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“Unbedankte Schufterei”: die große Chefredakteurs-Entzauberung

Der Chefredaktör hat’s schwör – meinen u.a. Stefan Aust und Peter Praschl
Der Chefredaktör hat's schwör - meinen u.a. Stefan Aust und Peter Praschl

In Süddeutscher Zeitung, Welt und Welt am Sonntag befassten sich am Wochenende gleich drei Texte mit einem Berufs auf dem absteigenden Ast: dem Chefredakteur. U.a. die Ex-Chefredakteure Stefan Aust (Spiegel) und Peter Praschl (Matador) baten zur Diagnose.

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Der ehemalige Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust antwortete in seiner Welt-am-Sonntag-Kolumne “Aust antwortet” auf die Frage: “Was ist los in den Verlagen?” Dafür, dass es derzeit bei Problemen vor allem Chefredakteure trifft, wie stern-Chef Dominik Wichmann und Focus-Chef Jörg Quoos, hat Aust folgende Erklärung parat:

Aber zuweilen haben die Verlage auch den Fehler gemacht, die Führung der Redaktion Menschen zu übergeben, die zwar vielleicht die Herausforderungen der digitalen Welt erkannt haben, aber ansonsten inhaltlich zu schwach aufgestellt sind. Als erstes muss ein guter Chefredakteur immer noch eine inhaltliche Linie vorgeben und eine gute Titelgeschichte von einer schlechten unterscheiden können.

Auf die Gefeuerten Wichmann und Quoos will diese Beschreibung nicht recht passen. Dafür  aber möglicherweise auf den (noch?) nicht gefeuerten Spiegel-Chefredakteur Wolfgang Büchner. Der offenkundige Seitenhieb auf Austs Nach-Nachfolger beim Hamburger Nachrichtenmagazin dürfte in der Branche verstanden worden sein. Aber auch den Verlagsmanagern gibt Aust noch einen mit:

In den Verlagen selbst mangelt es zuweilen an der Liebe zum Journalismus. Dabei gilt doch auch sonst: Wer Fisch verkaufen möchte, sollte Heringe und Steinbutt auch mögen.

Eher analytisch nähert sich Peter Praschl – auch er ist als ehemaliger Redaktionsleiter des Männer-Magazins Matador ein Ex-Chefredakteur – in der Welt dem Phänomen Chefredakteur. “Nachruf auf den Chefredakteur” ist sein Artikel vielsagend überschrieben. Er handelt von der Unmöglichkeit es allen recht zu machen, und zwar beileibe nicht nur Lesern, Mitarbeitern, Controllern und Managern:

Chefredakteure müssen Klicks generieren, bedrucktes totes Holz verkaufen, Starautoren und Betriebsräte bei Laune halten, in den sozialen Medien sichtbar sein, Likes auf Facebook einsammeln und den Branchendiensten Visionen und Selbstmarketing verticken: völlig rätselhaft, wie man das alles in einer Welt schaffen soll, in der man nicht nur gegen andere Blätter kämpfen muss, sondern auch gegen Facebook-Feeds, YouTube-Videos oder Handyspiele. Was immer man unternimmt, es reicht nie. Es ist, als würde man von Modemachern verlangen, dass sie sich gemütliche High Heels einfallen lassen.

War denn früher alles besser? Nein, weiß Praschl, da war nur mehr Geld für die in Anekdoten viel besungenen Chef-Schrullen:

Da war zum Beispiel der Monatsmagazinchef, der festzustellen pflegte, dass pünktlich erscheinende Hefte wohl jeder Depp zuwege brächte, oder jener, der in seinem Büro tagaus, tagein das Einputten trainierte. Es gab auch den Mann, der den ganzen Papierkram, der mit seinen Unterlassungs- und Beleidigungsklagen zusammenhing, in Plastiktüten verpackt im Kofferraum seines Porsche herumfuhr. Ihre Blätter waren nicht besser als die ihrer Nachfolger.

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Praschl schließt mit der bangen Frage, wer diesen Höllenjob heute eigentlich noch machen will. Denn: “Es gibt ja auch ein Leben jenseits der gut bezahlten, aber unbedankten Schufterei.” Drum merke, junger Journalist, bis auf das gute Leben Du erpicht, zum Cheffe machen sollst Du Dich nicht. Entschuldigung hierfür.

Von den beiden Autoren der großen Chefredakteure-haben-es-nicht-mehr-drauf-Analyse in der Süddeutschen Zeitung, Ralf Wiegand und David Pfeifer, war wenigstens letzterer schon mal Chefredakteur, nämlich beim kurzlebigen Medien/Internet/Technik-Magazin Konrad (war damals ein Ableger vom stern). In ihrem Text “Schnappatmung” vergleichen sie das Schicksal eines modernen Chefredakteurs mit dem eines Fußballtrainer:

Wäre Büchner ein Trainer, würden jetzt jeden Montag eine Menge Sportfotografen an der Hamburger Ericusspitze auf ihn warten, denn jeder Gang in die Kabine könnte der letzte sein. Solche Situationen kennt man aus dem Fußball, und zwar aus schlecht geführten Vereinen, die ihre Bedeutung überschätzen. Hamburg ist dafür ein tolles Pflaster.

Sie merken schon: Für Spiegel-Chef Wolfgang Büchners weitere Karriere an der Redaktionsspitze sehen die SZ-Autoren schwarz. Das deuten sie bereits mit dem ersten Satz ihres Artikel zart an: “Zwei Chefredakteure sind schon gefeuert, einer liegt noch auf dem Grill”. Wolfgang Büchners Aufgabe, die Redaktion des Spiegel innerhalb von zwei Monaten von seinen Umstrukturierungsplänen zu überzeugen, bezeichnen die SZ-Analysten als “Himmelfahrtskommando”. Zumal Büchner sich in dieser Zeit vom Blattmachen fernhalten soll. Die SZ meint:

Man nennt so etwas Himmelfahrtskommando, denn Büchner müsste in acht Wochen die ablehnende Meinung von mehr als Dreiviertel aller Redakteure drehen, die sich in den bald 52 Wochen seines Wirkens überhaupt erst aufgebaut hat. Das Memorandum gibt daher nicht Büchner Zeit für seine Reform, sondern der Geschäftsführung Luft für die Suche nach Nachfolgern, während praktischerweise schon andere das Blatt machen.

Es scheint, dass dieser Tage eine große Chefredakteurs-Entzauberung stattfindet. Einst waren sie die mächtigen Alleinherrscher, gefürchtet und geachtet in der Redaktionsstube, fuhren sie Beleidungsklagen im Porscher umher. Später waren sie die Anzug-ohne-Krawatte tragenden Redaktionsmanager, die Einzelverkaufs- und Anzeigenstatistiken in Branchenmedien-Interviews aus dem Effeff runterbeten konnten. Aber welcher Typ ist heute gefragt? Der große Digital-Print-Moderator? Der sanfte Lebenswelt-Erklärer? Der Old-School-Handwerker? Nicht nur, was die Geschäftsmodelle angeht, herrscht in diesen Tagen große Verwirrung, sondern auch beim Besetzen von Führungsposten.

Peter Praschl schreibt: “Ein Erfolgsrezept gegen das, was Medienkrise genannt wird, kennt abgesehen von Medienjournalisten und Medienbloggern nach wie vor keiner.” Wenn es doch nur so wäre. Es ist allerdings zu befürchten, dass auch Medienjournalisten und Medienblogger das Erfolgsrezept nicht kennen.

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