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„Der Spiegel braucht eine Lichtgestalt wie Rudolf Augstein oder Stefan Aust“

Wolfgang Büchner
Wolfgang Büchner

Der Medien-Journalist Hans-Peter Siebenhaar schreibt in seiner aktuellen Kolumne bei Handelsblatt.com über die Krise beim Spiegel. Nach der Gesellschaftersitzung vom Freitag sieht er die Macht des umstrittenen Chefredakteurs Wolfgang Büchner beschnitten. Die Aufgabe, nun in der Redaktion für sein Konzept Spiegel 3.0 um Rückhalt buhlen zu müsse, sei eine "mission impossible". Bei Spiegel werde der Wunsch nach einer Lichtgestalt, wie es Gründer Rudolf Augstein oder Chefredakteur Stefan Aust waren, immer größer.

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von Hans-Peter Siebenhaar

Wolfgang Büchner sitzt zwischen allen Stühlen. Der Spiegel-Chef hat mit seinem Vorgehen bei der geplanten engeren Verzahnung von Online und Print die Redaktion und Dokumentation des gedruckten Nachrichtenmagazins gegen sich aufgebracht wie niemand zuvor in der ereignisreichen Verlagsgeschichte. Das Votum von 86 Prozent gegen die Neuausschreibung der Ressortleiterstellen, die künftig für Print und Online, verantwortlich sein sollen, ist eine schallende Ohrfeige für den Chefredakteur, der gerade ein Jahr im Amt ist.

Weit schlimmer ist aber, dass alle Gesellschafter – also neben der Mitarbeiter-KG auch der Bertelsmann-Zeitschriftenkonzern Gruner + Jahr (stern, Brigitte) und die Augstein-Erben – Büchner bei einem kurzfristig anberaumten Treffen in der Hamburger Fünf-Sterne-Herberge Hyatt dazu verdonnert haben, den Umbau nunmehr in „enger Zusammenarbeit“ mit der Redaktion durchzuführen. Das betrifft sowohl die Art der Strukturveränderung als auch den zeitlichen Ablauf.

Im Klartext bedeutet dies: Die Macht des Chefredakteurs wird zugunsten der mächtigen Ressortchefs des Heftes beschnitten. Büchner muss nun bei seinen Umbau-Plänen um den Rückhalt in der Redaktion und Dokumentation buhlen, und das in einer Situation, wo mancher ihm bereits die Gefolgschaft innerlich gekündigt hat. Das kommt einer „mission impossible“ gleich.

Dazu muss man wissen, dass die Mitarbeiter KG 50,5 Prozent der Gesellschafter-Anteile hält. Doch Kommanditisten sind nur die Mitarbeiter der gedruckten Ausgabe. Die Online-Redakteure halten hingegen keine Anteile an der Mitarbeiter KG. Daher sind sie in dem Machtpoker auch ohne wirklichen Einfluss. Scheitern ist für Büchner keine neue Erfahrung. Bereits zuvor konnte er, Bild-Mann Nikolaus Blome nicht zu seinem Stellvertreter machen. Der schale Kompromiss: Der ehemalige Bild-Vize wird lediglich Mitglied der Chefredaktion.

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Bereits bevor es überhaupt los gegangenen ist, hat Büchners Projekt unter dem Titel Spiegel 3.0 Schiffbruch erlitten. Denn die von den Gesellschaftern beschlossene enge Zusammenarbeit mit der Redaktion bedeutet, dass Entscheidungen Zeit und deren Umsetzung noch sehr viel mehr Zeit in Anspruch nehmen werden. Vor diesem Hintergrund ist es eine Frage der Zeit, wie lange der frühere Chefredakteur der Deutschen Presse-Agentur (dpa) diesen Zustand überhaupt akzeptieren kann. Im Gegenzug wird der Wunsch nach einer Lichtgestalt, wie es der Spiegel-Gründer Rudolf Augstein oder auch der frühere Chefredakteur Stefan Aust waren, in den eigenen Reihen immer größer. Büchners Entscheidung, sich angesichts seiner Umbaupläne auch noch aus dem operativen Geschäft zurückziehen, wird sein Ansehen und seinen Rückhalt weiter schwächen und die Sehnsucht nach einem starken Macher stärken.

Dass Büchner von den Gesellschaftern keine Carte blanche für eine schnelle und effektive Umsetzung seiner Strategie erhält, ist der Anfang vom Ende des ungeliebten Spiegel-Chefredakteurs. Glücklich kann der 48-Jährige an der Hamburger Ericusspitze niemanden mehr machen. Bei Spiegel Online wächst der Frust über die sich nun dahin schleppende Verzahnung von Print und Online. Die dortigen Redakteure fühlen sich seit jeher als Journalisten zweiter Klasse, was sich auch in der niedrigeren Entlohnung manifestiert.

Auf der anderen Seite müsste Büchner ein Wunder vollbringen, um die betonfeste Opposition seiner Printkollegen noch zu sprengen. Wie sang einst Zarah Leander: „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen und dann werden tausend Märchen wahr.“ Doch das funktioniert nur im Film, aber nicht beim Spiegel.

Dieser Text erschien ursprünglich in Hans-Peter Siebenhaars Kolumne. „Der Medien-Kommissar“ bei Handelslatt.com MEEDIA gehört zur Verlagsgruppe Handelsblatt.

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