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Spiegel 3.0: Büchners heikle Mission zwischen Zuckerbrot und Peitsche

Bad News für Wolfgang Büchner: Spiegel-Gesellschafter boten Giovanni di Lorenzo den  Chefredakteursposten an – der lehnte dankend ab
Bad News für Wolfgang Büchner: Spiegel-Gesellschafter boten Giovanni di Lorenzo den Chefredakteursposten an – der lehnte dankend ab

In Woche eins nach dem Gesellschafter-Entscheid zur Umstrukturierung der Redaktion ringt der Spiegel weiter mit sich selbst und um die Deutungshoheit der Grundsatzerklärung vom vergangenen Freitag. Im Mittelpunkt der Diskussion: die Rolle und die Absichten des Chefredakteurs Wolfgang Büchner.

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Wolfgang Büchner selbst ist erkennbar um Deeskalation bemüht. Durch die vorzeitige Enthüllung seines Plans, Print- und Digital-Abteilungen umgehend unter einer gemeinsamen Führung zusammenzulegen und in diesem Zug alle Ressortleiterstellen neu auszuschreiben, hatte der 48-Jährige am vergangenen Mittwoch für erhebliche Unruhe gesorgt. Gerüchte über mögliche Streikaktionen machten die Runde, innerhalb von zwei Tagen unterzeichneten 86 Prozent der Print-Redakteure eine Petition, die sich gegen die von Büchner geforderte eine zeitnahe Umsetzung richtete.

Zwar ist die sofortige Neuordnung mit der Resolution der Gesellschafter vom Tisch, gleichwohl machten diese einstimmig deutlich, dass sie die Verzahnung von Print und Online beim Spiegel ausdrücklich gutheißen und als entscheidenden Schritt zur Sicherung der Zukunftsfähigkeit des Magazins ansehen. Büchner soll nach ihrem Willen in den nächsten acht Wochen Gegner seines Konzepts überzeugen und vor allem die einflussreichen Ressortleiter auf seinen Kurs einschwören.

Das allerdings erweist sich schon zum Start als schwierig. Am Montag hatte Büchner in der Redaktionskonferenz den konstruktiven Dialog über sein Change-Konzept eingefordert und auch durchblicken lassen, dass die von ihm vorgesehenen Maßnahmen im Detail revidiert werden könnten, solange die Richtung insgesamt stimme – wenn man so will eine versöhnliche Geste nach den Indiskretionen, die das Vertrauen vieler Redakteure in den Chefredakteur zuvor beschädigt hatten. Ob diese Goodwill-Erklärung fruchten und in eine sachliche Sondierung der Projekteinzelheiten führen wird, ist indes ungewiss. Büchners Gegner scheinen entschlossen, den Kampf gegen den „Spiegel 3.0“ fortzusetzen und vor allem, den ungeliebten Chef möglichst bald loszuwerden. Wesentliches Forum der Kritiker sind die Ressort- und Ressortleiterkonferenzen, bei denen Büchner nicht zugegen ist.

Nach MEEDIA-Informationen wurde am Montag von einem der Geschäftsführer der Mitarbeiter KG erklärt, es habe beim Gesellschaftertreffen keinen endgültigen Beschluss zum Umbau-Projekt gegeben, ebenso wenig ein Go für die  Neuausschreibung der Ressortleiterstellen. Botschaft: Im Grunde sei noch gar nicht sicher, wie es beim Spiegel weitergeht. Formal ist das sogar korrekt, denn die kurzfristig einberufene Gesellschafter-Runde war zur Beschlussfassung aus rechtlichen Gründen gar nicht befugt und einigte sich stattdessen auf einen gemeinsam getragenes Votum. Dieses, so heißt es aus dem Umfeld der Gesellschafter, eröffne Büchner sehr wohl die Möglichkeit, sein Konzept nach einer „Erklärphase“ umzusetzen. Einen förmlichen Beschluss soll es dazu auch in Zukunft nicht geben, ein solcher wäre für die geplanten Maßnahmen auch gar nicht zwingend erforderlich.

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Für die Kritiker Büchners ist das offenbar nicht akzeptabel. Vor allem bei den Ressortleitern geht die Angst um, dass Büchner führende Widerständler für ihre Haltung bestrafen und sie bei der Neuauswahl nicht mehr berücksichtigen werde. Sogar eine Liste von fünf der elf Printressortleiter, die der Umstrukturierung zum Opfer fallen könnten, kursiert im Haus. Dazu zählen sollen angeblich Lothar Gorris (Kultur), Britta Sandberg (Ausland), Armin Mahler (Wirtschaft), Rafaela von Bredow (Wissenschaft) sowie Matthias Geyer (Gesellschaft). Auch CvD Thomas Schäfer und der frühere Hauptstadtbüroleiter Dirk Kurbjuweit, so wird geraunt, habe Büchner im Visier. Der Chefredakteur selbst hatte in der Montagskonferenz beteuert, er habe keineswegs die Absicht, Kritiker loszuwerden oder eine umfassende Neubesetzung der Führungspositionen zu planen. Es gehe um das Konzept, nicht um Köpfe.

Genutzt hat Büchner das, zumindest in Teilen der Redaktion, wenig. Der Flurfunk sendet unbeirrt weiter, das Klima erscheint noch lange nicht temperiert für einen offenen Austausch in Sachfragen. Dies wäre jedoch die entscheidende Voraussetzung, dass der Chefredakteur die Chance bekommt, seine Mannschaft ins Boot zu holen. Stattdessen kolportieren dessen Gegner inzwischen sogar, die Stimmung in der Mitarbeiter KG habe sich von 3:2 pro Büchner in 4:1 gegen ihn gewandt. Auf Nachfrage von MEEDIA wird dies von Kennern des Spiegel-Umfelds jedoch energisch bestritten. Klar ist: Der Chefredakteur kämpft nun auch gegen die Zeit.

Zwei Monate haben ihm die Gesellschafter für die interne Überzeugungsarbeit gegeben, danach wird gehandelt. Offen ist nur, ob dann der Chefredakteur gehen muss oder – was nicht weniger wahrscheinlich ist – sich der Verlag von veränderungsresistenten Abteilungsleitern in der Redaktion trennt. Ob Letzteres gleichbedeutend damit wäre, dass Büchner langfristig als Blattmacher gesetzt bliebe, ist eine andere Frage. Nach Willen der Gesellschafter ist Wolfgang Büchner für den Veränderungsprozess gesetzt, dazu sehen die Verantwortlichen keine Alternative. Für den Chefredakteur selbst bedeutet das einen Spagat als Führungskraft: Er muss in den nächsten Wochen nicht nur ein sensibler Zuhörer und überzeugender Verfechter seiner Konzeptideen sein, sondern auch ein harter Verhandlungspartner, der sich nicht von seiner Linie abbringen lässt und notfalls personelle Konsequenzen nicht scheut. Zuckerbrot und Peitsche, und beides wird so manchem im Haus überhaupt nicht gefallen.

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