Der Verflochtene: „Die Anstalt“ und Zeit-Herausgeber Josef Joffe vor Gericht

Trotz Verbot im YouTube-Kanal ihres Vertrauens zu sehen: Journalisten-Vernetzungs-Satire aus der „Anstalt“
Trotz Verbot im YouTube-Kanal ihres Vertrauens zu sehen: Journalisten-Vernetzungs-Satire aus der "Anstalt"

Diesen Freitag ging in Hamburg der Prozess der beiden Zeit-Journalisten Josef Joffe und Jochen Bittner gegen die ZDF-Kabarett-Sendung “Die Anstalt” über die Bühne. Das Verlagshaus DuMont setzt mit einer Pressemitteilung neue Maßstäbe in Sachen Bullshit-Talk, der Tagesspiegel verklickert, wie Journalisten ticken und die taz verkürzt uns die Wartezeit auf den neuen Spiegel-Chefredakteur mit einer Glosse.

Werbeanzeige

Schade, dass Live-Übertragungen aus Gerichtssälen nicht erlaubt sind. Es wäre sicher nicht ohne Erkenntnisgewinn gewesen, hätte man auch von Ferne dem Prozess der Zeit-Journalisten Josef Joffe und Jochen Bittner vs. “Die Anstalt” beiwohnen können. So konnte sich unsereins aus der Distanz wenigstens dank der Live-Twitterei von Rechtsanwalt Markus Kompa (@KompaLaw) einigermaßen auf dem Laufenden halten. Der Eindruck, den man so aus der Ferne von der Zeit-Fraktion gewinnen konnte, war nicht der beste, vor allem bezogen auf deren umtriebigen Herausgeber Josef Joffe. Joffe und Bittner ließen dem ZDF die Verbreitung eines Clips aus “Der Anstalt” via Einstweiliger Verfügung verbieten, in dem u.a. sie beide als vielfach verflochtene Journalisten durch den Kakao gezogen wurden. Jetzt geht es darum, ob Joffe und Bittner wirklich Mitglieder in den genannten Organisationen sind oder waren oder ob sie dort nur mal aus Versehen am Klingelschild vorbei gelaufen sind. Überspitzt gesagt. Den “verbotenen” Clip bekommt man in der Zwischenzeit an jeder Ecke im Internet unter die Nase gerieben. Ja, die modernen Medien haben manchmal auch ihre Vorteile.

Vor allem bei Josef Joffe wirkt die Prozess-Hanselei in Sachen “Die Anstalt” ziemlich aufgesetzt. Es gibt da diese hübsche Browser-Erweiterung namens Cahoots (hier wird sie genau erklärt), die öffentlich zugängliche Verbindungen zwischen Journalisten und Organisationen, Firmen und Institutionen aufzeigt. Sehr praktisch. Wenn man Cahoots über den Namen Josef Joffe laufen lässt, dann spuckt die App eine durchaus beeindruckende Liste an Verflechtungen aus. Von der Atlantik-Brücke über die Investment Bank Goldman Sachs bis zur Münchner Sicherheitskonferenz. Ein Link führt zu einer alten Werbeseite für eine Reiseveranstaltung der Zeit “Begegnung mit Josef Joffe” In der Beschreibung heißt es u.a.: “Joffe gilt als einer der renommiertesten Amerikakenner Deutschlands und ist mit vielen politischen Institutionen eng verdrahtet, unter anderem mit dem Aspen Institute und der Atlantikbrücke.” Und nun wurde vor Gericht darüber gestritten, ob Joffe nur im Aspen Institut Prag Mitglied ist oder auch im Aspen Institut Berlin oder ob die Redaktion der Zeit in Hamburg eine „Organisation“ sei oder nicht. Den Eindruck, ein ganz besonders unabhängiger Geist und Freund der Meinungsfreiheit zu sein, erweckt Joffe mit seinem Verhalten jedenfalls nicht. Um das Mindeste zu sagen. Hier geht es zum Prozessbericht von Markus Kompa bei Telepolis.

Die Entscheidung in Sachen Einstweiliger Verfügung will das Gericht am 2. Oktober verkünden, im Klage-Verfahren ist eine Entscheidung für 21. November angekündigt.

Sollten Sie zufällig Angehöriger eines Unternehmens oder einer Institution oder politischen Partei sein und gerne mal lernen, wie diese Journalisten „ticken“, dann hätte der Tagesspiegel da ein Angebot für Sie:

Unter der Überschrift “So ticken Journalisten” verrät die Qualitätszeitung aus der Hauptstadt für 499 Euro (inkl. Getränken und Mittagessen), “wie sie am besten Kontakt zu Journalisten aufnehmen und wie sie ihr Thema am attraktivsten darstellen.” Und das Dollste: Das Ganze ist “als Bildungsurlaub anerkannt”. PR-Fuzzis gegen Kohle erklären, wie Journalisten „ticken“ – ist das als Geschäftsmodell besonders clever oder besonders dreist?

