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Börsenblues in Dauerschleife: der zähe Kampf der Tomorrow Focus AG

Toon Bouten
Toon Bouten

Aktionäre der Tomorrow Focus AG sind keine großen Sprünge gewohnt: Seit einem Jahrzehnt notiert die ToFo-Aktie wie eingemauert in einer engen Handelsspanne. Doch was sich diesen Sommer abspielte, dürfte selbst die hartgesottenen Aktionäre verstört haben – ein Sturz auf ein 5-Jahrestief. Warum nur kommt das Münchner Internet-Konglomerat an der Börse nicht besser an?

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Es gibt diesen Vergleich, dass ein Jahr in der Internet-Branche sieben in der wirklichen Welt entspricht. Demnach wäre die 2001 aus Tomorrow Internet und Focus Digital fusionierte Tomorrow Focus AG 91 Jahre alt. Wer seit der Fusion Papiere der ToFo AG besitzt, wurde aber für seine Treue nicht belohnt – im Gegenteil.

Vieles ist seit dem Platzen der Internetblase nach der Jahrtausendwende passiert – es gibt kein Internet-Unternehmen, das seinerzeit nicht hart unter die Räder kam und brutal an Wert verlor, selbst E-Commerce-Pioniere wie Amazon, eBay oder Priceline mussten seinerzeit Kursverluste von 80 Prozent und mehr verkraften. Doch die  Web-Veteranen kamen zurück und sind heute ein Vielfaches der Höchstkurse zu New-Economy-Zeiten wert.

ToFo: Börsendümpelei seit mehr als einer Dekade

Von der Tomorrow Focus AG, die sich durch die frühe Gründung ihrer Tochtergesellschaften vor der Millenniumswende auch so gerne wie sind deutscher Web-Pionier fühlen würde, kann man das nicht behaupten. Das Münchner Internet-Konglomerat, das mit journalistischen Inhalten nur noch einen Bruchteil der Gesamtumsätze erlöste, ist an der Börse eine veritable Dauerenttäuschung.

Bei über 4 Euro notierte die Aktie vor 13 Jahren, als die Fusion der beiden Internet-Verlagshäuser bekannt gegeben wurde, heute sind es gerade mal 3 Euro. Auch mit mutmaßlichen Überbewertungen in der Millenniumshausse oder den Folgen der Finanzkrise lässt sich die Dümpelei der Tofu-Aktie, die heute fast auf demselben Niveau verharrt wie vor einer Dekade, kaum erklären.

Ein Drittel Börsenwert weg: Schwerer Absturz in den vergangenen sechs Monaten

Schlimmer noch: Seit dem Frühjahr befindet sich die Tomorrow Focus AG im Abwärtstrend, der vom Jahreshoch bei 4,40 Euro bis zum Jahrestief in der vorvergangenen Woche bei 2,85 Euro ein Drittel des Börsenwertes weggefressen hat. Bei unter 3 Euro notierte die ToFu-Aktie plötzlich so schlecht wie seit 2009 nicht mehr. Wie konnte das nur passieren?

Die Gründe liegen naheliegenderweise in der wenig beeindruckenden Geschäftsentwicklung der Münchner, die ihr Internet-Unternehmen in den vergangenen zehn Jahren zum E-Commerce-Anbieter umgebaut haben – nicht redaktionelle Inhalte, sondern vor allem Travel-Angebote sind heute die Umsatzbringer.

Geschäftsentwicklung im ersten Halbjahr unter den Erwartungen

Doch 2014 zieht dies nicht nicht im erhofften Maße, wie die Halbjahresbilanz belegt: Die Umsätze legten um 8 Prozent auf 97,6 Millionen Euro zu, doch am Ende bleibt kaum etwas hängen. Einen Überschuss von ganzen 200.000 Euro nach Steuern kann die ToFo nach sechs Monaten vorweisen – dass die eigene News-Tochter Focus Online die alles andere als überzeugende Halbjahresbilanz dann noch bejubelt („TOMORROW FOCUS AG mit starkem Halbjahr“), macht die Sache nicht besser.

De facto entspricht die haarscharfe schwarze Null einem Minus im Nettoergebnisses von 69 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert – Tomorrow Focus-Vorstand Christoph Schuh hat den „eher verhaltenen Start in das Jahr“ im MEEDIA-Interview selbst eingeräumt.

