„Je mehr Redaktionen sich unterhaken, desto gewaltiger ist ihr Aufschlag“

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Journalismus-Professor Stephan Weichert

Publishing In den USA ist die die Finanzierung von Journalismus durch Stiftungen schon längst gang und gäbe. Nun kommt stiftungsfinanzierter Journalismus auch in Deutschland in die Gänge. Die Brost-Stiftung stellt beispielsweise drei Millionen Euro für das Recherchebüro Correct!v zur Verfügung. Journalismus-Professor Stephan Weichert sagt im MEEDIA-Interview: Alternativ finanzierter Journalismus wird aus der Medienlandschaft nicht mehr wegzudenken sein.

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Warum braucht die Branche eigentlich stiftungsfinanzierten Journalismus?
Die Frage des „Brauchens“ ist ja relativ und hat so gesehen mit dem Leidensdruck zu tun, der auf unterschiedliche Bereiche des Journalismus auch in Deutschland ausgeübt wird. Manche Verfechter der Stiftungsidee glauben, dass wir schon aus Gründen der ökonomischen Schieflage heraus einen solchen Dritten Weg brauchen, andere begründen dies mit einer gesellschaftlichen Notwendigkeit oder der Gemeinnützigkeit, die Journalismus in Zukunft haben sollte. Ich persönlich bin ein großer Fan von Stiftungsmodellen, weil sie, im Ganzen gesehen, das Fundament journalistischer Arbeit doch eher stärken als schwächen werden. Man muss solchen Ansätzen keine Absolution erteilen, man muss sie allerdings auch nicht verteufeln. Angesichts der wirtschaftlichen Situation vieler Verlage ist etwas mehr Experimentierwille gefragt.

Die Stifter sagen sinngemäß: Die klassischen Medien nehmen ihren demokratischen Auftrag nicht mehr ausreichend wahr. Stimmt denn das überhaupt?
Das sind teilweise Marketingfloskeln, die hier gebraucht werden. Deutschland ist und bleibt das Land mit einer der höchsten Pressedichten weltweit und einer Medienvielfalt, die nach wie vor ihresgleichen sucht. Das hat natürlich auch viel mit dem starken öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem zu tun. Was jedoch sicher zu Recht moniert wird, sind die erodierenden Geschäftsmodelle der Verlage, die früher oder später zu deren sicheren Exitus führen. Wenn an ihre Stelle nicht eine zusätzliche Finanzierungsidee tritt, die den journalistischen Auftrag zu realisieren hilft – ob in Form von Stiftungen, Crowdfunding oder einer Haushaltsabgabe – dann werden auch hierzulande irgendwann die letzten Lichter in den Redaktionen gelöscht.

Ist stiftungsfinanzierter Journalismus letztlich nicht eine neue Form der Abhängigkeit? Von den Stiftern, Kuratoren, Gönnern und Mäzenen?
Ach, iwo. Es gibt, so zeigen zahlreiche Beispiele aus Amerika wie ProPublica in New York oder das Center for Investigative Reporting in Kalifornien, ziemlich wasserdichte Wege und Hebel, sich den Einflüssen der Stifter zu entziehen und die journalistische Unabhängigkeit zu gewährleisten – beispielsweise durch Redaktionsstatue oder Fachbeiräte mit stiftungsfernen Vertretern. Die Satzungen vieler Stiftungen erlauben es obendrein auch gar nicht, dass diese in die inhaltliche Arbeit eingreifen, dafür sorgen dann nochmal zusätzliche Aufsichtsgremien der Stiftungen selbst. Aber an die Zuwendungen sind in der Regel bestimmte Stiftungszwecke gekoppelt, an denen etwa den Namensgebern oder Gründerpersönlichkeiten gelegen war. Bei der Rudolf Augstein Stiftung ist es unter anderem die Förderung des Qualitätsjournalismus. Wenn Sie also ein gefördertes Projekt mit Mitteln der Augstein-Stiftung betreiben, sind die Organe der Stiftung also genau darauf bedacht, dass Ihr Projekt dem Stiftungsgedanken folgt.

Organisationen wie ProPublica und das neu gegründete Correct!v sagen, sie wollen Storys aufdecken, die andere Medien gar nicht anfassen, die die Gesellschaft positiv verändern sollen. Warum lassen denn klassische Medien solche Storys überhaupt erst liegen?
Die Frage ist ja, ob das überhaupt stimmt. Solange Correct!v keine eigenen Stories aufgedeckt hat, wissen wir gar nicht, ob es solche Geschichten überhaupt gibt. Ich meine aber, dass wir den Kollegen, die dieses Projekt ja von langer Hand und offenbar sehr sorgfältig geplant haben, erst einmal eine Chance geben sollten, bevor wir urteilen. Das ist nämlich auch eine sehr deutsche Untugend: Erstmal alles schlecht reden, bevor es in die Gänge gekommen ist. Im Übrigen funktioniert genau dieser Ansatz bei ProPublica vortrefflich. Ich glaube, in den letzten sieben Jahren wurde von denen keine Investigativstory veröffentlicht, die zuvor schon andere Medien aufgedeckt hatten. Im Gegenteil. Die mit ProPublica kollaborierenden Medien – von der New York Times über CBS bis zum Guardian – waren immer sehr dankbar für das Angebot, deren Geschichten übernehmen zu können. Correct!v wird ja ebenfalls mit solchen US-Organisationen kooperieren und seine Geschichten kostenlos Drittmedien überlassen.

