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„Qualität eingeführter Produkte gefährdet“ – der Brandbrief der Spiegel-Ressortleiter im Wortlaut

Im Machtkampf mit der Redaktion mit dem Rücken zur Wand: Chefredakteur Wolfgang Büchner (li.), Geschäftsführer Ove Saffe
Im Machtkampf mit der Redaktion mit dem Rücken zur Wand: Chefredakteur Wolfgang Büchner (li.), Geschäftsführer Ove Saffe

Montag ist Spiegel-Tag: Mit Datum vom 8. September haben alle zwölf Print-Ressortleiter des Nachrichtenmagazins den Gesellschaftern eine gemeinsame Erklärung zugeleitet, die die Debatte um das umstrittene Konzept "Spiegel 3.0" von Chefredakteur Wolfgang Büchner erneut anheizen dürfte. MEEDIA dokumentiert das Schreiben im Wortlaut.

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Das Pamphlet der Magazin-Ressortleiter fordert deutliche Korrekturen an Konzept und Zeitplan der Umsetzung. Interessant ist, dass der Name des bei den Print-Chefs ungeliebten Blattmachers Büchner nur ein einziges Mal fällt und dessen Strategie zwischen den Zeilen eher in den Bereich des gemeingefährlichen Aktionismus gerückt wird. Der Medienjournalist Peter Turi, der das brisante Schreiben an die Gesellschafter am Dienstagnachmittag enthüllt hatte, berichtet zudem von anhaltendem Misstrauen der Printler gegenüber Büchner und den von ihm verpflichteten Chefredaktions-Kollegen Nikolaus Blome. Hier das Schreiben in ungekürzter Fassung:

 

Liebe Gesellschafter,

in den vergangenen zwei Wochen hat Chefredakteur Wolfgang Büchner uns, den Ressortleitern Print des SPIEGEL, in Einzelgesprächen seine Vorstellung vom SPIEGEL 3.0 erläutert. In einigen Bereichen des Hauses hat es offenbar den Eindruck gegeben, die Ressortleiter Print stünden nach diesen Gesprächen geschlossen hinter dieser Strategie. Dieser Eindruck ist nicht richtig. Um die Debatte über die Zukunft transparent zu gestalten und auf eine möglichst breite Basis zu stellen, möchten wir Ihnen und der SPIEGEL-Redaktion unsere gemeinsame Haltung schriftlich erläutern.

Auch wir, die Ressortleiter Print, sehen die Notwendigkeit zu grundlegenden Veränderungen. Die wirtschaftliche Basis der eingeführten Marken Spon und SPIEGEL ist bedroht. Deshalb benötigt der Verlag eine Strategie, die die traditionellen Produkte stabilisiert und gleichzeitig einen mutigen Schritt zur Digitalisierung der Gesamtmarke unternimmt. Dazu ist es erforderlich, die Führungsstrukturen in den Print- und Onlineredaktionen zu verändern. Die Ressortleitungen müssen durch geeignete Maßnahmen verzahnt und auf die im Konzept SPIEGEL 3.0 geplanten (sowie weitere, noch zu entwickelnde) Paid-Content-Inhalte für die digitalen Vertriebskanäle ausgerichtet werden.

Der Vorschlag zur raschen Einführung gemeinsamer Ressortleitungen Print/Spon hat in der Printredaktion große Unruhe ausgelöst – gemeinsame Ressortleitungen, die die beiden Kanäle nicht nur im Alltag planen und weiterentwickeln sollen, sondern auch die jeweils bisher fremden Ressortteile operativ steuern sollen. Alle sollen alles können, und alle sollen alles müssen, unabhängig von Qualifikationen und Kompetenzen. Was entstehen würde, wäre eine schnelle Vereinheitlichung der Führungsstrukturen, die die bewährten Arbeitsweisen in der Redaktion sowie die journalistische Qualität der eingeführten Produkte gefährdet. Für diesen Totalumbau der hierarchischen Struktur gibt es keine Notwendigkeit, er befördert zudem die von den Gesellschaftern angeführten Sorgen. Die Ressortleiter Print empfehlen deshalb, an den Zielen von SPIEGEL 3.0 festzuhalten und diese auch inhaltlich zu ergänzen, für die Umsetzung aber einen Weg zu wählen, der die Mitarbeiter einbindet und die Qualität der jeweiligen Produkte nicht gefährdet.

