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Das neue Lycos Europe? Rocket Internet und Zalando finden keinen Boden

Vom Optimismus beim Börsengang im vergangenen Oktober ist nicht viel geblieben
Vom Optimismus beim Börsengang im vergangenen Oktober ist nicht viel geblieben Oliver Samwer von Rocket Internet

Tief, tiefer, Samwer-Aktien: In einer Verkaufswelle, die an die Endzeiten des Neuen Marktes erinnert, sind Rocket Internet und Zalando auch am dritten bzw. vierten Handelstag erneut unter die Räder gekommen. Die Verluste der Zeichner sind seit Ende vergangener Woche auf über 23 Prozent angeschwollen.


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Die Geschichte wiederholt sich – und Aktionäre können nicht sagen, dass sie nicht hinreichend gewarnt worden wären. „Ich habe hier so ein kleines Déjà-Vu. Die Börsengänge erinnern mich tatsächlich an die 1990er Jahre, als wir die Internet-Blase hatten“, erklärte Börsenmakler Dirk Müller („Mister Dax“) n-tv vergangene Woche noch vor den Börsengängen. „Das waren die gleichen Abläufe. Da wurden auch Unternehmen gehypt und den Anlegern erzählt, das ‚Geld verbrennen‘ der neue Trend ist.“

Erfahrene Anleger werden sich mit Grauen zurückerinnern: Kurz und nach der Jahrtausendwende stürmten hunderte Unternehmen aus dem hochgehypten TMT-Sektor (Technologie-Medien-Telekom) an die Börse und versprachen vermeintlich schnelle Gewinne. Der Rest ist bekannt: Der Neue Markt, an dem sich die wildesten Zockereien abspielten, verblutete schließlich und wurde 2004 geschlossen.

Schnelle Wertvernichtung: 23 Prozent in 72 Stunden pulverisiert

Schnellvorlauf eine Dekade später: Mit Rocket Internet wagte sich Ende vergangener Woche der hochgewettete Internet-Inkubator der Samwer-Brüder mit der extrem ambitionierten Bewertung von 6,7 Milliarden Euro an die Börse – beim IPO erlöste Rocket allein 1,6 Milliarden Euro. Es war damit der größte Börsengang eines Internet-Unternehmens seit T-Online 2000 bzw. der größte deutsche Börsengang seit der Postbank vor zehn Jahren.

Entsprechend hohe Wellen schlägt der massive Kurssturz, der in den ersten drei Handelstagen einfach nicht abreißen will. Die Ausmaße des Absturzes sind schwer vermittelbar: Bei nur noch 33 Euro beendete das Papier gestern den Handel, nachdem es Zeichner noch am vergangenen Freitag zu 42,50 Euro zugeteilt worden war –  eine enorme Wertvernichtung von 9,50 Euro bzw. 23 Prozent pro Aktie binnen der ersten 72 Stunden an der Börse.

Spurensuche: bewusste Kopplung an Alibaba-Erfolg
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Wie konnte das passieren? Die Spurensuche führt schnell in die Wochen vor dem IPO. Wieso hatten es die Samwers plötzlich eilig und zogen den Börsengang um eine Woche vor? Wieso platzierten sie Rocket Internet just am Tag nach dem Zalando-IPO? Und wieso wurden noch Tage zuvor am Graumarkt absurd ambitiöse Notierungen gezahlt, die heute dem doppelten Wert des Unternehmens entsprechen?

Die Antwort auf alles führt nach Fernost und lautet: Alibaba. Die Geschichte der Aktienmärkte, die die Samwers durch ihre zahlreichen Beteiligungen und Veräußerungen nur allzu intensiv verfolgt haben dürften, ist am Ende immer eine von wahrgenommen oder verpassten Chancen. Das Fenster der Opportunität öffnete sich durch den größten Börsengang aller Zeiten, den der chinesische E-Commerce-Riese knapp zwei Wochen vor Zalando mit Bravour vollführte.

Bewertung bei United Internet-Einstieg hätte Warnung sein müssen

Das Kalkül der Samwers: Ging Alibaba durch die Decke, war der Weg bereitet für den eigenen Mega-IPO, der die E-Commerce-Aufbruchsstimmung aus den Emerging Markets aufs Frankfurter Parkett brachte. Die Alibaba-Sause verpasst? Da ging noch was, wenn man bei Zalando und der vermeintlichen Kursrakete Rocket dabei war, so die psychologische Anfütterung für renditehungrige Zeichner, die durch haussierende Graumarktkurse weiter angelockt wurden. Und dann noch der vorgezogene Rocket Internet-IPO: Wer zu spät kam, schien die Kursrakete zu verpassen…

Eine Woche später sind Anleger wieder einmal schlauer: Die Gier hatte wieder einmal das Gehirn gefressen. Dabei hatten die Samwers vor nicht mal zwei Monaten eine Orientierungshilfe in Euro und Cent geliefert, wie sie ihren eigenen Wert einschätzen. Zu einer Bewertung von 4,3 Milliarden Euro hatte der Internet-Pionier United Internet noch Mitte August 11 Prozent des Unternehmens erworben. Warum sollen Anleger ganze fünf Wochen später nun plötzlich zu einem Aufschlag zu 55 Prozent mehr zeichen?

Die Frage hätte aufschrecken müssen. Doch stattdessen entweicht nun in den Tagen nach dem maßlos aufgeblähten Listing jene Luft, die in den Wochen vor dem IPO hereingeblasen wurde. Aktionäre von Rocket, aber auch Zalando, das ebenfalls um deftige 23 Prozent nach nur vier Handelstagen hinten liegt, dürften sich heute ein bisschen fühlen vor 14 Jahren die Zeichner von Lycos Europe – die Talfahrt des früheren Internet-Dickschiffs begann mit auch mit der Erstnotiz. Wieder gesehen haben die Aktionäre ihren Einstand nie.

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Alle Kommentare

  1. Tja, der fragt sich doch wer hat die Aktie denn erworben? Einfach gestrickete Privatanleger oder „gierige“ Börsenprofis, die über x Infos von Analysten verfügen? Gier frisst Gehirn ist ein netter Satz, nur von Börsenprofessionals sollte man doch etwas mehr Analysefähigkeit erwarten.
    Einige haben sich als das entlarvt was sie wirklich sind: stinknormale (durchaus saublöde) Zocker, die Erfolg haben wenn der Börsentrend gut läuft und auf die Nase fallen, wenn sie blind im Nebel rumzocken. Mit Investments in die Zukunft, Beteiligungen an Unternehmen hat das Null-Komma-Josef zu tun. Warum dieser unser Staat Zocker bzw. die dahinter stehenden Banken massiv finanziell unterstützt wird in 50 Jahren einmal in den Geschichtsbüchern stehen. Die Chupze der Samwers ist schon beeindruckend, dass man Taschenspielertricks soweit kommt…. Aber, ich bin ja bestimmt nur neidisch, der Kurs erholt sich und die Rakete geht in die Umlaufbahn.

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