Spiegel Online auf den Punkt. Der Web-Veteran rechnet vor, dass Niggemeiers Ulfkotte-Buchbesprechung mit 33.400 Zeichen die Länge von „17 Standard-Buchseiten“ habe: „Es ist schön zu sehen, dass es Räume gibt, in denen eine Geschichte auserzählt werden kann. Die Frage ist nur, ob es auch das ist, wofür Leser heute bereit sind, zu bezahlen.“

In einer ersten „Krautreporter-Eilmeldung“ an die Abonnenten geben sich die Macher optimistisch: „Es fühlt sich gut an. Wir freuen uns auf die kommenden Wochen, Monate und hoffentlich Jahre – mit euch, mit unseren Autoren, mit gutem Journalismus.“ Um den zu bieten, haben die Krautreporter einerseits dank Vorfinanzierung beste Bedingungen – und andererseits keine Entschuldigung, wenn das ambitionierte Experiment scheitert. Auf Twitter diskutieren Nutzer übrigens unter dem Hashtag #krautstart über das neue Angebot, und sogar der Tagesschau war der Launch einen Beitrag wert.

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Alle Kommentare

  1. Der erste Artikel, der hervorgehoben wird, ist der von Herrn Niggemeier über das neue Buch von Herrn Ulfkotte. Ulfkotte ist einer von denen, die sich rühmen können, schon seit Jahren von Niggemeier „begleitet“ zu werden.
    Das klingt alles nach Zickenkrieg und Stutenbissigkeit. Vom Krautreporter hätte ich besseres erwartet.

  2. Krautreporter wurde mir von einem News-Aggregator auf den Bildschirm gelegt.

    Erster Artikel: Niggemeyers Abrechnung. Sozusagen als Standortbestimmung von Krautreporter.

    Einen Versuch hat jeder. Aber nur einen. Krautreporter aus dem Verteiler entfernt.

  3. KR ist heute an den Start gegangen und weil es noch keine dutzenden Ressorts gibts, ist das furchtbar? Dass die ersten Kommentatoren sich über die Länge der Artikel beschweren wundert mich dagegen nicht, wer Agenturmeldungen und Fünf-Satz-Artikel wohnt ist, muss bei KR natürlich erst wieder das Lesen lernen. (Auch dieser Meedia-Artikel hier ist ja im Vergleich zum heutigen Journalismus schon als Überlang zu bezeichnen).

    Die Kritik von Patalong finde ich aber interessant. KR ist so lang weil sich die Beteiligten Mühe geben, recherchieren, fundiert berichten wollen und Argumente beider Seiten zulassen. Also genau das, was der Rest (inkl.. FAZ, SZ und SPON) nicht mehr tut.

    Die Leser sind nicht mehr bereit für den Einheitsbrei zu zahlen den es überall für „lau“ gibt. Wenn Patalong jetzt auch noch bezweifelt, dass die Leser nicht bereit sind für fundierte und ausgewogene Berichte zu zahlen… wofür denn dann?!?!

    Ach übrigens, man darf einfach nicht vergessen, dass hier Hunderttausende Menschen schon bezahlt haben. In Vorkasse gegangen sind für das Versprechen von ausgewogenem, werbefreiem und kritischem Journalismus.

    So oder so ist Patalong also widerlegt bevor KR überhaupt gestartet war.

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