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Betäubung fürs Hirn: Manipulation in Voting-Shows hat System

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Voting-Shows vom NDR

Nein, so richtig "schlimm" hat der NDR nicht manipuliert bei seinen Voting-Sendungen. Intendant Lutz Marmor hat mit den hausinternen Ermittlungen Machtinstinkt bewiesen – an ihm soll nichts kleben bleiben. Die Auflistung der Fälle zeigt aber, wie Voting-verseucht das öffentlich-rechtliche Fernsehen mittlerweile ist. Und die Liste zeigt auch: wer abstimmen lässt, schummelt in der Regel immer ein wenig. Die Manipulation hat System.

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Man muss Lutz Marmor lassen, dass er schnell reagiert hat. Nachdem das ZDF die Manipulation seiner „Deutschlands Beste“-Sendungen eingestehen musste, hat er fix hausinterne Untersuchungen eingeleitet. Und preschte am vergangenen Freitag mit einer fast dreiseitigen Pressemitteilung vor, die genau beschrieb, in welchen NDR-Sendungen Ergebnisse von Zuschauer-Votings verändert wurden. Marmor positioniert sich als Saubermann, der dann noch diesen markigen Satz in die Mitteilung schreiben ließ: „Ich halte die festgestellten Fälle für nicht hinnehmbar.“

Nun ja. Etwas anderes ist eigentlich nicht hinnehmbar. Die Dritten Programme der ARD sind mittlerweile Ranking-verseucht. Dutzende von „Die besten…“, „Die schönsten…“ und „Die spektakulärsten…“-Sendungen werden da abgespult. 2013 und 2014 gab es bisher 30 Rankings im Fernsehen als Erstsendungen, teilte der NDR am Freitag mit. In der Regel ist das Evergreen-Content, für vielfache Wiederholungen perfekt. Einfacher lässt sich ein Bezug zum Bundesland nicht herstellen – so toll sind unsere Parks, unsere Stars, unsere Zoos, usw. usf. Kombiniert mit einer Online-Abstimmung, dazu ein paar „Stars“, die munter drauflos in die Kamera quatschen – fertig ist die möglichst mit Archivmaterial zusammengebastelte Sendung.

Bei den Zuschauern kommt das an. Rankings haben seit jeher, übrigens auch in gedruckter Form und im Internet, eine große Faszination. BuzzFeed wäre ohne seine Listicles nicht so groß geworden. Im TV haben die Privatsender vorgemacht, wie erfolgreiches Ranking-TV geht. Die Öffentlich-Rechtlichen haben dann adaptiert. Wer ist dabei, wer nicht, kenn ich den/das, war ich da schon mal, finde ich auch gut, was soll denn diese Platzierung, ach ja, das war noch ein guter Schauspieler.

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Das Hirn sedieren die Ranking-Shows angenehm, weil ihm vorgegaukelt wird, die Listen vermittelten wissenswerte „Informationen“. Auf die wenigsten dieser Sendungen trifft das aber tatsächlich zu. Informationen werden in vielen Fällen nur vorgetäuscht.

Es gibt noch einen anderen Grund, warum die Öffentlich-Rechtlichen gut beraten wären, ihre Voting/Ranking-Sendungen zu reduzieren. Wie das Beispiel NDR zeigt, ist es fast schon systemimmanent, dass die Reihenfolgen von solchen Ergebnislisten verändert werden. Tatsächlich sagt Intendant Marmor ja nicht, dass gar nicht mehr verändert werden darf. Er sagt, dass „Abweichungen“ öffentlich gemacht werden sollen. Also so in der Art: Liebe Zuschauer, eigentlich haben Sie Loriot auf Platz 1 gewählt, aber von Loki Schmidt hatten wir bessere Bilder. Und eine Frau ist sie auch.

Ein schöner Nebeneffekt: Marmor hat mit seiner internen Überprüfung auch seine Intendatenkollegen unter Druck gesetzt. Eins war ihm offenbar klar: in die Liste der Sendung „Die spektakulärsten Rücktritte“ wollte er nicht aufgenommen werden.

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