Öffentlicher Hahnenkampf: Trittin und Blome läuten zweite Runde im Waziristan-Streit ein

Zwischen Jürgen Trittin und Spiegel-Mann Nikolaus Blome ist ein Zitate-Streit entfacht. Trittin beschwerte sich in einem Offenen Brief darüber, dass der Spiegel Zitate verwendet hätte, die nicht autorisiert waren. Darauf hätten sich Trittin und Magazin aber geeinigt. Blome erklärte Trittin darauf ein "Missverständnis". Der legte nun - erneut öffentlichkeitswirksam - nach. Blome reagierte unverzüglich – und knapp.

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Eskaliert ein harmloser Briefwechsel zur Schlammschlacht zwischen dem Grünen-Politiker Jürgen Trittin und dem Spiegel? Zu Beginn der Woche ärgerte sich der ehemalige Bundesumweltminister über ein Zitat im Spiegel, das er nicht autorisiert hatte. Auf eine solche, in der Branche eigentlich auch übliche Vorgehensweise hätten sich er und Spiegel-Autorin Nicola Abé bei den Vorbereitungen für ein Porträt aber geeinigt. In der aktuellen Ausgabe, in der das Trittin-Porträt unter dem Titel  „Der Schattenkrieger“ erschien, zitierte Abé ihren Protagonisten mit den Worten, Baden-Würrtemberg sei das „Waziristan der Grünen“. Waziristan ist eine von den Taliban besetzte Region in Pakistan.

Spiegel-text

Am Dienstag antwortete Blome dem Politiker, verteidigte das Vorgehen des Nachrichtenmagazins. Er wies Trittin darauf hin, dass es sich nicht um ein Interview gehandelt habe, in dem sich die Autorisierung, also das Abstimmen von Zitaten, etabliert hat. In einem Porträt gehe es darum, dass auch Beobachtungen, Zwischentöne; vielleicht auch laut Gedachtes einfließen müssen. Blome bestritt nicht, dass es Absprachen gegeben hat. Allerdings kann auch das Büro von Jürgen Trittin nicht belegen, dass Vereinbarungen getroffen worden sind. Man habe sich telefonisch darüber verständigt. Trittin hatte in seinem ersten Brief beteuert, dass sich sein Büroleiter die Absprache habe versichern lassen. Blome sprach von einem „Missverständnis“ und appellierte an den Politiker, er solle dem Spiegel gewogen bleiben.

Trittin: Verhalten des Spiegel ist „nicht akzeptabel“

Das hat Trittin offensichtlich aber nicht vor. Er antwortete Blome erneut und setzte wieder einen Brief ins Internet. Trittin, der bereits seit Gründungszeiten der Grünen dabei ist, wurde nach dem Abbdruck des Zitates aus den eigenen Reihen heftig kritisiert. Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt fand den Vergleich „geschmacklos“, Grünen-Politiker Cem Özdemir forderte eine Entschuldigung von Trittin. Dass er mit dem erneuten Brief an Blome aber langsam die Ebene der Sachlichkeit verlässt, macht der 60-Jährige zu Beginn seines Schreibens deutlich. „Ich will unsere Brieffreundschaft nicht unnötig verlängern, eines kann ich aber nicht stehen lassen. Der Vorgang zwischen uns war ganz bestimmt nicht – ein Missverständnis.“ Trittin sei der Unterschied zwischen einem Porträt und einem Interview bewusst. Auch wiederholte Trittin, er habe eine Autorisierung bewusst gefordert, weil er bereits schlechte Erfahrungen mit der Autorin gesammelt habe. „Es handelt sich also nicht um ein Missverständnis, sondern um den einseitigen Bruch einer getroffenen Vereinbarung.“

Dies sei natürlich bedauerlich „und für mich nicht akzeptabel“. In Zukunft wolle Trittin mit dem Spiegel nur noch „Unter 1“ sprechen. Das bedeutet, dass alles Gesagte von vorn herein zitierbar ist. In der Regel erfährt der Journalist somit aber keine Hintergründe, weil sich Gesprächspartner vorsichtiger äußern.

Blome: Spiegel hat keine Vereinbarungen gebrochen

Spiegel-Hauptstadtbüro-Leiter Blome meldete sich noch am selben Tag zu Wort, antworte abermals kurz und knapp per Fax, das MEEDIA vorliegt. Darin bezieht Blome konkret Stellung: „Ich kann gleichwohl nach wie vor nicht erkennen, dass wir uns einen, wie Sie schreiben, ‚einseitigen Bruch einer getroffenen Vereinbarung‘ zu Schulden haben kommen lassen.“ Es habe zwar eine Absprache gegeben, diese aber „bezog sich auf ein bestimmtes von mehreren Gesprächen.“ Und weiter: „Darin ging es um ein Thema, die Endphase des vergangenen Bundestagswahlkampfes, zu dem Sie sich nicht öffentlich zitiert sehen wollten.“ An diese Vereinbarung habe sich der Spiegel gehalten. Alle anderen Gespräche, die mit Trittin geführt worden sind, scheinen also ohne Autorisierungsvorbehalt geführt worden zu sein.

