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Medientage: Algorithmus schlägt Redaktion? Da braucht AZ-Verleger Balle erstmal einen Whisky

Wo geht’s zum Whisky-Stand: Stefan Zilch, Bascha Mika (Foto: dpa), Laurence Mehl, und Martin Balle (Foto: dpa)
Wo geht's zum Whisky-Stand: Stefan Zilch, Bascha Mika (Foto: dpa), Laurence Mehl, und Martin Balle (Foto: dpa)

Bei den Medientagen München hat Abendzeitung-Verleger Martin Balle angekündigt, die auf ein Jahr befristeten Verträge seiner 40 Mitarbeiter in unbefristete Beschäftigungsverhältnisse umzuwandeln. "Es geht uns mehr als gut", sagte der Verleger des Straubinger Tagblatts. Das Panel zur "Qualität in digitalen Zeiten" langweilte den Professor dann aber. Es sei zu viel über Technik gesprochen worden und zu wenig über "echte Beziehungen". Er müsse zur Gegentherapie jetzt erstmal einen Whisky trinken, kündigte Balle an.

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Martin Balle, Verleger aus Niederbayern, hatte nach der Übernahme der insolventen Abendzeitung beschlossen, das Blatt zunächst mindestens für ein Jahr zu finanzieren. Er übernahm 40 Mitarbeiter. Nun liefen die Geschäfte aber bereits so gut, dass es die Abendzeitung sicher länger als dieses Jahr geben werde. Balle hatte die Auflage drastisch um 55 Prozent auf etwa 40.000 Exemplare geschrumpft, zu viele Exemplare wurden beispielsweise kostenlos abgegeben, um die Auflage künstlich hochzuhalten.

Balle hatte nicht nur positive Nachrichten parat, er übte auch Kritik an der „Flachwelt der Bildschirme“. Es sei doch interessant, was die Internetkultur „energetisch“ im Kopf der Menschen auslöse. Nichts Gutes, befürchtet Balle. Er sagte: „Die Menschen wissen nicht mehr, was sie tun. Wir sind immer weniger fähig, uns so zu erleben, dass wir uns interessant finden. Sie flüchten in soziale Plattformen. Menschen werden von Flachwelt der Bildschirme plattgemacht. Google ist zu billig und zu langweilig.“

Das stieß naturgemäß auf Widerspruch bei den Mitdiskutanten Laurence Mehl von der Neuen Osnabrücker Zeitung und Stefan Zilch, dem Deutschlandchef von Spotify. Technik könne eben nicht jeder. Solche Bemerkungen machten ihn nervös. Verlage bräuchten langfristig sicher viel mehr Techniker. Mit dem Kurs der NOZ, die viel auf digitale Geschäftsmodelle setzt, liege man richtig. Die NOZ habe mittlerweile schon 18.500 digitale Abonnenten. Die Verlage müssten sich allerdings auch wieder an ihr Größe erinnern, sich nicht selbst klein machen.

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Zilch warb für die Macht der Algorithmen: „Algorithmus schlägt Redaktion“, sagte er. Zwar sei es richtig, das Plattformen wie Spotify auf Inhalte angewiesen seien. Aber Technik-Unternehmen wie Spotify verstünden es, Produkte herzustellen, für die Menschen auch bezahlten. Darum sei nicht Content King, wie es gern heiße, sondern das Produkt. Ein Spotify für Verlage könne sich Zilch schon vorstellen. Aber ein solches Angebot funktioniere nur, wenn es nicht direkt von Verlagen komme.

Das waren Ideen und Bemerkungen, wie sie Martin Balle offenbar unendlich anöden. „Das Leben beginnt dort, wo es sich dem Messen eines Algorithmus entzieht.“ Er wolle nicht ständig über Profite oder Technik-Themen sprechen: „Das habe ich zum Glück nicht nötig. Darum hat mich die Diskussion auch gelangweilt. Ich muss jetzt gleich einen Whisky trinken.“

Bascha Mika als Vertreterin einer anderen ehemals insolventen Zeitung, der Frankfurter Rundschau, kritisierte auf dem Medientage-Panel „Qualität in digitalen Zeiten“ die Verzahnung von Rundschau und Berliner Zeitung unter dem ehemaligen Eigentümer DuMont Schauberg. Die Leser hätten „ihre“ Frankfurter Rundschau haben wollen. Eine redaktionelle Kooperation etwa mit der Frankfurter Allgemeinen oder der Frankfurter Neuen Presse (die FR gehört nun zur FAZ-Gruppe) schloss Mika aus.

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