Spiegel-Ressortleiter: die drohende Revolte gegen Chefredakteur Büchner

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Spiegel-Chef Wolfgang Büchner, aktueller Titel

Publishing Die Unruhe beim Spiegel hat sich nach der offiziell ausgestandenen Debatte um Nikolaus Blome nicht gelegt. Im Gegenteil. Die Print-Ressortleiter haben vor wenigen Wochen gegenüber Spiegel-Geschäftsführer Ove Saffe erhebliche Kritik an Chefredakteur Wolfgang Büchner geäußert. Entsprechende Informationen von Horizont bestätigten MEEDIA-Quellen. Eine vertrackte, wenn nicht verfahrene Situation.

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Eine Zusammenarbeit mit Büchner sei „kaum mehr möglich“, habe die Botschaft an Saffe gelautet, berichtet Horizont. Dies wurde von verschiedenen Seiten nun auch gegenüber MEEDIA bestätigt. Eine Delegation hat sich demnach vor wenigen Wochen mit Saffe getroffen. Man will oder kann nicht mit Wolfgang Büchner, so die Zusammenfassung.

Die Fundamentalkritik sei im Namen aller Ressortleiter überbracht worden, heißt es. Beim Treffen mit Saffe waren demnach Alfred Weinzierl (Deutschland), Susanne Amann (stv. Leiterin Wirtschaft) und Ullrich Fichtner (Gesellschaft) dabei. Wie geschlossen die Reihen gegen Büchner tatsächlich stehen, ist nicht ganz klar. Es dürfte auch unter den Ressortleitern Abstufungen der Kritik geben. Vielleicht gibt es auch solche, die Büchners Kurs befürworten. Wenn es sie gibt, halten sie sich zurück.

Die Ressortleiter von Spiegel Online, deren Chefredakteur Büchner auch ist, haben sich der Kritik der Print-Kollegen zumindest in dieser Form und Schärfe offenbar nicht angeschlossen. Was haben die Ressortleiter des gedruckten Magazins nun gegen den Mann, der seit 2013 ihr Chefredakteur ist? Der Hauptkritikpunkt lautet, Büchner sei nicht der richtige Blattmacher, nicht der richtige Kopf für das wichtigste deutsche Nachrichtenmagazin. Büchner, einst Co-Chefredakteur von Spiegel Online und dpa-Chefredakteur, passe nicht zur „Kultur des Hauses“.

Aktueller Kritikpunkt: das Titelbild zur Story um den Flugzeugabsturz in der Ukraine. „Stoppt Putin jetzt!“, heißt es auf dem Cover. Dazu zahlreiche Bilder von Opfern des Absturzes. Kritiker sehen darin eine Boulevardisierung des Spiegel. Tatsächlich geht es im Heft dann auch nicht darum, die Geschichte der Opfer zu erzählen, sondern um die Hintergründe, die politische Großwetterlage. Die Entscheidung, Opfer u.a. mit Bildern aus dem Internet zu zeigen, habe aber nicht Büchner allein getroffen, heißt es wiederum zu seiner Entlastung.

Kritik wird nicht nur an Büchner als Blattmacher geäußert. Auch sein Digitalkonzept wird offenbar nicht überall beim Spiegel goutiert. Das Konzept sieht vor, vor allem die digitale Ausgabe des Kauf-Spiegel so inhaltsreich wie möglich zu machen. Das Print-Heft hier, das kostenlose (und profitable) Spiegel-Online da. Und in der Mitte soll eine mächtige Digital-Ausgabe entstehen. Den Plan hatte so ähnlich schon Büchners Co-Vorgänger Mathias Müller von Blumencron. Freilich muss die Strategie in die Praxis umgesetzt werden. Von allein reißt einem heute keiner mehr den Spiegel aus der Hand.

Büchners Kernproblem ist: er ist gekommen als Change Manager. Als einer, der den Spiegel-Laden auf Redaktionsseite neu aufstellen soll. Das ist dringend nötig. Dann schlug er bereits vor seinem Einstand vor, Bild-Vizechef Nikolaus Blome zum Spiegel zu holen. Damit ging der Ärger los, Blome wie Büchner waren wegen erheblichen Widerstands der Redaktion diskreditiert. Blome scheint beim Spiegel einen guten Job zu machen, doch bewältigt ist der Streit im Kern offenbar nicht. Und so wird Büchner anscheinend weder dem Anspruch des Spitzen-Blattmachers noch dem des Digital-Strategen gerecht. Ist der Job am Ende doch zu viel für eine Person allein?

Auch Befürworter Büchners gestehen ein, dass Büchner Fehler macht. Doch die Kritik werde zu voreingenommen geführt. Vor allem gelte es, die Frage zu stellen, was man von Büchner überhaupt erwarte. Auf der Habenseite steht u.a. ein kleiner Heft-Relaunch, steht der Beginn einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen Print und Online, ein Ansatz für einen Ausbau des Digital-Spiegel, Projektname „Eisberg“.

Kämpfen muss Büchner gegen die arrivierten Print-Leute. Die wie die Mehrzahl der Mitarbeiter auch Mitgesellschafter des Spiegel sind. Die altbekannte Story. Man mag den Konflikt relativieren, einordnen oder herunterspielen, wie man will: Das Treffen der Ressortleiter-Delegation mit Saffe, als Büchner gerade auf einer USA-Reise war, ist ein weiterer Bruch im ohnehin sehr wackeligen Spiegel-Redaktionsgefüge. Selbst wenn es in erster Linie Befindlichkeiten und keine tatsächlichen Fehlleistungen sein sollten, die die Ressortleiter gegen Büchner aufbringen – die Atmosphäre ist vergiftet.

Geschäftsführer Saffe muss nun sehen, wie er den drohenden Scherbenhaufen vermeidet. Stefan Aust musste gehen, nach ihm Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron. Ein weiterer Abgang, und auch Saffe steht beschädigt da. Kernfrage für ihn: bekommt Büchner die drohende Revolte in den Griff? Oder muss Büchner gehen, wenn es denn gar nicht klappen sollte mit seinen Leuten? Wie viel von der Kritik ist ein Zirkel von notorischen Stänkerern, wie viel wird von der Mehrheit der Redaktion so geteilt?

Eine vetrackte, wenn nicht verfahrene Situation. Wenn unter ihr der Spiegel leiden sollte – Auflage, Themen, etc. – dann würde spätestens zu diesem Zeitpunkt aus der Kritik eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

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