Warum muss Dominik Wichmann gehen? Echte (und vermeintliche) Gründe

Geholt, gehyped, geschasst: Dominik Wichmann verlässt G+J
Geholt, gehyped, geschasst: Dominik Wichmann verlässt G+J

Publishing Warum soll Dominik Wichmann gehen? Der Journalist, dessen Wechsel zu G+J, dessen Übernahme der Chefredaktion des stern sorgsam und nach außen hin mit Bedacht orchestriert war, wird vom Verlag nach einem Jahr auf denkbar unwürdige Art hinausgeworfen. "Zu autoritär", lautet etwa eine der genannten Begründungen. Was freilich Unsinn ist – autoritäre Chefredakteure mussten noch nie gehen, weil sie autoritär waren. Die echten (und vermeintlichen) Gründe sind andere.

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Die Redaktionsstruktur: Ein Fehler, der Wichmann jetzt angelastet wird, ist die Umsetzung der neuen Redaktionsstruktur. Sie war schwer zu vermitteln, hat nicht so reibungslos wie erhofft funktioniert und hat viele Empfindlichkeiten verletzt (und empfindsame Seelen gibt es beim stern reichlich). Wichmann hat die Redaktion in Gänze nicht auf seine Seite geholt, hat sie nicht restlos überzeugen können. Einige Aktionen seien befremdlich gewesen, er habe zuletzt den Rückhalt verloren, heißt es. So richtig geknallt hat es aber offenbar auch nie. Es habe mal „geknirscht“, heißt es hier und da. Doch der Chef ging auch auf die Redaktion zu. Und: Wichmann hat die Redaktion bisher vor allzu großen Sparrunden bewahrt. Dazu mehr weiter unten.

Die Heftreform: Wichmann ist, das bescheinigen ihm Kollegen in- und außerhalb von Gruner+Jahr, ein richtig guter Blattmacher. Inhaltlich ist der Stern keineswegs schwächer geworden als unter dem Duo Osterkorn und Petzold. Bereits als die beiden noch im Amt waren, veränderte Wichmann das Blatt als eine Art Kreativchef spürbar. Zum Besseren. Immer mit einem Hauch Blattmacher-Nostalgie. Seine Titel waren oft weich, es ging um das gute Leben und wie man es findet und dann auch lebt. Ein gesellschaftliches Mega-Thema, auch wenn man es journalistisch zu dünn finden mag. Im Blatt jedoch gibt es in fast jeder Ausgabe sehr gute, sehr harte, sehr gut recherchierte Geschichten. Er holte neue Leute, er baute um, er setzte immer wieder journalistische Glanzpunkte (und daneben konnte er auch gut mit den Anzeigenkunden). Das Problem des Stern war und ist: was im Blatt passierte, haben zu wenige Leute mitbekommen. Der stern hat ein Identitätsproblem.

Die Auflage: Die Auflagenanalyse von MEEDIA zeigt, dass dieser Kurs sicherlich nicht vollkommen falsch war. Wichmann weiß wie jeder seiner Kollegen in den Chefredaktionen der großen Magazine: der langsame Auflagenverfall ist nicht aufzuhalten. Es geht höchstens darum, den Abwärtstrend möglichst lang zu strecken, möglichst viele Leser zu halten und neue graduell zu gewinnen. Als stern-Chef war ihm sehr bewusst, dass der eigentliche Kampf nicht das gedruckte Heft sein würde. Der eigentliche Kampf heißt: wie macht man den stern zu einer digital funktionierenden Marke? Auch für den Online-Auftritt war seit längerem ein großer Wurf geplant. Doch der blieb bisher aus.

Das Sparprogramm: Ein Grund, der immer wieder zu hören ist – der bevorstehende große Sparkurs von Gruner+Jahr. Das ist freilich ein Klassiker: Verlag muss sparen, Chefredakteur wehrt sich, Verlag holt einen anderen Chefredakteur, der flexibler ist. Tatsache ist: G+J muss und wird sparen. Massiv. Auch der stern wird Stellen abbauen müssen. Dagegen hat der Chefredakteur sich nicht gewehrt, er hat allerdings insistiert, dass die Maßnahmen maßvoll bleiben. Nach MEEDIA-Infos wäre auch unter Wichmann weiter gespart worden, im Raum stand die Zahl von 50 Stellen, die zum Teil bereits abgebaut wurden. Ob das gereicht hätte?

G+J, würde man so weiter machen wie bisher, schriebe in spätestens drei Jahren ein dickes Minus in der Bilanz. Bisher hat Vorstandschefin Julia Jäkel darauf keine Antwort gefunden. Und setzt nun einen Mann vor die Tür, den sie noch vor einem Jahr mit großem Trara beförderte. Nachtrag: das Sparprogramm als Trennungsgrund ist freilich eine Interpretation der Trennung, die vor allem im Vorstand von G+J nicht gut ankommt. In Hintergrundgesprächen wird diese Version heftig dementiert. Was nicht bedeuten muss, dass diese Lesart nur ein Spin ist. Aber sie ist eben nicht die einzige Lesart. Einen singulären, einfach zu erklärenden Grund für die Trennung scheint es nicht zu geben.

Was das heißt: Für Dominik Wichmann ist die Absetzung, die intern mit „Führungsproblemen“ begründet wird, schlimm. Als unabhängiger Geist wird er andere Aufgaben finden. Für G+J ist die Art und Weise, wie die Demission bekannt wurde, ein Armutszeugnis. Zumindest von außen betrachtet schwer nachzuvollziehen. Am Baumwall sind Mitarbeiter, mit denen MEEDIA sprach, entsetzt. Ein ranghoher Gruner-Mann sagt: „Das ist nicht das Gruner+Jahr, das ich kenne.“ Und der stern? Der bekommt einen neuen Chef, der vieles anders machen wird als Wichmann. Ob er es besser machen wird, steht in den Sternen.

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