Diesen Freitag verschickte “das traditionsreiche Medienunternehmen M. DuMont Schauberg” (Eigendarstellung) eine Pressemitteilung, die in Sachen Bullshit-Talk Maßstäbe setzte. Dort wurde ein “Zukunftsprogramm” mit Namen “Perspektive Wachstum” “vorgestellt”. Es war viel die Rede davon, dass Irgendwas “gebündelt” wird und man sich “verstärkt” auf irgendwas Anderes konzentriert. 20 Mio. Euro werden “in Technologie und Prozesse” investiert. Verleger Alfred Neven DuMont wird mit den Worten zitiert: “Wir glauben an Medien als Geschäftsmodell, wir sind sogar überzeugt, dass dies ein Markt mit Wachstumspotenzial auch für eine regionale Mediengruppe wie M. DuMont Schauberg ist.“ Vorstandschef Christoph Bauer sagte: “Wir rücken erstens viel näher an den Markt und unsere Kunden. Zweitens bündeln wir Management- und Medienservices sowie die Druckereien, um durch effiziente Strukturen und einheitliche Prozesse eine skalierbare Organisation zu schaffen. Und wir stärken die Innovationskraft – durch neue Geschäftsmodelle auch jenseits unserer digitalen Aktivitäten in den Regionalmedien.“ Im Kern des künftigen Kurses bleibe “das Bekenntnis zur publizistischen Qualität”. Ganz am Ende, wenn einem schon ganz schwummrig war vor lauter inhaltslosem Managergeblubber stand dann das eine entscheidende Sätzlein: “Das Zusammenfassen der Serviceleistungen in Verbindung mit Investitionen in Technologie und Prozesse wird mit einem Personalabbau verbunden sein.” Zusammenfassung: Zukunft, Perspektive, Wachstum, Qualität = Personalabbau.

In diesem Zusammenhang fällt mir das Interview ein, dass ich vor kurzem für MEEDIA mit dem früheren Handelsblatt-Chefredakteur Bernd Ziesemer führte. Zum Thema Phrasen in Verlagsmitteilungen sagte Ziesemer: “Das ist ein ganz großer Bullshit, der da betrieben wird. Das beleidigt die Intelligenz aller Menschen, die das lesen. Man sollte das wirklich lassen. Es ist völlig klar, dass viele Verlage harte Restrukturierungsprogramme machen müssen. Das Kind sollte dann auch beim Namen genannt werden. Es hilft niemandem weiter, wenn jedes mal so ein Schwall von Erklärungen abgegeben wird.” Komisch, warum mir das jetzt wieder beim Lesen der DuMont-Pressemitteilung eingefallen ist …

Ist Wolfgang Büchner eigentlich noch Spiegel-Chef? Weiß man ja nie so genau. Beim Schreiben dieser Zeilen war er es jedenfalls noch. Gerade so. Die Wartezeit bis zur Verkündigung des neuen Spiegel-Chefredakteurs können Sie sich mit dieser wunderbaren Glosse aus der taz verkürzen: “Wolle hat die Faxen dicke”. Hoffentlich wird die Glosse nicht bald verboten.

Schönes Wochenende!

Werbeanzeige

Alle Kommentare

  1. der Text der taz ist kein Kommentar sondern Wortmüll. Der Eindruck nach der Lektüre ist: Herr Winterbauer findet ihn toll, der Leser sagt tonlos: wo ist eine neue Erkenntnis, außer der: schiere Häme. Ist das eigentlich ok?

  2. Wären Joffe und Bittner Mitglied bei Greenpeace, der Deutschen Umwelthilfe, der anti-AKW-Bewebung oder einem Unterstützerverein für notleidende Palästinenser, in keiner Satire-Sendung würde darüber ein Wort verloren und ihre journalistische Unabhängigkeit in Zweifel gezogen. Aber wer sich um die deutsch-amerikanischen Beziehungen kümmert (statt um die deutsch-plästinensischen), der macht sich verdächtig. Warum ist das so?

    1. Vielleicht… weil die einen die leidenschaftichen Plattmacher sind und die anderen die ewig Plattgemachten? Solidarität mit Schwächeren wird von vermutlich vielen eher goutiert als Kumpanei mit Muskelspielern.
      Mit dem ehrenwerten Herrn Joffe habe ich schon zu den aktiven Zeiten des Massenmörders J.W.Bush kein Eninvernehmen darüber herstellen können, dass Kritik an fataler und selbstschädigender Amerikanischer Außenpolitik kein Antiamerikanismus ist. Interessanter Mensch, wirklich.

      1. Und wer entscheidet, wer die „Plattmacher“ sind? Gibt es da ein übergeordnetes Gremium, eine Art Jury?
        Die einzige akzeptable Antwort wäre das Zitat von Hanns Joachim Friedrichs: „Guten Journalismus erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache. Auch nicht mit einer guten Sache.“ Aber diese Regel hat in unseren Mainstream-Medien leider keine Anhänger mehr.

  3. Lieber Herr Reinking, das muss doch erst mal jeder für sich und mit sich selbst ausmachen, wen er für was hält.
    Danach sieht man dann wer da so neben einem steht und wenn man über halbwegs gute Augen verfügt, dann sieht man wer noch so mit einem auf dem selben Platz steht.
    Für einige hier in Deutschland, sind die angeblichen Freunde vergangener Tage, nicht mehr das was man so unter einem Freund versteht.
    Das heißt aber nicht das man die gleich in eine neue Schublade packt und sagt ab jetzt sind die böse.
    Ich finde man muss sich einfach mal mehr mit den Hintergründen „der anderen“ befassen, als immer nur den eigenen Begehrlichkeiten nachzujagen und das auch gefühlt auf Teufel komm raus und komme was da wolle!
    Das erwarte ich heutzutage von der Presse, denn die Weltpolitik unserer Regierungen, interessiert das alles scheinbar nicht!

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige