Alles Stiftung, oder was? Warum Mäzenaten-Journalismus gefährlich ist

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Alternativ finanzierte Journalismusprojekte boomen

Drei Millionen Euro für das Recherchebüro Correct!v, 1,6 Millionen Euro für die Journalismus-Stiftung "Vielfalt und Partizipation" in Nordrhein-Westfalen, mittlerweile über eine Million Euro für die Krautreporter. Alternative Finanzierungsmodelle für Journalismus schießen aus dem Boden. Für den Journalismus sind die Projekte vielleicht eine Bereicherung. Aber sie sind auch Symptome eines anhaltenden und sich verstärkenden Imageschadens des klassisch finanzierten Journalismus.

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Am Dienstag gab die Brost-Stiftung bekannt, drei Millionen Euro in ein unabhängiges Recherchebüro namens Correct!v zu stecken. Gefördert werden soll investigativer Journalismus, der gesellschaftliche Missstände aufdeckt. Vorbild ist die US-Organisation ProPublica. Am Mittwoch stellte die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen Eckpunkte ihrer geplanten „Stiftung Vielfalt und Partizipation“ vor, die vor allem Lokaljournalismus mit einem Etat von 1,6 Millionen Euro unterstützen will.

Wenige Wochen zuvor hatten tausende von Menschen zugesagt, mindestens 60 Euro im Jahr an die Krautreporter zu geben. Keine Stiftung, aber eine Initiative für unabhängigen Netz-Journalismus. Die Augstein-Stiftung hatte en bloc 1.000 Abos für 50.000 Euro übernommen. Kleinere Crowdfunding-Projekte wie Jung & Naiv, Crowdspondent und Brafus2014 sorgen zumindest auf den sozialen Kanälen Twitter und Facebook für Aufmerksamkeit.

Alle diese Projekte und Initiativen sind – erstmal ganz losgelöst von spezifischer Kritik – absolut zu begrüßen. Sie bereichern den Journalismus, sowohl was Inhalte wie Formate angeht – hoffentlich. Zu viel guten und klugen Journalismus kann es nicht geben. Die Correct!v-Macher haben beispielsweise betont, die sähen ihre Arbeit als Ergänzung zum bestehenden, klassisch-finanzierten Journalismus. Nicht als Konkurrenz. So viel Partnerschaft muss sein. Signal: Wir nehmen euch keine Geschichten weg, liebe werbefinanzierte Journalistenkollegen.

Für eben jene klassisch finanzierten Medien, auch für die gebührenfinanzierten TV-Sender von ARD und ZDF, stellen die alternativen Journalismusprojekte aber auch eine ziemlich große, ziemlich rot leuchtende Warnung dar. Mehr offen als hinter vorgehaltener Hand sagen die Macher der neuen Projekte nämlich: Wir sind wichtig, weil die Mainstream-Medien ihrer Aufgabe als Wächter der Demokratie nicht mehr ausreichend nachkommen. Das Wort „Krise“ – es kommt in fast allen Begründungen für den Start neuer Projekte vor.

„Es droht eine weitere Verarmung im Journalismus. Das kann sich eine aufgeklärte, moderne Gesellschaft nicht leisten“, lässt sich Werner Schwaderlapp, der Vorsitzende der LfM-Medienkommission, zitieren. Sinkende Auflagen, wegbrechende Werbeerlöse – alles „deutliche Zeichen einer Krise“. Noch drastischer formulierten es die Correct!v-Macher. „Die alten Geschäftsmodelle funktionieren immer weniger. Die Medien haben Probleme, ihrer Wächterfunktion nachzukommen.“ Und weiter: „Die Krise der alten Medien ist die Chance für etwas ganz Neues.“ Die Krautreporter brachten es auf die Formel, der Online-Journalismus sei „kaputt“. Diese Formulierung fiel ihnen zwar wegen des recht hohen Arroganz-Faktors auf die Füße, aber die Botschaft blieb haften.

Die Status Quo-Beschreibung des Mainstream-Journalismus (Krise!) lässt aufhorchen. Nicht nur, weil Krisen immer aufhorchen lassen, sondern auch, weil es gerne von Medienmenschen heißt, die Branche solle sich selbst mal nicht so schlechtreden. Zeit-Chef Giovanni di Lorenzo ist ein großer Krisen-Gegenredner, andere schließen sich an. Und sogar nicht ganz zu Unrecht. Viele Stücke in Spiegel, Zeit, Stern, Süddeutscher, Handelsblatt und Co. sind sehr sehr guter Journalismus. Bei den einschlägigen Preisverleihungen mangelt es eigentlich nie an Auswahl. Die gern vorgebrachte These, wir hätten einen schlechteren Journalismus als „früher“ – sie ist in ihrer Pauschalität nicht haltbar.

Aber: Spitzen-Journalismus wird zunehmend nur noch an der Spitze gemacht. In der Breite, in der Fläche, dünnt er aus. Denn es besteht ja kein Zweifel, dass viele Redaktionsstellen im vergangenen Jahrzehnt abgebaut wurden. Gute Journalisten verlassen den Job, junge Talente treten ihn gar nicht erst an. Irgendwo muss sich dieser Schwund auch als Qualitätsverlust bemerkbar machen.

Neue, alternativ finanzierte Journalismusprojekte sind darum unbedingt wünschenswert. Aber es wäre besser, sie wären nicht notwendig. Sie sind der Stachel im Fleisch der traditionellen Medienmarken. Sie legen die Finger in die Wunden. Sie machen auf die großen Nachteile einer zu großen Abhängigkeit von Werbung aufmerksam (die es freilich schon immer gab). Sie machen auf Themen aufmerksam, die von großen Medien vernachlässigt werden. Kurzum: sie verstärken den Eindruck, dass die Defizite sowohl im marktwirtschaftlich organisierten, aber auch im gebührenfinanzierten Journalismus zunehmen. Sie sind die Symptome eines anhaltenden und sich verstärkenden Image- und Bedeutungsverlustes der Presse.

Das könnte und dürfte die angesprochenen Medien, ihre Verlage und ihre Sendergruppen, eigentlich nicht kaltlassen. Sie sollten in den neuen Initiativen nicht nur Freunde sehen, nach dem Motto: schön, dass ihr jetzt auch da seid und uns helft. Sondern Wettbewerber um die besten Geschichten, um die spannendsten neuen Erzählformate. In einer Medienwelt, in der die etablierten, aber mental und finanziell ermatteten Titel sich darauf zurückzögen, nur gehobene Unterhaltung und Services für saturierte Leser und Zuschauer zu machen, und die brisanten Recherchen und unangenehmen Storys sogenannten „unabhängigen“ Initiativen zu überlassen (sollten nicht alle Medien, also deren Redaktionen, unabhängig sein?), möchte man nicht leben.

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