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Die (fast) unmögliche Chef-Debatte: Wer kann den Spiegel?

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Beim Spiegel liegen die Nerven blank. Der Plan von Chefredakteur Wolfgang Büchner und Geschäftsführer Ove Saffe, alle Ressortleiterposten neu ausschreiben zu lassen, droht die Lage beim Nachrichtenmagazin eskalieren zu lassen. Über allem schwebt die Frage: Wer kann den Spiegel? Wolfgang Büchner? Wer sonst? MEEDIA diskutiert mögliche und unmögliche Kandidaten für den vielleicht schwierigsten Job in der Branche.

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Klar, noch ist Wolfgang Büchner Chefredakteur des Spiegel. Und mit der Ansage, alle Ressortleiterposten neu ausschreiben zu lassen, hat er deutlich gemacht, dass er sich nicht auf der Nase herumtanzen lassen will. Klar ist aber auch, dass die Situation beim Spiegel heillos verfahren ist. Soviel Porzellan wurde schon zerschlagen zwischen dieser Print-Redaktion und diesem Chefredakteur – kaum vorstellbar, dass beide Parteien künftig unter was auch immer für Bedingungen zusammenarbeiten könnten.

Falls Büchner mit seiner Alles-oder-Nichts-Taktik scheitert – wer könnte dann den Spiegel lenken? Wir haben uns darüber ein paar Gedanken gemacht.

Wolfgang Büchner

09

Er ist Chefredakteur des Spiegel, er will es bleiben. Allerdings lässt er die Lage derart eskalieren, dass er auch sein Scheitern einkalkulieren muss. Büchner wurde als Nachfolger des Duos Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron geholt. Dem ehemaligen Spiegel-Online-Chef Büchner haftete schon zu Beginn das Manko an, keine Erfahrung als Blattmacher zu haben und keinen Ruf als Meinungsführer. Stattdessen sollte Büchner den Redaktionsmanager geben. Er sollte die Brücke bauen zwischen den verfeindeten Print- und Online-Redaktionen. Bislang ist dies krachend gescheitert. Spätestens seit er den Bild-Mann Nikolaus Blome in die Chefredaktion geholt hat, sind beim Spiegel die nicht enden wollenden Chaos-Tage ausgebrochen. Sein Verbleib im Chefsessel hängt nun wesentlich von der Mitarbeiter KG ab. Doch selbst wenn die ihm das Vertrauen ausspricht: Kann dieser Chefredakteur mit dieser Redaktion noch vertrauensvoll zusammenarbeiten? Vieles spricht dagegen.

MEEDIA-Prognose, dass er Spiegel-Chef bleibt: zwischen 49% und 51% – je nach Tagesform.

Jakob Augstein

08

Der Spiegel-Erbe und Teilzeit-Verleger (Der Freitag) wurde schon bei der vergangenen Spiegel-Chef-Debatte als Kandidat gehandelt. Augstein hat sich als Publizist und Kolumnist einen Namen gemacht. Er gilt als scharfer Denker, seine Kolumnen sind oft Leitartikel-fähig. Außerdem trägt er den Namen Augstein, was ein ganz eigenes Gewicht hätte. Mit seiner Wochenzeitung Der Freitag ist ihm der große Erfolg bislang aber verwehrt geblieben und er hat keine Erfahrung in der Führung sehr großer, sehr schwieriger Redaktionen.

MEEDIA-Prognose, dass er Spiegel-Chefredakteur wird: 38%

Gabor Steingart

02

Der Herausgeber des Handelsblatt war früher beim Spiegel Kronprinz unter Stefan Aust. Allerdings galt bei ihm das Motto: “Viel Feind, viel Ehr’”. In der Mitarbeiter KG und in der Redaktion knirschen heute immer noch einige mit den Zähnen, wenn sie den Namen Steingart hören. Fachlich hätte er es wohl drauf und auch was Digital-Konzepte angeht, hat er bei der VHB einiges ins Rollen gebracht, seinen Mail-Newsletter “Morning Briefing” etwa oder die Bezahl-App “Handelsblatt Live”. Mit Widerständen in der Redaktion könnte Steingart vermutlich umgehen, gegen seine Berufung spricht allerdings, dass er bei der Verlagsgruppe Handelsblatt zu Fest im Sattel sitzt. Schon beim letzten Spiegel-Chef-Karussell ließ er ungefragt ausrichten, dass er kein Interesse hat. Als Herausgeber und eine Art Junior-Verleger schwebt er bei der VHB über dem Tagesgeschäft. Dass er dies aufgibt, um in die Schlangengrube Spiegel hinabzusteigen – extrem unwahrscheinlich.

MEEDIA-Prognose: 17%

(MEEDIA gehört zur Verlagsgruppe Handelsblatt)

Roland Tichy

01

Tichy ist ein Querdenker und Alpha-Journalist wie es nicht mehr viele gibt. Und seit er bei der WirtschaftsWoche seinen berühmten Hut nehmen musste, hätte er wohl auch die Zeit für einen Höllenjob wie den Spiegel. Allerdings dürfte der ausgewiesen konservative Tichy für den im Zweifel linken Spiegel deutlich zu weit rechts sein. Und seine Expertise liegt vor allem im Wirtschaftsbereich. Einen wie Tichy könnte man sich viel eher beim Focus vorstellen statt beim Spiegel …

MEEDIA-Prognose, dass er Spiegel-Chefredakteur wird: 8%

Dominik Wichmann
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03

Der blitzartig geschasste stern-Chef hätte auch gerade nichts zu tun. Wenn man den offiziellen Bekundungen von Gruner + Jahr zu seinem hochkantigen Rauswurf Glauben schenkt, ist er so eine Art Super-Chefredakteur. Komisch, dass die ihn so fix kaltgestellt haben. Wichmann gilt als scharfer Denker und Orga-Freak. Er wollte den stern moderner, gesellschaftlicher, positiver machen. Und er erfand für den stern das vielleicht komplizierteste Redaktions-Organigramm aller Zeiten. Ob dies sein Verderben beim G+J-Flaggschiff war – man weiß es nicht so genau. Beim Spiegel würde er jedenfalls auf eine mutmaßlich noch selbstbewusstere und schwierigere Redaktion treffen als beim stern. Und das will was heißen.