Bitterer Xing-Vergleich: Wieso ist das Business-Netzwerk soviel mehr wert?
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Vor allem jedoch ist die Gesamt-Entwicklung, die nicht an dem jüngsten oder vorletzten Quartal fest gemacht werden muss, viel zu wenig für einen Internet-Pionier, der von der zweiten und dritten Welle der Online-Revolution einfach zu wenig profitiert hat. Wieso schlägt sich die Jahre nach ToFo gegründete Burda-Beteiligung Xing, als auch schon elf Jahre altes Business-Netzwerk, das selbst in Deutschland vom übermächtigen globalen Rivalen LinkedIn inzwischen ernsthaft herausgefordert wird, an der Börse so viel besser und ist mehr als eine habe Milliarde Euro wert?

Xing setzte in den ersten sechs Monaten mit 85 Millionen Euro sogar weniger um als die ToFo, verdiente unterm Strich mit 9 Millionen Euro aber echtes Geld, während die ToFo trotz zahlreichen Übernahmen und immer neuen Geschäftsfeldern hart um die schwarze Null kämpfen muss. HolidayCheck, MietwagenCheck, Zoover,  Ecotour, Tjingo, ElitePartner, Jameda, organize.me, Celluar, NetMoms, MeteoVista, Finanzen100, Focus Online und die deutsche Ausgabe der Huffington Post – es ist für Anleger ein bisschen unübersichtlich geworden an der Neumarkter Straße, dem Sitz der AG.

Berlin schlägt München: Die Samwers machen vor, wie E-Commerce-Expansion geht

Dass es die Menge durchaus machen kann, müssen sich die Münchner aus der Hauptstadt vormachen lassen: Wie kann es sein, dass die Seriengründer Samwer binnen weniger Jahre ebenfalls ein Internet-Konglomerat mit unzähligen Beteiligungen aus dem Boden gestampft haben, Rocket Internet, das an den Börse nordwärts einer Bewertung von 4 Milliarden Euro debütieren dürfte, während die Tomorrow Focus AG als Traditions-Unternehmen der deutschen Internet-Landschaft nicht mal mit einem Zwanzigstel von Rocket bewertet wird?

Warum kam in München keiner auf die Idee von Zalando oder Citydeal? Wieso expandieren die Berliner soviel aggressiver in E-Commerce-Märkte rund um den Erdball, während sich die Tomorrow Focus AG bei Auslands-Übernahmen in den Niederlanden mit ihren 17 Millionen Einwohnern festbeißt?

Analysten mit Kurszielen reihenweise kalt erwischt

Gerade mal 182 Millionen Euro ist die Tomorrow Focus AG an der Börse noch wert – das entspricht nicht einmal mehr dem Jahresumsatz von 2013. Zahlen, die verdeutlichen, wie unbeliebt der einstige deutsche Web-Pionier an den Kapitalmärkten geworden ist – und wie unbedeutend zugleich.

Bei Notierungen von Kursen über 3 Euro und einer Marktkapitalisierung von unter 200 Millionen Euro fliegt das Unternehmen inzwischen unter dem Radar vieler Analysten, deren Kursziele sich zum überwältigenden Teil noch in luftigen Höhen befinden.

Die Berenberg Bank etwa sieht den fairen Wert der ToFu-Aktie, die aktuell bei 3,13 Euro notiert,  noch bei 4,60 Euro, die Deutsche Bank bei 4,70 Euro, das Bankhaus Lampe bei 4,80 Euro, die Privatbank Hauck & Aufhäuser sogar bei 5,50 Euro – es sind meist Kursziele aus dem vergangenen Jahr, als die Perspektiven noch besser aussahen.

Kommt die Umfirmierung?

Im August 2014, 13 Jahre nach der Verkündung der Fusion, wirkt die Tomorrow Focus AG wie ein Fossil aus der Internet 1.0-Ära. Um irgendwie den Anschluss an die Moderne zu finden, könnte ein Marketing-Trick helfen, den ein Redakteur des Anlegermagazins „Der Aktionär“ zuletzt ins Spiel brachte: eine Firmen-Umbenennung.

Ob dies eine Antwort auf die vielen Fragen rund um die Tomorrow Focus Aktie sein kann, wird sich zeigen.

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