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Bertelsmann, gefangen zwischen Wachstumszwang und Preisinflation

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Sitz von Bertelsmann in Gütersloh

Thomas Rabe führt Bertelsmann, einen sehr großen deutschen Medienkonzern. Der rein von den Zahlen okay dasteht. Okay heißt: es könnte schlimmer sein, Rabe hat einige zufriedenstellend laufende Geschäfte (immer noch die RTL Group, auch Penguin Random House und Arvato) unter dem Dach. Okay heißt aber auch: seine Wachstumsstory, die Rabe seit nun zwei Jahren erzählt, kommt nicht in Gang.

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Wenn Thomas Rabe bei der Veröffentlichung von Bilanzzahlen etwas gefragt wird, dann vor allem: Verkaufen Sie etwas? Und dann: Was wollen Sie denn kaufen? Zur ersten Frage kann Rabe etwas Konkretes sagen. Zur zweiten sagt er auch etwas, aber dafür nicht so konkret. Das hat beides seine Gründe.

Häufigste Frage: Verkauft Bertelsmann Gruner+Jahr? Wo diese immer wiederkehrenden Gerüchte herkämen, Bertelsmann wolle G+J loswerden, wisse er nicht, sagt Rabe dann. „Keine Grundlage“ hätten solche Spekulationen, beteuerte er gerade wieder einmal am Freitag, zur Präsentation der Halbjahreszahlen. Woher die Spekulationen kommen, lässt sich dabei relativ einfach beantworten – das EBITDA von Gruner + Jahr sank im ersten Halbjahr um 31 Millionen auf 77 Millionen Euro. Der Umsatz sank um knapp 100 Millionen auf 908 Millionen Euro. Nach MEEDIA-Informationen gibt es interne Kalkulationen, bei denen G+J nach derzeitiger Marktentwicklung in drei Jahren einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag mit einem Minus davor stehen haben wird.

Solche Prognosen sind freilich nur eine Fingerübung, um beispielsweise das gerade beschlossene Effizienzprogramm, das einen Abbau von 400 Stellen mit sich bringt, zu rechtfertigen. Und Märkte stehen ja auch bekanntlich nicht still. Im Zeitschriftengeschäft entwickeln sich die maßgeblichen beiden Märkte – Vertrieb und Werbeanzeigen – nur leider gerade besonders schlecht. Von den versprochenen Millionen für Zukäufe, die Bertelsmann für G+J bei geeigneten Zielen locker machen würde, ist derzeit auch keine Rede. Und so ist es ja nicht ganz vermessen, auch einen möglichen Verkauf als Option zu erwägen. Nur darf man das als Konzernchef natürlich nicht zugeben. Das würde die Preise nur noch mehr in den Keller treiben. Und: bei den derzeitigen Marktprognosen gibt es vermutlich auch nur wenig seriöse Interessenten.

Am Freitag wurde Rabe auch gefragt, ob er einen Verkauf der Produktionstochter Fremantle Media, zu der auch die deutsche UFA zählt, als Möglichkeit sieht. Auch Fremantle hat mit sinkenden Umsätzen zu kämpfen. In der Theorie wäre es keine gute Idee, Fremantle und damit auch die deutsche UFA loszuwerden. Das klassische Produktionsgeschäft bleibt eine wichtige Säule für den Konzern, der ja immer noch mit Medien in Verbindung gebracht werden will. Inhalte, von Trash bis zu Premium-Entertainment, werden gefragt bleiben. Fremantle stieg zuletzt in das vielversprechende Feld der Multichannel-Networks sowie der Videovermarktung ein. Aber: Produktionsfirmen stehen unter hohem Kostendruck. Und darum sieht die Praxis noch nicht ganz so verheißungsvoll aus wie die Theorie. Trotzdem sagt Rabe natürlich sofort: Kein Gedanke an einen Verkauf.

Denn Rabe wird vermutlich weder G+J noch Fremantle noch andere Tochterunternehmen verkaufen. Es sei denn, es käme ein Angebot um die Ecke, das er nicht ausschlagen könnte. Denn: Bertelsmann soll ein Medienkonzern bleiben. Und Bertelsmann soll ja wachsen, und nicht schrumpfen. Ohne Zukäufe sei sein selbst gestecktes Umsatzziel von 20 Milliarden Euro nicht zu machen, bekräftige Rabe noch einmal. Der Halbjahresumsatz lag bei 7,8 Milliarden Euro. Die Gütersloher stecken auf den Märkten, auf denen sie wachsen wollen, in einem Verkäufermarkt gefangen.

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Das macht die Kommunikation für Rabe nicht so leicht. Einerseits muss er den aggressiven Wachstumsmanager spielen, der locker über mehrere Milliarden Kapital verfügen könnte, wenn er sie denn bräuchte. Gleichzeitig wäre er schlecht beraten, wenn er die Wachstumsgeschichte so vortrüge wie weiland ein Steve Ballmer bei Microsoft auf der Bühne rumsprang. Denn: „Akquisitionen sind im aktuellen Markt schwierig“, bekennt Rabe. Das Problem heißt „Preisinflation“. Alle Unternehmen, die irgendwie vielversprechende Umsätze mit digitalen Geschäftsmodellen vorweisen, oder die auf dem Wachstumsmarkt Bildung mit einem guten Ansatz überzeugen, sind zu teuer. Der Einstieg wäre bei den meisten Übernahmezielen zu teuer erkauft. Beispiel Watchever: der französische Konzern Vivendi macht mit dem Video-on-Demand-Anbieter Verluste, würde ihn angeblich auch loswerden wollen. Rabe winkt ab: „Kein Interesse.“

Medienkonzerne haben ein Problem: ihr Kerngeschäft stagniert bestenfalls. Sie müssen an dieser Front darum ringen, Erlösmodelle zu entwickeln, mit denen sich die Umsatzausfälle auf den klassischen Märkten ausgleichen lassen. Das ist bekannt. Gerade im Verlagswesen ist die derzeitige Situation noch verkraftbar, doch es droht mittelfristig ein Tipping Point, an dem bis dato durchaus noch akzeptable Renditen wegschmelzen. Nicht ohne Grund haben US-Konzerne wie Time Warner, Gannett und 21st Century Fox ihre gesamten Print-Aktivitäten zuletzt von den elektronischen Medien abgekoppelt.

Spät, zu spät soll nun der Einstieg in digitale, internationale Wachstumsbranchen gelingen. Doch darauf haben es eben viele abgesehen, nicht nur die Gütersloher. Hier zeigt sich der Unterschied zu US-Konzernen wie Google, Facebook, Amazon und Yahoo – die kaufen zu, auch zu anscheinend überzogenen Preisen, man denke nur an die Amazon-Übernahme von Twich. Weil die zugekauften Unternehmen zu ihrer Strategie passen, und weil sie noch viel stärker erwartungsgetrieben funktionieren.

Bei Bertelsmann muss Rabe die selbst geweckten Erwartungen aber gleichzeitig auch selbst wieder bremsen. Wachstum um jeden Preis wolle er nicht, sagte er am Freitag. Und so kann es im Prinzip Quartal für Quartal weitergehen. Bis einer geht.

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