Nach dem Triumph: Wie es bei den Krautreportern weitergeht

Krautreporter: Philipp Schwörbel, Alexander von Streit, Sebastian Esser (v.l.)
Krautreporter: Philipp Schwörbel, Alexander von Streit, Sebastian Esser (v.l.) Krautreporter: Philipp Schwörbel, Alexander von Streit, Sebastian Esser (v.l.)

Publishing Kurz nach der erfolgreichen Finanzierung, oder dem Funding, wie man heute vielleicht sagen muss, hat Krautler Sebastian Esser der SZ ein kleines Interview gegeben. Darin sagte er u.a. dass die größte Herausforderung nun sei, "bis zum Start im September die Software zu entwickeln, eine Web-App, damit die Seite in jedem Browser und Betriebssystem gleich gut funktioniert". Das klingt nicht so besonders ermutigend. Sollten sich die hoffnungsvollen Krautreporter zuerst auf das vermaledeite, mit zahllosen Minen gepflasterte Feld der Online-Technik begeben, droht Ungemach.

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Es gibt kostenfreie Redaktionssysteme, wie das vielfach erprobte WordPress, die völlig ausreichend sind, um Texte mit Bildern zu veröffentlichen. Auch Videos der gängigen Plattformen wie YouTube oder Vimeo können eingebunden werden. Wer braucht mehr? Die Hoffnung wäre, dass sich die Krautreporter gerade nicht mit zu vielen Technikfragen aufhalten, sondern an ihren Geschichten basteln. Was die Geschichten betrifft, da kündigte Esser an, „den Sommer über einen Stehsatz mit zeitlosen Geschichten aufbauen“ zu wollen. Die Finanzierung hat geklappt und das Erste was kommt ist eine Ankündigung, dass man sich nun erstmal um die Technik kümmert und Stehsatz aufbauen will? Da schwingt ein wenig die verständliche Angst mit, im September ohne was bzw. mit nicht genug dazustehen.

Die Krautreporter haben den Mund ziemlich voll genommen mit ihrer Aussage, der Online-Journalismus sei kaputt aber sie könnten das wieder hinkriegen. Jetzt hat die „Community“ die verlangte Kohle rübergeschoben und die Reporter haben den (Kraut)-Salat. Sie müssen „delivern“, wie der Projektmanager sagen würde. Der Druck, der sich da gerade von der „Community“ und vom vermuteten eigenen Anspruch aufbaut, ist fast mit Händen zu greifen. Drei bis vier Geschichten pro Tag und alle sollen superduperdoll, wahnsinnig hintergründig und mords investigativ sein. Das wird vermutlich nicht klappen. Es wäre schon fein, wenn es nur eine wirklich gute Story pro Tag gäbe. Und selbst die wird nicht jeden Tag alle Leser gleichermaßen interessieren können.

Das Problem ist ja nicht, dass es zu wenig Lesestoff in diesem Internetz geben würde. Eine Binse mit Wahrheitsgehalt lautet: Weniger ist mehr. Das haben die Krautreporter mit ihrer Fundamental-Kritik an der Klickfixierung der kommerziellen Onlinemedien schon richtig erkannt. Jetzt drohen sie aber in die Quantitäts-Falle zu tappen. Wer zu viel will, erreicht am Ende vielleicht zu wenig bis gar nichts. Aber zu wenig zu wollen, das ist natürlich auch doof. Der Grat zwischen zu viel und zu wenig ist schmal.

Jetzt haben die Krautler ihren Mitgliedern eine Mail geschickt, in der sie erzählen, was sie nun so vorhaben: Software-Planung. redaktionelle Planung, organisatorische Planung. Ist lästig aber muss ja alles gemacht werden. Und es ist offenbar auch nicht ganz leicht, das Geld bei PayPal einzusammeln. Ein gewisser „Adrian“ hat die Krautler mit Fake-Mitgliedschaften genervt. Andere Witzbolde haben sich unter den Namen von RTL-Group-Chefin Anke Schäferkordt oder dem Namen des Fernsehkritik.tv-Machers, Holger Kreymeier, eingetragen. Auch mit sowas muss man sich herumschlagen als Web-Publizist.

Die größte Gefahr aber droht möglicherweise durch die Anspruchshaltung der so genannten Community, die sich jetzt schon mannigfaltig mit guten Ratschlägen zu Wort meldet. Das haben die Krautreporter so gewollt, die Mitglieder sollen sich ja gerade einbringen. Die Community, das sind die selbst herbeigerufenen Geister. Die Gefahr ist nun, dass jeder, der 60 Euro gelatzt hat, sich für so eine Art Mini-Verleger hält und meint mitbestimmen zu können. „Man“ hat ja die Show bezahlt usw. Da werden einige enttäuscht sein, dass gerade ihre Themen vielleicht nicht bearbeitet werden und gerade ihre Kritik nicht umgesetzt wird. Die „Community“ vernünftig zu managen, das wird auch so eine Herkulesaufgabe.

Wir sehen also: Es war schwierig, es wird noch schwieriger. Trotz allem ist es gut, dass das Projekt – trotz des herzerweichend doofen Namens – überhaupt an den Start geht. Drücken wir die Daumen, dass weder Technik, noch Community, noch Finanzamt, noch Berufsgenossenschaft die Krautler davon abhalten werden, ein gutes, lesenswertes Online-Magazin auf die Beine zu stellen! Im September sehen wir weiter.

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