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Nicht autorisiertes „Waziristan“-Zitat: Jürgen Trittin attackiert Spiegel, Blome verteidigt

Grünen-Politiker attackiert Spiegel: Jürgen Trittin sei unautorisiert zitiert worden.  (Fotos Trittin & Blome: dpa)
Grünen-Politiker attackiert Spiegel: Jürgen Trittin sei unautorisiert zitiert worden. (Fotos Trittin & Blome: dpa)

Nimmt es der Spiegel mit der umstrittenen, aber weiterhin bei Politiker-Interviews geforderten Autorisierungspraxis nicht mehr so ernst? Nachdem das Magazin vor wenigen Wochen erst aus den nicht vom Ex-Kanzler autorisierten "Kohl-Protokollen" zitierte, muss sich Spiegel-Hauptstadtbüro-Chef Nikolaus Blome nun gegenüber Grünen-Mann Jürgen Trittin rechtfertigen.

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Konkret geht es um ein in der aktuellen Ausgabe des Spiegel erschienenes Porträt über Jürgen Trittin. Unter dem Titel „Der Schattenkrieger“ beleuchtete Autorin Nicola Abé, wie sich der 60-Jährige nach seinem Rückzug als Spitzenmann der Partei schlägt. Dass einem Porträtierten nicht unbedingt gefällt, was er über sich liest, ist keine Seltenheit. Der ehemalige Umweltminister stört sich aber an einem bestimmten Satz in Abés Text: an einem Zitat, das so nie in der Öffentlichkeit gefallen sei.

Im Porträt zitiert die Journalistin indirekt. In den Reihen der Grünen gebe es eine Strömung radikaler Realos, die der Partei Schaden zufügen wollten. Sie alle kämen aus Baden-Würrtemberg, gibt Abé wieder. Dann zitiert sie Trittin direkt: „Diesem Waziristan der Grünen.“ Ein harscher Vergleich. Waziristan ist eine von den Taliban besetzte Region in Pakistan.

Öffentlichkeitswirksam vermittelte Trittin nun in einem Offenen Brief – den er am Montag auf seiner Website publizierte – dem Spiegel seinen Unmut. An Nikolaus Blome, den Leiter des Hauptstadtbüros und Mitglied der Chefredaktion des Spiegel, wandte er sich mit dem Vorwurf: „Es gibt keine öffentliche Äußerung von mir, die das Land Baden-Württemberg als Waziristan der Grünen charakterisiert. Diese Behauptung ist offenkundig falsch.“ Dass dieses Zitat gefallen ist, bestreitet Trittin allerdings nicht wirklich.

Laut Trittin habe er sich von Abé nur begleiten lassen, wenn alles Gesagte „Unter 3“ – also vertraulich – bleibt und Zitate letztlich autorisiert würden. Denn Trittin, so seine Behauptung, habe mit der Reporterin bereits negative Erfahrungen gesammelt. Auch in einem Porträt über den Fraktionsvorsitzenden Anton Hofreiter habe der Spiegel Trittin schon mal falsch zitiert.

Trittin gerät seit der Veröffentlichung des Zitats zunehmend unter Druck, wird von führenden Persönlichkeiten aus seiner Partei kritisiert. Er drohte dem Spiegel nicht mit rechtlichen Konsequenzen, fragte den Hauptstadtbüro-Chef allerdings, zu welchem Zweck eine aktuelle Anfrage eines anderen Spiegel-Kollegen diene – und welche Spielregeln gälten. „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich vor Klärung dieser Frage keine Zusage geben kann.“

Nikolaus Blome: Es handele es sich um ein „Missverständnis“

Am Dienstag veröffentlichte die tageszeitung die Antwort des Spiegel-Manns. Ebenfalls in einem Brief schrieb nun wiederum Blome an Trittin, es handele sich um ein „Missverständnis“, was die Absprache zwischen Trittin und Abé angehe. Es handele sich nicht um ein direktes Interview. „Der nun in Rede stehende Text dagegen ist ein Porträt, in das natürlich auch Beobachtungen, Zwischentöne; vielleicht auch laut Gedachtes einfließen müssen, um es in einer Tiefenschärfe und Treffsicherheit zu formulieren, die dem Gegenstand, in diesem Fall Ihnen, lieber Herr Trittin, gerecht wird.“

Bei der Verabredung „Unter 3“ seien Grenzen „manchmal fließender als in einem klassischen Interview“, argumentierte Blome. Dass es zu einem Missverständnis zwischen Trittin und dem Spiegel gekommen sei, „bedaure ich, ganz unabhängig, welchen Anteil daran wir hatten.“ Blome appellierte an den Politiker, er solle dem Spiegel „gewogen“ bleiben. „Wir unsererseits freuen uns auf eine weitere Zusammenarbeit.“ Was die aktuelle Anfrage anderer Spiegel-Kollegen angehe, so Blome, lasse sich „separat“ besprechen. Offen lässt Blome, ob es eine Absprache zwischen Trittin und der Reporterin wirklich gegeben, und der Spiegel diese Absprache letztlich ignoriert hat. In diesem Fall stellt sich die Frage, weshalb sich der Spiegel überhaupt solche Abmachungen trifft.

Es ist das zweite Mal innerhalb kurzer Zeit, dass sich der Spiegel in Sachen Autorisierungen rechtfertigen muss. Vor zwei Wochen zitierte das Magazin aus den von Heribert Schwan veröffentlichten Kohl-Protokollen. Darin hat der ehemalige Biograf des Alt-Kanzlers Äußerungen aufgeschrieben, die von Kohl nicht autorisiert worden sind. In der Talk-Sendung „Günther Jauch“ wurde zudem darüber diskutiert, ob es überhaupt angebracht war, dass das Magazin dem Buch eine solche Öffentlichkeit einräumt. Spätestens nach der Sendung wurde an den Relevanzkriterien des Spiegel in dieser Sache gezweifelt.

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Alle Kommentare

  1. Wenn Politiker – wie „Normalos“ auch – nicht zu dem stehen, was sie sagen, und vermutlich (hoffentlich) auch gedacht haben dabei, sollen sie erst gar nicht die Klappe aufreissen. „Autorisierte Interviews“ – was ein Quark!, den es übrigens im angelsächsischen Sprachraum so nicht gibt!
    In solchermaßen teflonisierten Potemkiniaden geglättete Schaufassaden sind doch höchst verlogene Werbeflächen für Illusionisten. Daß der von mir bislang geschätzte Trittin zu solch Winkeladvokatereien greift, qualifiziert ihn nun für einen Ehrenplatz in Münchhausens Absurdistan…

  2. Das ist für den „Spiegel“ der Fluch der bösen Tat: die Autorisierung von Interviews eingeführt zu haben. Was dazu führt, dass nun viele Porträtierten selbst in Nicht-Frage-Antwort-Geschichten die Zitate vorab sehen möchten. (Besonders großer Unfug wird da im Entertainment-Bereich getrieben).
    Wer jemals das Vergnügen hatte, mit seriösen Künstlern aus dem Angelsächsischen zu sprechen, wird erleben, dass die mit Unverständnis auf die Frage reagieren, ob sie das Gesagte gegenlesen wollen. Es sei denn, man hat einen miserablen Ruf in der Branche!

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