„Nicht an Facebook delegieren“ – die Debatte über den Leserdialog bei Süddeutsche.de und Zeit.de

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Die Branche sucht nach einem sinnvollen Umgang mit Leser-Kommentaren. Süddeutsche.de kündigte diese Woche an, den Dialog mit den Lesern grundlegend zu ändern. MEEDIA hat mit SZ.de-Chef Stefan Plöchinger über die genauen Pläne gesprochen sowie mit Jochen Wegner, Chefredakteur Zeit Online, der den Änderungen zum Teil skeptisch gegenüber steht. Diese Form des Leserdialogs würde die freie Rede einschränken, meint Wegner.

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„Wir haben einen Fehler im System. Nämlich in den Foren der Nachrichtenseiten. Es ist Zeit, das zuzugeben. Wir müssen den Leserdialog neu denken.“ Das schrieb der Chef von Süddeutsche.de und Mitglied der SZ-Chefredaktion Stefan Plöchinger vor zwei Monaten auf seinem Blog. Jetzt ist es soweit und Daniel Wüllner, Redakteur für den Leserdialog, kündigte auf SZ.de grundlegende Veränderungen im Umgang mit Leserkommentaren und -diskussionen an.

Die wichtigsten Änderungen

    • Es wird Debattenforen zu zwei bis drei ausgewählten wichtigen Themen geben. Dort werden Diskussionen zu den selben Themen gebündelt.
    • Es werden keine Kommentare unter den einzelnen Beiträgen mehr möglich sein, diese Diskussionen sollen alle in die sozialen Netzwerke verlagert werden. Den Lesern werden die Diskussionen im Social Web unter jedem Artikel angezeigt.
    • Süddeutsche.de will außerdem mit unterschiedlichsten Dialogformen experimentieren und immer wieder Leseraktionen wie „Die Recherche“ starten.
    • Technisch umgesetzt werden diese Änderungen mit Hilfe des Diskussionsnetzwerks Disqus.

Wie mit Online-Kommentaren und der Diskussionskultur im Netz umgegangen wird, entscheidet jede Redaktion für sich. Der Weg, den Süddeutsche.de jetzt einschlägt, geht allerdings in eine völlig neue Richtung. MEEDIA hat Stefan Plöchinger einige Fragen zu den Plänen gestellt:

Nach welchen Kriterien werden die Themen ausgesucht, zu denen im Forum die Debatten geführt werden? Und wie flexibel wird die Redaktion hier sein?

Plöchinger: Wir haben aus vielen Jahren des Leserdialogs gute Erfahrungen, welche Themen unsere Leser interessieren, und wir laden in den Foren explizit dazu ein, uns Vorschläge zu machen. Natürlich kommen drängende Themen dabei weiter nach vorne. Aber unsere genauen Workflows haben wir nicht in Stein gemeißelt – das zu tun, wäre nicht klug, wenn man so etwas Weitgehendes versucht wie wir. Wir wollen aus und mit unseren Lesern lernen, wie man das Diskutieren und Beteiligen der Leser auf eine neue Stufe bringt, und haben uns darum auch genau angeschaut, welche Leseraktionen in den vergangenen Wochen wie gut funktioniert haben. Formate wie Die Recherche oder unser Münchner Gefahrenatlas haben uns gezeigt, dass neue, gut geführte Formen der Beteiligung unseren Journalismus insgesamt nach vorne bringen.

Wie wird die Präsentation des Leserdialogs auf der Startseite aussehen? Werden hier auch lediglich Kommentare veröffentlicht, die sich auf die von Ihnen zur Debatte gestellten Themen beziehen? Wie wird hier gefiltert?

Plöchinger: Wir zeigen erst mal alle Leseraktionen, die gerade laufen. Zum Start haben wir auf der Homepage die drei aktuellen Diskussionsthemen präsentiert, außerdem kuratierte Leserzuschriften zum Snowden-Skandal („Ihre Post“), eine Antwort auf eine Leserfrage zum Datenschutz („Ihre Frage“) und natürlich unsere bewährte Zeile mit den Social-Media-Präsenzen. In den einzelnen Diskussionsforen machen wir künftig – erste Lernerfahrung – ab sofort klarer, wie Leser uns erreichen können. Ob wir später auch noch Leserzuschriften explizit herausgreifen oder andere Präsentationsformen suchen, wissen wir noch nicht. Wir schauen uns an, wie es jetzt anläuft, und lernen daraus.

