„ARD und ZDF verstehen sich als versteckte PR-Kompanie des DFB“

11 Freunde-Chefredakteur Köster: „Opdenhövel und Scholl sind aber immer in der Lage zu flapsigen Sprüchen und unkorrekten Anmerkungen. Das könnten sie ruhig sogar noch ausbauen“
11 Freunde-Chefredakteur Köster: „Opdenhövel und Scholl sind aber immer in der Lage zu flapsigen Sprüchen und unkorrekten Anmerkungen. Das könnten sie ruhig sogar noch ausbauen“

ARD und ZDF sind in ihrer dritten WM-Woche: Im MEEDIA-Interview zieht Philipp Köster eine ersten Zwischenbilanz: Kahn "hat sich gemacht", Scholl könnte "flapsiger" sein. Bei Müller-Hohenstein fragt sich der 11 Freunde-Chefredakteur jedoch, warum sie "jedes Gespräch in Rekordschnelle in Richtung Kaffeeklatsch steuert". Grundsätzlich meint er, dass es hätte schlimmer kommen können, trotzdem ist er auch genervt von der Harmlosigkeit und Kumpanei der Berichterstattung, sobald es um die deutsche Nationalelf geht.

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Wie bewerten Sie grundsätzlich den Job, den ARD und ZDF am Zuckerhut machen?
Dafür, dass die Sender ja lange Strecken zu absolvieren haben, halten sich die Peinlichkeiten bislang in Grenzen. Keine Gesprächsparodien vor sedierten Rentnern auf Usedom wie noch 2012, und es gab auch noch kein Spiel, bei dem ich die Leistung des Reporters völlig unterirdisch fand. Nervig ist eigentlich nur, dass sich die Sender offenbar durchgehend als versteckte PR-Kompanie des DFB verstehen. Ständig ist von „wir“ die Rede, wenn es um die Nationalelf geht. Und ein Reporter, der im Morgenmagazin der deutschen Nationalelf zuruft: „Gebt Gas, Jungs!“ – da fragt man sich ja wirklich, ob der noch alle Latten auf dem Zaun hat.

Am härtesten wurde bislang Katrin Müller-Hohenstein für ihre Nicht-Berichterstattung zur DFB-Auswahl kritisiert. Zu Recht?
Zunächst mal sind solche Gespräche nicht leicht zu führen. Die Spieler wissen ja gut, wie man diese Talks mit nichtssagenden Formulierungen über die Runden bringt. Trotzdem drängt sich die Frage auf, warum Müller-Hohenstein jedes Gespräch in Rekordschnelle in Richtung Kaffeeklatsch steuert. Wenn man Mario Götze schon mal ausführlicher vors Mikrofon bekommt, wäre das doch eine feine Gelegenheit, ihn mal zu ein paar fußballerischen Dingen zu befragen. Stattdessen geht es dann um Frühstücksrituale und darum, ob er sich nicht der Schafkopfrunde der Kollegen anschließen möchte. Da schaltet man doch gerne schnell mal um.

Können die Reporter bei der DFB-Auswahl überhaupt besser berichten oder sind sie längst so abhängig von der DFB-Pressestelle, dass es fast unmöglich wird, Interessantes vom Nationalmannschafts-Camp zu berichten?
Die Presseabteilung steht sicher nicht mit der gezogenen Flinte hinter den Reportern. Aber das Setting ist naturgemäß öde. Frage-Antwort-Spielchen auf der Pressekonferenz, ein paar Einzelinterviews, Analysen des letzten Spiels – das ist weder für Printjournalisten noch für TV-Reporter besonders phantasieanregend.

Während grundsätzlich die meisten mit der Leistung der Moderatoren-Duos zufrieden zu sein scheinen, sind viele von den Leistungen der Live-Reporter enttäuscht. Wie sehen Sie die Reporter in den Stadien?
Die Lust, mit der die Öffentlichkeit sich jedes Mal wieder auf die Reporter stürzt, finde ich immer wieder erstaunlich. Zumal gerade die am lautesten mosern, die im richtigen Leben noch nicht mal Hauptsätze auf die Reihe bekommen. Dass Bela Rethy, wenn sich auf dem Feld wenig tut, gerne mal seinen Zettelkasten abarbeitet, weiß man doch. Dafür versteht er unter den Reportern am meisten von Taktik. Und wer noch nicht mitbekommen hat, dass Steffen Simon auch den Turbo anschmeißt, wenn gerade im Mittelfeld eingeworfen wird, hat in den letzten zehn Jahren keinen Fußball geschaut.

Welche Noten würden Sie den Moderations-Doppeln auf der Terrasse in Rio geben?
Noten sind immer schwierig. Aber man kann schon mal feststellen, dass sich Olli Kahn gemacht hat. In der ersten Zeit war meine Befürchtung immer, dass er gleich vor lauter Anspannung den Schaumstoff vom Mikrofon nagt. Inzwischen beziehen sich die Antworten in der Regel auf die Fragen und, wenn es richtig gut läuft, kommt sogar der eine oder andere lockere Schlagabtausch zustande. Opdenhövel und Scholl wirken in der ARD zwar mitunter etwas unlustig, wenn es darum geht, taktische Feinheiten zu erläutern, sind aber immer in der Lage zu flapsigen Sprüchen und unkorrekten Anmerkungen. Das könnten sie ruhig sogar noch ausbauen.

Kann man überhaupt unparteiische WM-Berichterstattung im Fernsehen machen?
Gute Frage. Fußball ist ja eine merkwürdige Mischform zwischen Sport, Entertainment und Staatsakt. Und wahrscheinlich würden es die Zuschauer auch übel nehmen, wenn die Sender sich plötzlich strikt unparteiisch geben würden. Aber warum gleich jede journalistische Distanz über Bord geworfen wird, ist mir trotzdem eine Rätsel. Nicht eine kritische Nachfrage, warum eigentlich die Kanzlerin jedes Mal die Mannschaft in der Kabine heimsucht, so dass die Hälfte der Spieler gerade noch so die Hosen hochbekommt? So dreist war ja noch nicht mal Helmut Kohl in seine Blütezeiten.

Vermissen wir alle nicht irgendwie im Grunde unseres Herzens Günter Netzer?
Ich nicht.

Wer macht in Sachen WM-Berichterstattung den besten Job?
Ich mag die Art, wie Tom Bartels die Spiele kommentiert. Opdenhövel und Scholl hatte ich ja weiter oben schon gelobt. Im übrigen all jene, die eine gesunde Distanz zu den Objekten ihrer Berichterstattung für eine journalistische Grundtugend halten. Und davon gibt es auch bei ARD und ZDF genug.

Wer wird Weltmeister?
Spanien, habe ich vorher gesagt. Jetzt bleibe ich mal diffus und bin nur sicher, dass irgendein südamerikanisches Team am Ende Weltmeister wird.

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