Zu diesem Zweck treten die Ressortleiter Print für die Schaffung einer zeitlich flexibel zu handhabenden Übergangsstruktur ein, die eine gleitende Entwicklung in die digitale Zukunft gewährleistet. Während dieser Zeit bleiben die getrennten Ressortleitungen Print und Online erhalten. Gleichzeitig wird in den Arbeitsverträgen der Ressortleiter Print/Online die Zusammenarbeit zwischen den Redaktionen sowie die Entwicklung geeigneter Inhalte für das neue digitale Paid-Content-Angebot als vorrangige Führungsaufgabe definiert.

Als ersten unmittelbaren und inhaltlich sinnvollen Schritt schlagen wir vor, ab sofort für die einzelnen Ressorts gemeinsame Kopfstellen zu schaffen, in denen die Ressortleiter aus Print und Online die Themen steuern und planen und darüber hinaus die digitalen Inhalte der Zukunft konzeptionieren und gestalten. Letzteres gemeinsam auch mit denjenigen Abteilungen des Hauses, die für die technische Steuerung des Digitalbereichs verantwortlich sein werden.

Diese Umsetzung des Konzepts 3.0 hat gegenüber der sofortigen Einführung Vorteile:

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1. Die Struktur folgt den heutigen Arbeitsschwerpunkten, die noch für etliche Zeit bei den eingeführten Produkten Spon und Print liegen. Gleichzeitig schafft sie in den Redaktionen den notwendigen Schub für die schnelle Weiterentwicklung des wichtigen neuen Paid-Content-Bereichs.

2. Diese Vorgehensweise verschafft dem Verlag die notwendige Zeit, um die betriebswirtschaftlichen und arbeitsrechtlichen Probleme des 3.0-Konzepts (Zwei-Firmen-Strategie, Tennung von fachlicher und disziplinarischer Führung) zu lösen.

3. Dieser Übergang ermöglicht eine evolutorische Umsetzung des 3.0-Konzepts. Es richtet die Führungsebenen wie die Redaktionen der beiden eingeführten SPIEGEL-Produkte auf die digitale Zukunft aus, ohne mit bewährten Strukturen und Vorgehensweisen in den beiden Redaktionen brachial zu brechen. Dadurch stärkt es die Bereitschaft der betroffenen Redakteure, sich den notwendigen Veränderungen zu stellen und sich kreativ in den Erneuerungsprozess einzubringen.

4. Erst wenn im Laufe dieses Prozesses präzisere inhaltliche Vorstellungen über die digitale Zukunft entstanden sind, werden wir wissen, welche inhaltlichen Aufgaben sich stellen, wie man sie in den Redaktionen und Ressorts organisiert und von wem sie geleitet werden.

Wir, die Ressortleiter Print, sind überzeugt, dass mit unserem Vorschlag das Konzept 3.0 „in enger Zusammenarbeit mit den Redaktionen von SPIEGEL und SPIEGEL Online verwirklicht werden kann“, wie es die Gesellschafter des SPIEGEL-Verlags in ihrer Erklärung am 28.08.2014 verlangt haben. Es erleichtert es zudem, den gewünschten Prozess der Verzahnung flexibel an die Geschäftsentwicklung insbesondere des neuen digitalen Paid-Content-Bereiches anzupassen.

Mit freundlichen Grüßen

Rafaela von Bredow, Ulrich Fichtner, Matthias Geyer, Lothar Gorris, Armin Mahler, Gerhard Pfeil, Britta Sandberg, Michael Sauga, Olaf Stampf, Hans-Ulrich Stoldt, Alfred Weinzierl, Michael Wulzinger

 

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