Glauben Sie, dass das Moderieren der Diskussion in den sozialen Netzwerken – gerade bei Facebook – leichter wird als bei den Kommentaren unter den Artikeln? Oder anders gefragt: Wird die Moderation dort dann noch verstärkt beziehungsweise die Social Media Betreuung anders aufgestellt?

Plöchinger: Wir haben das komplette Leserdialog-Team in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgebaut, aber auch festgestellt, dass Nutzer schlechte Debatten auf Facebook eher Facebook anlasten als uns – sehr interessant. Wir nutzen auf Facebook inzwischen Wortfilter, blocken Nutzer, die gegen unsere Netiquette verstoßen, und stecken vor allem bei klassisch-kritischen Themen auch Moderationsaufwand rein, aber klar ist: Jedes Posting jedes Nutzers dort zu kontrollieren, scheitert schon wegen der darauf nicht ausgerichteten Facebook-Kommentarfunktion. Zu einem gewissen Teil vertrauen wir darum auch auf die anderen Nutzer, die dort bisher Ausfälle immer schnell gebrandmarkt und uns auch für Eingriffe in der Regel gedankt haben.

„Freier Diskurs muss möglich sein“

Die Begeisterung über die angekündigten Änderungen ist nicht auf allen Seiten groß. So kritisierte Jochen Wegner, Chefredakteur von Zeit Online auf Twitter, die freie Rede werde durch vorgegebene Diskussionsthemen eingeschränkt:


Stefan Plöchinger sagt dazu gegenüber MEEDIA: „Das Netz ist das Medium der freien Rede, und wir verbieten ja niemandem, sich im Netz zu äußern, und würden das bis auf Grenzfälle nie wollen. Wenn wir aber Äußerungen von Nutzern auf unserer Seite abbilden wollen, dann wollen wir das so tun, dass andere Nutzer inspiriert und klüger daraus hervorgehen. Das versucht auch Zeit Online, mit meistens, aber nicht immer guten Ergebnissen, und natürlich schränkt Jochen auch bei sich die Diskussionsfunktion deshalb immer wieder ein. Wenn er in der Summe einen anderen Weg gehen will, so sei es. Wir bekommen für unseren Weg gerade viel Zuspruch, nicht weil wir die Meinungsfreiheit einschränken, sondern weil wir etwas Neues, Konzentrierteres versuchen, das vielleicht am Ende die besseren Argumente nach vorne auf die Startseite bringen kann. So findet jeder die Lösung, die am besten zu seiner Seite passt.“

Und wie sieht diese Lösung bei Zeit Online im Vergleich zu den Neuerungen bei Süddeutsche.de aus? MEEDIA hat bei Jochen Wegner nachgefragt:

Sie kritisieren auf Twitter, dass die angekündigten Änderungen von süddeutsche.de die freie Rede der Leser einschränken würde. Welche Strategie hat Zeit Online, um zu filtern?

Wegner: Wir haben ein Team, das sich mittlerweile fast rund um die Uhr um die Moderation der Kommentare kümmert. Das ist sehr aufwändig, wir finden jedoch, dass es zu den grundlegenden Aufgaben von Journalisten gehört, einen freien Diskurs zu ermöglichen. Und dass die Vorteile, die offene Kommentare bieten, die Nachteile derzeit noch bei weitem überwiegen.

Können Sie den Schritt von Süddeutsche.de nachvollziehen, viele der Diskussionen hauptsächlich in die sozialen Netzwerke zu verlagern? Käme dies für Zeit Online auch in Frage?

Wegner: Das kommt für uns vorerst nicht in Frage. Ich finde es schwierig, für Kommentare, die sich direkt auf einen Beitrag beziehen, auf Facebook zu verweisen. Wir sollten die freie Meinungsäußerung nicht an Facebook delegieren.

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