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Der Spiegel vor der Zerreißprobe – wer ist der Chef an der Ericusspitze?

Im Machtkampf mit der Redaktion mit dem Rücken zur Wand: Chefredakteur Wolfgang Büchner (li.), Geschäftsführer Ove Saffe
Im Machtkampf mit der Redaktion mit dem Rücken zur Wand: Chefredakteur Wolfgang Büchner (li.), Geschäftsführer Ove Saffe

Schon der kollektive Protest aller Print-Ressortleiter gegen Spiegel-Chefredakteur Wolfgang Büchner vor einigen Wochen war eine beispiellose Aktion. Diese Woche schlägt Büchner zurück und ließ gemeinsam mit Geschäftsführer Ove Saffe intern verkünden, dass alle Print-Ressortleiterposten neu ausgeschrieben werden. Der Spiegel steht vor einer echten Zerreißprobe mit ungewissem Ausgang. Die Frage ist: Wer hat das Sagen an der Ericusspitze?

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Als der aktuelle Spiegel diese Woche erschien, waren etliche Brancheninsider überrascht. Auf den Medienseiten des Nachrichtenmagazins fand sich kein Hinweis auf das jähe Aus von stern-Chefredakteur Dominik Wichmann nach gerade 15 Monaten als Blattmacher. Dabei sind derartige Eruptionen beim nur wenige hundert Meter entfernten Verlagshaus am Baumwall für die Spiegel-Leute in der Vergangenheit immer wieder ein gefundenes Fressen gewesen, trotz oder gerade wegen der Verbundenheit beider Häuser auf Gesellschafterebene.

Warum der Spiegel zum Fall Wichmann schwieg, liegt nahe: Die Redaktion an der Ericusspitze hat genug mit sich selbst zu tun, um ausgerechnet jetzt mit dem Finger auf andere zu zeigen. Anders als beim stern, wo der Chefwechsel abrupt und ohne Vorankündigung vollzogen wurde, wabern die Gerüchte um ein frühes Scheitern von Spiegel-Chefredakteur Wolfgang Büchner schon seit langem durch die Medienrepublik, oft genug gestreut von einflussreichen Büchner-Gegnern aus dem eigenen Haus.

Denen bietet Büchner nun offen die Stirn. Die Zerreißprobe, vor die er und Geschäftsführer Ove Saffe den Spiegel jetzt stellen, ist vor allem eine verzweifelte und riskante Machtdemonstration. Beide setzen ein Zeichen der Stärke, obwohl sie sich ihrer Durchsetzungskraft unter den gegebenen Umständen nicht sicher sein können. Wer hat beim Spiegel eigentlich das Sagen, wer ist der Chef im Haus? Das ist die Frage, die über allem schwebt, und die vermutlich schon in diesen Tagen entschieden wird. Zumindest für die nächste Zukunft. Somit hat die aktuelle Eskalation auch etwas Gutes: Die Spiegel-Gruppe bekommt hoffentlich endlich Klarheit über die tatsächlichen Machtverhältnisse, die allzu lange diffus schienen.

Dennoch sind die Umstände Gift für eine Einigung oder eine Versöhnung der verfeindeten Gruppen in der Redaktion. Dass Mitarbeiter und Ressortleiter beim führenden Fachmedium für Investigation die Nachricht über gravierende Umwälzungen aus der Tagespresse erfahren, wird die Unruhe im Haus noch verstärken und könnte sogar in einen offenen Aufstand gegen die Chefetage münden. Der käme manchem beim Spiegel gerade recht, wäre es doch die schnellste Art, sich des mäßig geliebten neuen Chefredakteurs zu entledigen. Gezielte Indiskretionen von Führungspersonal sind dabei ein Mittel der psychologischen Kriegsführung. Auch die alles entscheidende Mitarbeiter KG und ihre Geschäftsführer scheinen strategisch nicht auf einer Linie zu sein.

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Tatsächlich geht es beim Spiegel aber um viel mehr als um einen Streit zwischen Akteuren und Persönliches. Im Umfeld des Verlags wird darauf hingewiesen, dass der nun anstehende Schritt der Neu-Ausschreibung aller Ressortleiterstellen im Prinzip Teil der langfristigen Agenda Büchners sei und eben kein Frontalangriff auf mehr oder weniger bewährte Führungskräfte. Man wird aber, mit Verlaub, diesen Führungskräften kaum verdenken können, dass sie die Entscheidung der Neu-Ausschreibung als genau solchen Angriff empfinden.

Ein ähnliche Aktion startete auch Dominik Wichmann in seiner frühen Zeit als stern-Chefredakteur, indem er das Organigramm der Redaktion komplett umkrempelte und neue Positionen schuf. Oder auch einige Jahre vorher Steffen Klusmann bei den G+J-Wirtschaftsmedien, als er ganze Magazin-Redaktionen zwang, sich nach der betriebsbedingten Kündigung neu zu bewerben. In beiden Fällen ist das Ergebnis bekannt, und die Chancen, dass Büchner mit seinem Masterplan durchkommt, dürften eher gering sein. Dafür fehlt ihm sowohl als Führungsfigur als auch als Chefredakteur das Format, zumindest gemessen an den Anforderungen beim Spiegel.

Eine Annäherung von Print und Online sowie eine Verzahnung der Arbeitsweisen ist beim Nachrichtenmagazin überfällig und eine geradezu historische Herausforderung. Ob alle Ressorts zwangsverheiratet werden müssen, um dieses Ziel zu erreichen, steht auf einem anderen Blatt. Und das Projekt wird erst gelingen, wenn die Spiegel-Mitarbeiter erster Klasse vom Heft ihre vom Gründer verliehenen Pfründe und Mitbestimmungsrechte mit den Kollegen aus der Digital-Abteilung teilen. Diesen Beschluss könnten sie aber nur selbst fassen, und deshalb gehört dieser Gedanke wohl ins Reich der Utopie.

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