Die Stiftungen sagen, sie seien Partner etablierter Medien. Sind sie nicht doch eher Konkurrent?
In Zeiten von Big Data sitzen doch die meisten Redaktionen, die investigativ arbeiten wollen, in einem Boot. Je mehr Redaktionen unterschiedlicher Medienmarken sich gegenseitig unterhaken, desto gewaltiger ist ihr Aufschlag und desto größer ihre Kapazität, gegen die Mächtigen anzurecherchieren. Deswegen glaube ich auch, dass Kooperationen wie die von NDR, WDR und der Süddeutschen wegweisend sind. In Amerika erlebt man übrigens tagtäglich, wie sich Kollegen verschiedener Medienhäuser – ob Praktikant oder Chefredakteur – gegenseitig unterstützen und bei Recherchen unter die Arme greifen. Es wäre schön, wenn sich die überhebliche Medienbranche in Deutschland davon eine Scheibe abschneiden würde.

Zunehmend werben alternative Medienprojekte wie Krautreporter um finanzielle Unterstützung. Auch Correct!v sucht weitere Förderer. Die einfachste Methode wäre doch, Medien mit dem Kauf eines Abos zu unterstützen, damit die Qualität gewahrt bleibt.
Das Krautreporter-Modell ist ja im Prinzip ein Abomodell mit anderen Mitteln und insofern nichts Neues – allerdings mit der Ausnahme, dass hier ein Vorschuss der potenziellen Leser einbezahlt wurde auf das, was ihnen die Redaktion versprochen hat. Langfristig wird es aber auch bei den Krautern darum gehen, Abonnenten an sich zu binden. Ob das die einfachste Variante ist, sei dahingestellt. Es ist auf alle Fälle sicherer, die Existenz einer Redaktion auf 17.457 Unterstützern aufzubauen, also vom Wohlwollen einer einzigen Stiftung abhängig zu sein. Denn vergessen wir nicht: Auch Stiftungen können den Geldhahn plötzlich zudrehen.

An der Stiftung Partizipation der Landesanstalt für Medien NRW wurde heftige Kritik geübt, weil sie aus Gebührengeldern, bestimmt für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, finanziert werden soll. Ist die Kritik nachvollziehbar?
Ja, natürlich! Politikferne ist, auch wenn sie in diesem speziellen Fall offenbar von vorne herein mitgedacht war, für stiftungsfinanzierten Journalismus alternativlos. Und selbst wenn man dies gesetzlich festgeschrieben hätte: Sie können einfach niemandem da draußen glaubhaft vermitteln, dass eine Stiftung, die bei einer Landesregierung angesiedelt ist, unabhängig operiert. Ich finde aber, dass man durch die Ansiedlung bei der LfM jetzt eine tragfähige Konstruktion gefunden hat, zumal die Stiftung sich – wie es das in dieser Woche verabschiedete Landesmediengesetz vorsieht – vorrangig auf medienpädagogische Arbeit wie die Unterstützung zivilgesellschaftlicher Diskurse, die journalistische Aus- und Weiterbildung und Stipendien für Innovationen an Nachwuchsjournalisten konzentriert, also selbst gar nicht journalistisch operativ tätig wird, wie es von Kritikern immer wieder angeprangert wurde.

Erleben wir gerade eine Verschiebung der Kraftverhältnisse im Journalismus, hin zu alternativ finanzierten, also werbeunabhängigen Journalismusformaten?
Der Trend zu alternativen Finanzierungsformen ist nicht mehr zu stoppen. Ich führe schon länger Gespräche mit anderen Akteuren, die ähnliche Modelle wie Krautreporter oder das von David Schraven & Co. im Schilde führen. Daneben gibt es viele neue Lobby-Initiativen wie den Verein investigate!, der sich ebenfalls als Unterstützer des Dritten Weges versteht. Die Verschiebung der Kräfte ist aber auch publizistisch bedingt: Die versprengten Publika, die immer häufiger Mobilmedien nutzen und über soziale Netzwerke auf journalistische Inhalte reagieren, rezipieren zunehmend einzelne Geschichten, das heißt der werberelevante Faktor, etwa eine ganze Zeitung als ein Bündel von Geschichten zu verkaufen, ist obsolet geworden.

Sind Gründungen wie Correctiv letztlich eine Art Weckruf für klassische Medien, sich mehr mit ihren Inhalten und vor allem ihren Lesern zu beschäftigen?
Das wird sich zeigen. Ich glaube jedenfalls nicht an die Kannibalisierungsthese, wonach gemeinnützige Initiativen die Substanz der etablierten Medien noch mehr aushöhlen. Meine Hoffnung ist eher, dass Krautreporter, Correct!v und andere Projekte, die sicher noch folgen werden, den etablierten Medien eine stimulierende Konkurrenz sein können. Sie werden ab sofort allerdings nicht mehr aus der Medienlandschaft wegzudenken sein, da bin ich sicher.

Stephan Weichert ist Professor für Journalismus an der Macromedia Hochschule in Hamburg und leitet an der Hamburg Media School den berufsbegleitenden Weiterbildungsstudiengang „Digital Journalism“, der sich unter anderem mit alternativen Finanzierungsmodellen und Managementansätzen für Journalisten befasst. Weichert hat das erste stiftungsfinanzierte Journalismusprojekt in Deutschland aufgebaut und mitgegründet – das Debattenportal vocer.org. Meedia ist Kooperationspartner von vocer.org sowie des Studiengangs „Digital Journalism“.

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