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„Journalistisches Paradies“: Die Recherche-Romantiker von Correct!v

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Stellenausschreibung des Recherchebüros CorrectIv

Es gibt sie noch, die Recherche-Romantiker. In einer Stellenausschreibung des mit dem Geld der Brost-Stiftung gegründeten Recherchebüros Correct!v atmet der Leser mal so richtig Watergate-Luft. Nächtelang Datenbanken bearbeiten, in die Provinz fahren, sich mit Konzernchefs und ihren Anwälten streiten - ein "journalisches Paradies".

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Jede Demokratie braucht investigativ arbeitende Journalisten. In einer von Oberflächlichkeit, Banalisierung und Beschleunigung auf Kosten der Substanz bedrohten Medienlandschaft sind solche Leute wichtiger denn je. Das ist so, wird immer so sein. Darum gibt es – ja, auch in deutschen Medien – eine ganze Reihe von Investigativ-Journalisten, in manchen Redaktionen Investigativ-Ressorts.

Eine Stellenausschreibung des neu gegründeten Recherchebüros Correcti!v, das mit Stiftungsgeldern finanziert wird, erlaubt einen Blick auf das Selbstbild der Investigativ-Cracks. Zusammengefasst: Investigativ arbeitende Journalisten wollen die Gesellschaft zum Guten verbessern, opfern sich dafür bis an den Rand der Erschöpfung auf, gedankt wird ihnen dieser Einsatz aber nicht. Es winke dafür aber nicht weniger als das „journalistische Paradies“.

Die Recherche-Romantik feiert in dieser Stellenausschreibung ein grandioses Fest. Die Geschichten sind total kompliziert, außerordentlich brisant, aber auch „nicht sexy“, weil unglaublich schwer zu erzählen. „Hart und frustrierend“ ist der Job, es gibt Ringe unter den Augen und man lernt Orte in der „tiefsten Provinz“ kennen, die man nie betreten wollte. Wenn die Geschichte veröffentlicht ist, wünschen einem die „mächtigsten Menschen im Land die Pest an den Hals“. Fazit: „Unser Kandidat weiß, dass man am Ende von Niemandem gelobt, dafür aber von gut bezahlten Rechtsanwälten bedroht wird.“

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Der Subtext liest sich so: Fans von Klatsch, oberflächlichem Abschreib-Journalismus, Pressesprecher-Ranwanzer, Helikopter-Kommentatoren, Dünnbrettbohrer, Durchlauferhitzer und Co. sind bei uns falsch. Gesucht sind Woodward und Bernstein, Modell 2014.

Stellenausschreibungen sind immer auch eine Form der PR für Unternehmen oder Organisationen, die Leute suchen. Darum geht die dick aufgetragene Märtyrer-Rhetorik in Ordnung. Wenn Correct!v Leute findet, die sich auch nur halb so inbrünstig dem beschriebenen Recherche-Lebenskodex verpflichten, dann werden wir von dem Projekt noch viel hören.

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