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Der Focus und seine Chefs: Ein Blatt auf dem Weg ins Bedeutungslose

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5 mal Focus: Helmut Markwort, Jörg Quoos, Uli Baur, Wolfram Weimer, Ulrich Reitz

Warum eigentlich schon wieder ein Chefredakteurswechsel beim Focus? Ein Blick auf die Entwicklung der Auflagenzahlen gibt die Antwort. Das Problem des Burda-Magazins ist allerdings auch, dass es ganz unabhängig vom Chefredakteur ungemein schwer wird, die von Verleger Hubert Burda gewünsche Relevanz plus Profitabilität zu erreichen. Die auch am Dienstag wieder vom Verlag beschworene "Focus-DNA" ist vom Alleinstellungsmarkmal zum Fluch geworden.

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Ein Blick auf den Focus und seine mittlerweile vier abgelegten und den neuen Chefredakteur:

Markwort

Helmut Markwort

Über Helmut Markwort muss man nicht viel Worte verlieren. Er nervte mit seinem „Fakten, Fakten“-Spruch, aber er stand für die Marke, die er selber erfunden und seit 1993 zu einem Erfolg gemacht hatte. Focus, das Blatt für die „Info-Elite“, passte in die frühen Neunziger. Kaum zu glauben aus heutiger Sicht, dass Markworts Zeitschrift der Erneuerer des aktuellen politisch-gesellschaftlichen Magazins war. Der Spiegel musste reagieren. Der Wiedererkennungswert des Focus war hoch. Zwar auch teuer erkauft über Marketing, aber es musste einem keineswegs peinlich sein, mit dem Focus in der Hand auf dem Flughafen entdeckt zu werden. Markworts Problem war nur, dass er zu lange an seinem Chefredakteurs-Job festhielt und dass er es nicht geschafft hat, den Focus aus sich heraus zu erneuern bzw. neu zu erfinden. Er gab den Stab im Herbst 2010 nur widerwillig an Wolfram Weimer und seinen ewigen Vizechef Uli Baur weiter. Er selbst wurde Herausgeber.
Auflage: Im Jahr 2000 lag die verkaufte Auflage bei etwa 750.000 verkauften Exemplaren. Obwohl auch danach die Marke von 800.000 Exemplaren mehrfach überschritten wurde, ging es ab 2008 im Sturzflug nach unten. Mitte 2010 waren noch 576.218 verkaufte Hefte übergeblieben (-22%). Der Einzelverkauf lag bei 118.241, die Abos bei 232.674 (-33%).

Weimer

Wolfram Weimer

Wolfram Weimer war eigentlich nur Co-Chef neben Helmut Markworts ewigem Kronprinzen Uli Baur. Aber er setzte von Beginn an den Ton. Mehr Economist, weniger Guter Rat. Mehr Tiefe, mehr Politik. Aber so richtig wollte das Konzept nicht aufgehen, wirkte stellenweise ein wenig zu bemüht. Immerhin: es war ein Konzept. Das auf der Aufwertung der Positionierung beruhte. Dem Verleger gefiel das zunächst. Weimer kam dafür nicht so recht in der Redaktion an, machte auch taktische Fehler. Helmut Markwort hatte er ohnehin bereits seit seinem Antritt gegen sich. Zwei Blattmacher, die sich in der Rolle des Vordenkers sehen, kann es beim Focus eben nicht geben. Kurz nach einem Interview, das Weimer der Zeit gab („nun fühle ich mich ein wenig, als hätte ich das Dornröschen wachgeküsst„) kam das Aus im Sommer 2011.
Auflage: Konnte sich eigentlich sehen lassen. In dem Jahr, in dem Weimer den Focus führte, stieg die Auflage leicht um 0,4 Prozent auf 578.502 verkaufte Exemplare (auch mithilfe einer 1-Euro-Jubiläumsausgabe zum 18. Geburtstag). Der Einzelverkauf kletterte sacht um 2,7 Prozent, während die Abos um 6 Prozent nachgaben. Ein Achtungserfolg.

