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Neuer Anlauf für Spiegel 3.0: Warum Büchners Umarmungsstrategie zu spät kommt

Im Machtkampf mit der Redaktion mit dem Rücken zur Wand: Chefredakteur Wolfgang Büchner (li.), Geschäftsführer Ove Saffe
Im Machtkampf mit der Redaktion mit dem Rücken zur Wand: Chefredakteur Wolfgang Büchner (li.), Geschäftsführer Ove Saffe

Der Machtkampf beim Spiegel geht in die nächste Runde: Nachdem das Treffen eines etwas rätselhaft dezimierten Gesellschafterkreises am Freitag ohne greifbares Ergebnis blieb, stellt der umstrittene Chefredakteur Wolfgang Büchner heute um 11 Uhr der Redaktion sein zum wiederholten Mal abgewandeltes Projekt Spiegel 3.0 vor. Spannender als die Details des mutmaßlich weichgespülten Digitalkonzepts dürfte die Reaktion der versammelten Mannschaft sein.

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Seit Büchner den Ressortleitern Armin Mahler (Wirtschaft) und Lothar Gorris (Kultur) Abfindungsangebote hat unterbreiten lassen, ist das ohnehin unterkühlte Klima zwischen dem Chefredakteur und der Printredaktion frostig. Teilweise, so berichten Insider, verweigerten Führungskräfte regelrecht die Kommunikation und ließen Büchner in Konferenzen „auflaufen“. Wenn der Blattmacher in der Montagskonferenz seinen überarbeiteten Maßnahmenkatalog unterbreitet, wird er wohl von seinem ehemals ehrgeizigen Zeitplan abrücken, der Integration von Print und Online in eine gemeinsame Führungsstruktur mehr Zeit geben und den Druck auf die kritischen Ressortleiter verringern. Nutzen dürfte ihm das wenig, denn das Vertrauen in den als Visionär und Change-Manager verpflichteten Chef ist längst zerstört. Das hat viele Ursachen, und einige davon er selbst zu verantworten. Büchners Umarmungsstrategie kommt zu spät und wirkt angesichts der unverhohlen geführten Nachfolgediskussion auch in Gesellschafterkreisen geradezu erbärmlich. Ginge beim Spiegel alles mit rechten Dingen zu, hätte man Büchner diese Peinlichkeit ersparen können, ja müssen.

Aber die dazu nötige Handlungsfähigkeit fehlt den Gesellschaftern, und dafür gibt es gute und aus Sicht der jeweiligen Beteiligten auch logische Gründe. Dennoch ändert das nichts am Irrsinn der Gesamtsituation, die mit jedem Tag den Image-Verlust der erfolgreichsten Medienmarke der Republik mehrt und am Ende doch das Ergebnis produzieren wird, das schon seit Wochen absehbar ist. „Das Problem heißt nicht ‚Spiegel 3.0‘, sondern Wolfgang Büchner“, konstatiert der Tagesspiegel treffend. Dennoch stellen sich die Gesellschafter, allen voran der mit einem Veto-Recht ausgestattete Verlag Gruner + Jahr ostentativ vor den gescheiterten Chefredakteur und signalisieren formal, dass an der Ericusspitze alles in bester Ordnung sei. Eine Groteske, die in der Medienbranche einzigartig ist und allen Beteiligten Schaden zufügt.

Schon das Treffen der Gesellschafter am Freitag in der Spiegel-Zentrale stand unter keinem günstigen Stern. Aufgrund der hohen Erwartungshaltung hatten die Teilnehmer den Wert der Veranstaltung klein geredet, obwohl es im Haus doch lichterloh brennt. Am Ende fand das Meeting in dezimierter Runde statt. Jakob Augstein hatte nach MEEDIA-Informationen am Vormittag erklärt, dass er dem Gespräch fernbleiben würde und damit Irritationen ausgelöst, zumal der Sprecher der Erben-Gemeinschaft dafür keine Begründung mitlieferte. So tagte die Runde in Besetzung von Mitarbeiter KG-Geschäftsführer Thomas Hass, den G+J-Vorständen Julia Jäkel und Oliver Radtke, sowie Spiegel-Geschäftsführer Ove Saffe und Chefredakteur Büchner, die allerdings nach Vorstellung des modifizierten Digitalkonzepts wieder in ihre Büros zurückgeschickt wurden. Aus dem Umfeld der Teilnehmer hieß es, die Gespräche seien konstruktiv und in angenehmer Atmosphäre verlaufen, was immer das heißt und bedeuten soll.

Fakt ist, dass zwischen den Beteiligten Einvernehmen herrscht, Büchner so lange zu stützen, bis seine Nachfolge feststeht. Und das kann dauern. Ein Schreckensszenario wohl auch für den Chefredakteur, der dieses Spiel mitmachen muss, um seine Abfindung nicht zu gefährden. Das nun bereits seit zwei Wochen kaum mehr neue Namen gehandelt werden, zeigt, wie dünn der Personalmarkt für den lukrativsten Chefredakteursposten der Republik ist. Dauer-Darling Giovanni di Lorenzo, angeblich Wunschkandidat von G+J-Chefin Julia Jäkel, wird es offenbar nicht. Der Zeit-Chefredakteur habe nach anfänglicher Sympathie für einen Wechsel letztlich abgewunken, ist zu hören und auch, dass das eine kluge Entscheidung sei. Handelsblatt-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs, einst selbst beim Spiegel „sozialisiert“, ist ein weiterer Blattmacher, um den es nicht abebbende Gerüchte über einen möglichen Wechsel von Düsseldorf nach Hamburg gibt. Das Problem: Dementis von allen Seiten. Schließlich gibt es noch die Variante, dass Jakob Augstein eine führende Rolle beim Spiegel übernimmt. Dafür gibt es sicher Argumente und eine solche Besetzung hätte auch einen gewissen historischen Charme, allerdings scheint der Erbe und Gesellschafter in der Mitarbeiter KG nicht mehrheitsfähig zu sein.

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Eine Lösung des Personalproblems an der Spitze ist also bislang nicht in Sicht, was die Spielräume der Gesellschafter extrem einengt.  Denn tatsächlich geht es nur vordergründig um Wolfgang Büchner und seine Qualitäten als Spiegel-Chef. Viel mehr stellt sich die Frage, ob der Spiegel mit seiner verkrusteten Struktur überhaupt zu einem tiefgreifenden Reformprozess fähig ist. Nach endlos scheinenden internen Debatten verknüpfen die KG-Vertreter nun offenbar ihre Zustimmung zur weiteren Umsetzung von Spiegel 3.0 an die Entlassung Büchners, ohne jedoch zugleich ein nachhaltiges Alternativkonzept vorzulegen. Hier ist Gruner + Jahr gefordert, für künftige Chefredakteure die notwendigen Handlungsoptionen grundsätzlich zu verteidigen. Klar ist: Wenn jetzt auf Druck der Basis eine interne Nachfolge – und sei es nur auf Zeit – durchgesetzt würde, hätten die Besitzstandswahrer beim  Spiegel auf Jahre gewonnen, nicht nur im Fall Büchner, nach dem Motto „Wer am lautesten brüllt, bekommt recht“. Den Gesellschaftern bliebe dann nur die Rolle abzunicken, was die Mannschaft will – ein fatales Signal an Kandidaten für das Amt des Chefredakteurs: Welcher Hochkaräter würde sich diesen Job dann noch antun?

 

 

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