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Spiegel: 82 Prozent der Redaktion unterzeichnen Petition gegen Büchner-Pläne

Wolfgang Büchner
Wolfgang Büchner

Wenige Stunden vor der möglicherweise zukunftsweisenden Gesellschafterversammlung zur Führungskrise beim Spiegel mehren sich die Anzeichen, dass es nicht zu einem schnellen und finalen Beschluss hinsichtlich des Umstrukturierungskonzepts von Chefredakteur Wolfgang Büchner und Geschäftsführer Ove Saffe kommen wird. Das Aufsichtsgremium scheint eher um einen Burgfrieden – und um Zeit – bemüht. Unterdessen haben 82 Prozent der Spiegel-Redakteure eine Petition an die Gesellschafter zur Abberufung von Chefredakteur Wolfgang Büchner unterzeichnet.

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Wie ernst die Gesellschafter die drohende Eskalation nehmen, lässt sich auch daran absehen, dass sich kurzfristig Franziska Augstein für die Versammlung angemeldet hat, obwohl die Tochter von Spiegel-Gründer Rudolf Augstein formal keine Anwesenheitsberechtigung hat – ihre Gesellschafterinteressen werden bei den Treffen traditionell von Jakob Augstein wahrgenommen. Ob die Erbin allerdings tatsächlich zum für Freitag, 15 Uhr, angesetzten Termin erscheinen wird, ist unklar.

Unterdessen haben nach einem Bericht des Mediendienstes W&V angeblich 210 von 250 Spiegel-Redakteuren eine Petition gegen die Pläne von Chefredakteur Büchner unterzeichnet. Nach MEEDIA-Informationen waren es 205 Unterzeichner, also 82 Prozent. Die Kritiker bekennen sich in der Erklärung durchaus zum Erneuerungsbedarf und der Öffnung zum Digitalen, halten die zeitnahe Umsetzung aber für falsch. Dieses überwältigende Votum ist ein nicht zu übersehendes und nicht mehr klein zu redendes Signal an die Gesellschafter und setzt Chefredakteur Wolfgang Büchner unter Druck.

Ziel der Büchner-Gegner im Haus ist es, den ungeliebten Chefredakteur zeitnah aus dem Amt zu entfernen und gegen das frühere Interims-Führungsduo Martin Doerry und Klaus Brinkbäumer auszutauschen. Doch es erscheint wenig wahrscheinlich, dass die Gesellschafter diesem Begehren nachgeben. Die Mitabeiter KG und Gruner + Jahr als Minderheitsgesellschaft sind sich seit langem einig, dass die Redaktionstruktur modernisiert und eine enge Verzahnung mit den digitalen Einheiten vorgenommen werden soll. Für diese Aufgabe wurde Wolfgang Büchner 2013 geholt, und zumindest am Auftrag und grundsätzlich auch am jetzt vorgelegten Konzept halten die Gesellschafter fest.

Was ihnen derzeit dämmern dürfte, ist, dass womöglich das Konzept richtig ist, aber derjenige, der es richten soll, eine Fehlbesetzung.

Aber wo liegt die Alternative? Mit aller Macht werden die Gesellschafter, schon mit Blick auf die langfristigen strategischen Ziele, verhindern wollen, dass aus ihrer Sicht rückwärtsgewandte Kräfte im Haus die Erneuerung blockieren. Weder Brinkbäumer noch Doerry haben hier das Vertrauen, die notwendigen Reformen stemmen zu können. Weiter so wie bisher, darf aus der Sicht der Aufseher keinesfalls die Devise sein, will man nicht riskieren, dass die Spiegel-Gruppe in absehbarer Zeit ins Minus rutscht. Und während Doerry von Büchner bereits vor geraumer Zeit kaltgestellt und aufs Autoren-Gleis abgeschoben wurde, ist Vize Brinkbäumer weiter mit den Heftproduktionen betraut – und sitzt offenbar zwischen den Stühlen. So hat er, der von vielen Redakteuren gegen seinen Chef positioniert wird, nach MEEDIA-Informationen ausdrücklich zugesichert, dass er Büchners Umbaupläne unterstützt. Amtskollege Clemens Höges ist ohnehin dafür.