Baur

Uli Baur

Nach Weimer kam dann doch Uli Baur. Beziehungsweise: weg war er ja nie gewesen. Verleger Burda hatte ihn halt in der Sozius-Position gelassen. Mitte 2011 schlug dann Baurs Stunde der Bewährung. Mit Markwort als Herausgeber standen die Chancen gut. Doch es sollte nicht reichen, um den Posten dauerhaft zu bekleiden. Der Focus hatte zu wenig Durchschlagskraft. Es sollte sich zeigen, dass allein Nutzwert und „Fakten“ – die alten Rezepte also – nicht mehr ausreichten, um die Auflage zu halten. Offiziell beteuerte Baur, sein Abgang Ende 2012 sei geplant gewesen. Und schwupps hat Burda Baur zum zweiten Herausgeber neben Markwort gemacht.
Auflage: Sank bis Ende 2012 auf 564.939, also um 2,3 Prozent in Baurs Amtszeit. Aber: der Einzelverkauf gab um 13 Prozent auf 105.419 nach, die Abos fielen um 7 Prozent auf 203.619.

Quoos

Jörg Quoos

Und plötzlich war Jörg Quoos Chefredakteur in München. Ein verlässlicher Mann, Kai Diekmanns Vize bei der Bild, ohne den Boulevard Krawall-Touch, aber mit einem Anspruch, einen guten Focus zu machen. Wie sich zeigen sollte, entkam Quoos der berüchtigten „DNA“ des Magazins aber nicht. Es gelangen zwar gute Geschichten, etwa die Hoeneß-Story, die Aufdeckung der Gurlitt-Kunstwerke, aber sie brachten dem Focus weder mehr Reputation noch mehr Auflage. In einer Zeit, in der es ohnehin unsagbar schwer für ein Magazin geworden ist, mit seinen Storys wirklich zum Gesprächsstoff zu werden, war der Focus eigentlich gar kein Thema. Quoos investierte ins Heft, stellte Leute ein (zuletzt den guten SZ-Mann Alexandros Stefanidis), zog die Hälfte der Redaktion nach Berlin um (noch offen, ob das so eine gute Entscheidung war). Nur: der Focus glänzte ebensowenig wie sein Chefredakteur. Was schade ist. Der Erfolg wäre Quoos zu wünschen gewesen, gerade weil er kein Lautsprecher ist.
Auflage: Indiskutable Entwicklung. Obwohl die Titelgeschichten nicht besser oder schlechter waren als etwa unter Baur, ging es noch einmal signifikant nach unten. Gesamtauflage bis Ende Juni 2014 minus 12 Prozent, Abos minus 14 Prozent, Einzelverkauf minus 26 Prozent, auf nun desaströse 77.545.

Reitz

Uli Reitz

Jetzt kommt Ulrich Reitz. Er wird das Kunststück vollbringen müssen, das Heft wieder stärker ins Gespräch zu bringen und dabei Kosten zu sparen. Klingt bei der Ausgangslage fast unmöglich. Reitz‘ Vorteil: er hat nichts zu verlieren. Und der Focus auch nicht mehr viel. Das Magazin hatte ein Alleinstellungsmerkmal, war sehr wiedererkennbar. Galt zwar als Häppchen-Journalismus, langweilte aber nicht und sorgte für Kontrapunkte. Die Positionierung wurde nie ausreichend justiert, dem Zeitgeist angepasst. Heute steht der Focus für eine bekannte Marke, die keiner mehr anschaut.

Drei Personen fehlen in dieser Betrachtung allerdings noch: Burda-Vorstand Philipp Welte, Burda-Vorstandschef Paul-Bernhard Kallen – und Hubert Burda himself. Was wollen die Manager und der Verleger eigentlich vom Focus? Außer, dass er „relevant“ sein und möglichst profitabel sein soll? Haben Sie Vorstellungen, wie ein modernes Magazin heute aussehen sollte? Was erwarten die Leser? Wie problematisch ist es, dass sich Focus Online, das in der Tochterfirma Tomorrow Focus entsteht und einen eigenen Chefredakteur hat, inhaltlich immer weiter vom gedruckten Heft entfernt? Und dabei am Ende des Tages vermutlich inzwischen mehr wert ist?

Den größten Druck in diesem Trio hat Philipp Welte. Er tauscht zum erneuten Mal einen Chefredakteur aus. Er muss und wird darum ringen, dem Markt und seinem Verleger gleichzeitig gerecht zu werden. Das passte mal gut zusammen. Die Zukunft des Focus ist vielleicht auch Philipp Weltes Zukunft.

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