Der Zwist zwischen Trittin und Blome dürfte mit dieser Antwort noch nicht beendet worden sein. Für weitere Fragen bietet sich Blome für ein Gespräch an – persönlich. Reaktion von Trittin: (noch) nicht bekannt. Endgültig aufgeklärt wird der tatsächliche Hergang wohl nicht. Der Spiegel muss nun damit rechnen, dass auch andere Politiker dem Beispiel Trittins folgen. Und der Grünen-Veteran wird sich fragen lassen müssen, ob er trotz jahrzehntelanger Erfahrung mit den Medien Vereinbarungen über Autorisierungen nicht klarer und belegbar hätte treffen müssen – den politischen Schaden hat er ja ohnehin.

 

 

 

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Alle Kommentare

  1. In Ihrem Text wird als selbstverständlich empfunden, dass Zitate von Politikern abgesegnet werden müssen. Im angelsächsischen Raum gibt es so eine Regel nicht. Und vielleicht ist es an der Zeit, dass wir Journalisten hierzulande unsere Arbeit in dieser Hinsicht hinterfragen. Im Übrigen: es gibt weitaus mehr Möglichkeiten, Hintergründe zu erfahren als von einem Politiker.

    1. @Oliver Schirg: Haben Sie einen belastbaren Beleg dafür, dass es solche Absprachen im angelsächsischen Raum nicht gibt?

  2. Meedia meint also, dass solche Absprachen für ein Nachrichtenmagazin prinzipiell legitim sind und sich Journalisten dann auch daran halten müssen? Kein Wunder, wenn irgendwann keiner mehr weiß, warum er für Journalismus Geld ausgeben soll. Die einzige Rettung wird sein, dass sich Journalisten wieder von solchen Gängelungen freischwimmt.

  3. @Oliver Schirg, @Benno Stieber: Ich verstehe Ihre Kritik an Meedia nicht, weil der Beitrag neutral, also ziemlich sauber, berichtet, warum wer warum einen Konflikt austrägt. So lese ich ihn zumindest. Wo sehen Sie eine Legitimierung der Autorisierungspraxis durch Meedia?

    Wenn schon, so meine ich, müsste Ihre Kritik doch Jürgen Trittin gelten. Die einzige relevante Interpretation des Meedia-Autors sehe ich im letzten Satz dieses Textabschnitts: „… In Zukunft wolle Trittin mit dem Spiegel nur noch “Unter 1″ sprechen. Das bedeutet, dass alles Gesagte von vorn herein zitierbar ist. In der Regel erfährt der Journalist somit aber keine Hintergründe, weil sich Gesprächspartner vorsichtiger äußern. …“ Recht hat der Meedia-Autor. Gesprächspartner äußern sich dann selbstverständlich vorsichtiger, wenn sie halbwegs bei Verstand sind.

    Oder meinen Sie, dass Meedia die Autorisierungspraxis durch diesen Abschnitt legitimiert hat: „… Und der Grünen-Veteran wird sich fragen lassen müssen, ob er trotz jahrzehntelanger Erfahrung mit den Medien Vereinbarungen über Autorisierungen nicht klarer und belegbar hätte treffen müssen …“ Ihre Kritik am Meedia-Beitrag würde ich wirklich gerne verstehen.

    Letzter Punkt: Die Legende, dass es im angelsächsischen Raum keine Autorisierungspraxis gibt, hält sich in Deutschland ja hartnäckig. Tatsache ist, dass angelsächsische Journalisten zitierte Sätze oder Interviewantworten zum „Fakten checken“ und „sachlichen Drüberlesen“ etc. an ihre deutschen Gesprächspartner schicken, wenn diese es wünschen (und das wünschen deutsche, medienerfahrene Gesprächspartner in aller Regel VOR einem Gespräch). Das Wort „Autorsierung“ wird dabei zwar – anders als hierzulande – von beiden Seiten eher vermieden. Das heißt aber nicht, dass es sie nicht gibt.

    Beste Grüße,
    Mario Müller-Dofel, Projektleiter Portal „Gesprächsführung“ der ABZV

  4. Trittin regt sich so auf, weil der SPIEGEL ihm mit einer gezieten Indiskretion endgültig jede Chance auf ein Comeback verbaut hat. Darum geht es doch. Der Mann gilt seit dieses Zitats in der kompletten Fraktion als unhaltbar und unmöglich. Sein beleidigtes Briefeschreiben gegen Indiskretionen wird daran nichts ändern. Egal, ob es nun abgesprochen war oder nicht: Wer so etwas laut sagt, hat in der Politik nichts zu suchen.

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