MEEDIA-Prognose: 16%

Mathias Müller von Blumencron

04

Da wäre er wieder! Blumencron wurde seinerzeit recht stillos von Spiegel-GF Saffe in die Wüste geschickt und kam nach doch sehr kurzer Durststrecke als Digital-Chef bei der FAZ unter. Ein ehrenwerter Job, aber für einen wie Blumencron fast eine Nummer zu klein. Bei Spiegel Online trauern sie ihm heute noch nach. Bei seinem Abschied flossen echte Tränen. Die Onliner würden Freudentänze aufführen, käme ihr geliebter MvB zurück. Problemchen: Er ist als Spiegel-Chef schon einmal gescheitert. Auch er wurde mit der Print-Redaktion nicht warm, hatte mit großen Widerständen zu kämpfen. Aber für einen echten Hamburger wie Blumencron kann Frankfurt keine berufliche Endstation sein … Die Online-Kompetenz hat er auf jeden Fall. Mit einem starken und loyalen, Print-erfahrenen Vize an der Seite – viel verlangt, aber wer weiß.

MEEDIA-Prognose: 39%

Anne Will

07

Die Claus-Kleber-Gedächtnis-Abteilung. Wir erinnern uns: Bevor Mascolo/Blumencron zum Chef-Duo erkoren wurden, wollten sie beim Spiegel “heute journal”-Anchor Claus Kleber verpflichten. Heute wird über diese Idee herzhaft gelacht. Kleber gab dem Spiegel damals einen Korb und ließ sich das Bleiben beim ZDF mit einer dicken Gehaltserhöhung versüßen – da hat einer alles richtig gemacht. Anne Will wäre heute sogar noch eine wahrscheinlichere Kandidatin für den Spiegel-Job als damals Kleber. Sie hat sich mit ihrer Talkshow als toughe Politik-Journalistin etabliert, die in der Diskussion auch größere Egos einfangen kann – mit Charme, Witz und Verstand. Das sind nicht die schlechtesten Voraussetzungen für einen Spiegel-Chef. Bei einer Frau würden die Spiegel-Ressortfürsten sich außerdem mit dem gewohnheitsmäßigen Intrigieren vielleicht ein bisschen zurückhalten. Vielleicht. Um eine Frau als Spiegel-Chefin zu nominieren, müssten die Macho-Männchen beim Spiegel aber auch einen gewaltigen Hüpfer über den eigenen Schatten machen. Immerhin: Anne Wills Lebensgefährtin Miriam Meckel ist schon zur Chefredakteurin der WirtschaftsWoche gekürt worden. Nichts ist (ganz) unmöglich.

MEEDIA-Prognose: 27%

Wolfgang Blau

10

Noch so ein Onliner. Wolfgang Blau hat erfolgreich Zeit Online als Premium Internet-Angebot positioniert und glänzte bei so mancher Podiumsdiskussion. Bis ihm der deutsche Medien-Mief zu strapaziös wurde und er über den Kanal rübermachte zum Guardian und dort nun die Digital-Geschäfte führt. Blau ist ein kluger Kopf mit reichlich Online-Expertise. Und auch er hätte das Stigma der fehlenden Blattmacher-Erfahrung. Trotzdem ein Name, der die Fantasie beflügelt …

MEEDIA-Prognose: 19%

Martin Doerry / Klaus Brinkbäumer

11

Die sichere und auch ein bisschen langweilige Nummer. Die Spiegel-Vizes haben das Heft geräuschlos und souverän gesteuert, nachdem Mascolo und Blumencron gefeuert wurden. Diese Zeit wünscht sich mancher Spiegel-Ressortleiter zurück. Keine Visionen, kein Online-Zusammenlegungszwang. Jeder wurstelt schön vor sich hin und am Ende gibt es die KG-Ausschüttung. Der intellektuelle Doerry wurde von Büchner schon kaltgestellt und ist als Autor in die zweite Reihe gerückt, könnte von dort aber jederzeit wieder ans Ruder. Er und Brinkbäumer haben das Magazin textlich und thematisch im Griff – keine Frage. Mit ihnen wäre die dringend gebotene Zusammenlegung mit Online aber kaum zu stemmen. Sie stehen für den alten Spiegel mit seinen Stärken aber vor allem auch mit seinen Schwächen. Denn die Print-Anzeigenumsätze rauschen weiter runter. Beim gedruckten Spiegel muss sich etwas ändern, sonst drohen rote Zahlen. Und wenn das Heft Verluste macht und Online weiter Gewinne, dann wird das eigentlich längst überholte Konstrukt Mitarbeiter KG anfangen, richtig zu wackeln.

MEEDIA-Prognose: 48%

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes wurde aus Unachtsamkeit ein Begriff der Nazi-Ideologie verwendet. Der entsprechende Satz wurde entfernt. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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