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Dennoch ist es nicht zu übersehen, dass der Widerstand gegen den seit einem Jahr amtierenden Chefredakteur beim Spiegel in dieser Woche mit der Vorlage der Erneuerungspläne geradezu exponentiell gewachsen ist und sich vom Kreis der Ressortleiter auf praktisch die ganze Redaktion verbreitet hat. „Ich kenne fast keinen, der noch hinter Büchner steht“, so ein Spiegel-Redakteur zu MEEDIA, „das war vor Wochen noch anders.“

Bei dieser Gemengelage und den erhitzten Gemütern in der Redaktion scheint es für die Gesellschafter als Gesamtverantwortliche unmöglich, am heutigen Freitag grünes Licht für eine rasche Umsetzung der Neuaufstellung der Ressorts zu geben. Genau das ist jedoch die Forderung von Geschäftsführer Saffe und Büchner. Würden die Gesellschafter dem nachgeben, wäre eine offene Eskalation nicht mehr zu verhindern. Die Situation könnte außer Kontrolle geraten und würde zudem in einen juristischen Kleinkrieg mit dem Betriebsrat ausufern, der bereits erklärt hat, die Neuausschreibung der Ressortleiterposten aus betriebsbedingten Gründen für rechtswidrig zu halten und dagegen vorzugehen. Unter solchen Umständen ein Magazin wie den Spiegel publizistisch unbeschadet über Wochen oder gar Monate fortzuführen, erscheint kaum möglich.

Hinzu kommt, dass auch auf Gesellschafterebene Büchner Fehler vorgeworfen werden. Er kommuniziere zu wenig, heißt es hinter vorgehaltener Hand, hole die Mannschaft bei den wichtigen Projekten nicht ins Boot, sei dünnhäutig und trete bisweilen selbstgerecht und selbstherrlich auf. Nicht gerade das, was man einen Integrator nennt, den der Spiegel gerade jetzt so dringend nötig hätte. Einige seiner aktuellen Probleme seien von Büchner selbst verschuldet und geradezubiegen. Und auch Ove Saffe werden Versäumnisse attestiert. Die Neuausschreibung aller Ressortleiterstellen im Hauruck-Verfahren könne einfach nicht funktionieren. Aber ob das ausreicht, beiden Top-Führungskräften das Vertrauen zu entziehen? Das kann nur die Mitarbeiter KG entscheiden, deren Geschäftsführer seit Tagen um ein knappes 3:2-Votum ringen – in welche Richtung, bleibt bis zuletzt offen.

Was ist also am Freitagabend als Ergebnis der kurzfristig einberufenen Gesellschafter zu erwarten? Wahrscheinlich ist ein generelles Ja zu Saffes und Büchners Plänen, ebenso eine Ansage an beide, die Hausaufgaben für die Umsetzung zu machen und dem Ganzen mehr Zeit zu geben, um die Redaktion zu überzeugen. Das würde, vorerst, zu einer gewissen Entspannung der Lage führen. Möglich, wenn auch wenig wahrscheinlich sowie unklug, wäre ein Durchwinken der Pläne ohne Änderungen. Immerhin denkbar wäre ein Festhalten am Umbauprojekt bei gleichzeitiger Demission des Chefredakteurs. Fazit: Nichts genaues weiß man nicht. Bis das Pendel der Mitarbeiter KG-Geschäftsführung ausschlägt, pro Büchner oder pro Kritiker.

Update, 23.08.14: In der ersten Version des Artikels war davon die Rede, dass sich die Petition ausdrücklich gegen Wolfgang Büchner als Chefredakteur gerichtet habe. Dies entspricht nicht den Tatsachen und wurde korrigiert. Die große Mehrheit der Spiegel-Redakteure hat sich für eine engere Anbindung von Print und Online ausgesprochen, den Zeitpunkt aber kritisiert.

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