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Das “Rising Star”-Debakel bei RTL und das Märchen von mutigen Programm-Machern

Zappenduster: "Rising Star"

Nun hat auch auch RTL seinen Megaflop der Saison. Die für viel Geld und mit großem Aufwand produzierte Musikcasting-Show “Rising Star” ging am Wochenende quotenmäßig komplett baden. Nun wird die Sendung verkürzt und/oder verschoben. Das perfide dabei ist, dass “Rising Star” handwerklich gar keine schlecht gemachte Show war. Der Flop sagt aber einiges über die aktuelle Ratlosigkeit in der TV-Branche.

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Das ziemlich totale Versagen von “Rising Star” beim Publikum ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Das Musikcasting-Format war nämlich rein aus handwerklichen Gesichtspunkten betrachtet eine gute Show. Die Produktion ist astrein, Moderator Rainer Maria Jilg ist endlich mal ein frisches Gesicht und er macht seine Sache unpeinlich und gut. Die Jury-Besetzung ging völlig in Ordnung mit einem abgehalfterten US-Star (Anastacia) und ein paar Deutsch-Musikern wie Sasha, Gentleman und Joy Denalane.

Musik-Casting ist abgenudelt

Die Technik samt Einbindung der App klappte augenscheinlich reibungslos. Die riesige Videowand, auf der Bilder der abstimmenden Zuschauer eingeblendet werden, ist tatsächlich bombastisch und beeindruckend. Die Kandidaten boten eine Mixtur aus echten Talenten und schrägen Vögeln. “Rising Star” ist um Klassen besser gemacht als zum Beispiel die jüngsten ProSieben-Flops “Keep Your Light Shining” oder die ganz und gar unterirdische “Millionärswahl”. Anders als RTL hat ProSIebenmit den Joko & Klaas Shows und „Schlag den Raab“ noch gut laufende und originelle Event-Formate.

Mit den beiden Flop-Shows der Konkurrenz hat RTLs “Rising Star” nun gemein, dass ein schnelles Ende gesucht wird. RTL-Sprecher Christian Körner sagt: „Wir arbeiten an einer Programmierung, die den Talenten im Wettbewerb, aber auch dem klaren Votum unserer Zuschauer und dem Konzept selbst in der verbleibenden Zeit gerecht wird.“ Klartext: Die Show wird vorzeitig beendet oder auf einen Sendeplatz verschoben, wo sie nicht mehr viel Schaden anrichten kann.

Was war los? Eine beliebte Schein-Begründung für TV-Flops ist, das der “Mut”, etwas Neues zu probieren, leider nicht belohnt werde. Damit haben sich die Verantwortlichen bei ProSieben ihre Flops schön geredet. Vermutlich wird die Mut-Lüge auch Teil der RTL-Ausredenstrategie sein. Aber ist es wirklich so, dass hier besonders “mutige” Programm-Gestalter am Werk waren? Ist eine internationale Musikcasting-Show, die auf technisch perfekten Bombast setzt, mutig? Das Genre Musikcasting begann seinen Höhenflug mit dem Format “Popstars” und erreichte seinen Höhepunkt mit den ersten Staffeln “Deutschland sucht den Superstar”. Beides ist schon eine ganze Weile her.

Mit “The Voice of Germany” erlebte das Genre eine kurze Renaissance aber “Keep Your Light Shining” und “Rising Star” zeigen deutlich, dass die Idee der Musik-Castingshow abgenudelt ist. “DSDS” ist schon längst mehr Trash-Soap statt Musikshow und “Das Supertalent” ein permanent übergeigtes TV-Kuriositätenkabinett. Es ist also keinesfalls “Mut”, der hier leider nicht belohnt wird. Vielmehr wird rasende Einfallslosigkeit vom Publikum abgestraft.

Apps im TV braucht kein Mensch

Und noch etwas zeigt sich am Untergang von “Rising Star”: Das Einbinden von Apps in TV-Programm braucht kein Mensch. Das Publikum spürt instinktiv, dass die Interaktivität nur eine vorgegaukelte ist. Echte Interaktivität sucht sich über Twitter und Facebook eigene Wege und braucht keine aufgepfropften Sender-Apps. Der Kampf um den so genannten Second Screen ist für die TV-Sender verloren,noch bevor er richtig begonnen hat.

Halten wir fest: Musik-Casting-Shows sind im Prinzip durch, App-Einbindung in TV-Shows ist sinnlos. Das echte Problem sitzt aber tiefer. Dass RTL nun – wie zuvor auch ProSieben –  die gescheiterte Show schnell aus dem Programm kegelt könnte vielleicht ein Hinweis auf die wahren Gründe sein, warum das Publikum sich immer öfter abwendet. Es zeigt sich nämlich, dass die Sender, die Privat-TV-Sender vor allem, ihr Publikum nicht ernst genug nehmen. “Rising Star” mag ein mordsmäßiger Flop sein – aber der Sender hat nicht das Stehtvermögen, die Sache durchzuziehen. Aus Angst vor den schlechten Marktanteilen, die die monatliche Quotenbilanz versauen könnten.

Dafür verprellt man die Fans, die die Sendung noch haben mag. Und den “Talenten” der Shows wird so ganz nebenbei eindrücklich vorgeführt, dass sie nichts weiter sind als Quotenfutter. Die frei werdenden Sendeplätze werden vermutlich mit bewährter Konservenkost gestopft. Das läuft dann quotenmäßig ganz OK, geht über ein gewisses Maß aber nie hinaus.

Fernsehen gaukelt gerne vor, dass ganz große Emotionen bewegt werden, dass Träume gelebt werden. Auf dem Bildschirm herrscht aber ein Regiment des Quotendrucks und des kleinsten gemeinsamen Nenners. Wenn die Träume und Emotionen nicht sehr schnell Ertrag liefern, werden sie ersetzt durch 08/15-Ware. Diese Entwicklung gibt es schon seit einiger Zeit und sie macht etwas mit dem Fernsehen und den Zuschauern.

Zuschauer, denen etwas an den Inhalten liegt, vor allem an Spielfilmen und Serien, wenden sich ab. Warum laufen denn hochklassige Programme wie das viel zitierte “House of Cards” im Free-TV so schlecht? Nicht, weil es dafür kein Publikum gäbe, sondern weil das Publikum keine Lust hat auf schlampige Synchronisation, haarsträubende Nacht-Programmierung, willkürlich eingestreute Werbebreaks und mit  stumpfer Axt weggehackte Film-Abspänne. Das interessierte Publikum hat “House of Cards” & Co schon längst auf anderen Medienkanälen gesehen und braucht das lineare Fernsehenhier nicht mehr. DVDs, BluRays und jetzt Video on Demand Dienste wie Maxdome oder Netflix füllen die immer größeren Lücken, die das lineare Privat-TV lässt.

Mit aus Einfallslosigkeit und Panik geborenen Kurzatmigkeit vergrault das lineare Fernsehen anspruchsvolle Zuschauer. Übrig bleibt ein Rest-Publikum, dem im Zweifel alles egal scheint. Formate zigfach gesendeter Genres einzukaufen, die irgendwo anders schon erfolgreich gelaufen sind und der Fata Morgana Interaktivität hinterherzulaufen – dafür braucht es keinen Mut. Das ist die Programm-Strategie von Angsthasen.

Einen langen Atem zu haben, Formate und Personen wirklich zu entwickeln, das Publikum ernst nehmen – das bräuchte Mut. Vielleicht muss es dem Fernsehen erst noch viel schlechter gehen, bevor es wieder besser werden kann.

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