„Bei der HuffingtonPost ist jeder Redakteur ein Social Media-Redakteur“

ProPublica-Chef Paul Steiger und Arianna Huffington
ProPublica-Chef Paul Steiger und Arianna Huffington

Publishing Tag 2 des Innovation Field Trip in New York City: ProPublica-Chef Paul Steiger bricht eine Lanze für das Teilen von Informationen und Datenjournalismus. Daniel Drepper, der Investigative Recherche an der Columbia School of Journalism studiert, hat sich als Journalist selber kreativ zerstört. Und bei der HuffingtonPost soll jeder Redakteur ein Social Media Redakteur sein.

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Von Karolin Freiberger und Christian Meier

Paul Steiger war als Chefredakteur des Wall Street Journal für 16 Jahre einer der mächtigsten Journalisten der USA. Statt sich zur Ruhe zu setzen, gründete er die Organisation ProPublica. Nur zwei Jahre nach dem Start der Not-for-Profit-Redaktion holte eine Story einen Pulitzer-Preis. Ein Jahr später folgte gleich die zweite Auszeichnung. Journalisten von renommierten Medien wechseln zu ProPublica.

Was ist das Ziel von ProPublica, das von der Familie Sandler ins Leben gerufen wurde und das heute ein Budget von 12 Millionen Dollar und 50 Mitarbeiter im Team hat, fast alle davon Journalisten? Stories zu recherchieren, die Machtmissbrauch offenlegen. Im öffentlichen Sektor, im Bildungs- und Gesundheitssystem. Nur einige Beispiele.

Beim Journal habe man sich für eine Geschichte entschieden, wenn sie machbar war („can we pull it off?“) und wenn sie ein Publikum fand, sagt Steiger. Nun komme eine dritte Frage hinzu: Kann eine Story etwas in der Gesellschaft verändern, kann sie etwas bewirken? Nur dann, sagt Steiger, gehe die Redaktion eine Recherche an. Entsprechend ist es bezeichnend, wenn Steiger sagt: wir machen kaum Storys, die andere Medien auch machen. „Wir berichten in der Regel nicht über die Krise des Tages“, sagt Steiger.

Welche zwei journalistischen Disziplinen haben laut Steiger in den vergangenen Jahren besonders unter der Medienkrise gelitten? Erstens: internationale Berichterstattung. Zweitens: investigativer Journalismus.

Was zeichnet ProPublica noch aus? Andere Medien können die recherchierten Geschichten unter Creative Commons-Lizenz übernehmen. Die Journalisten lege ihre Datensätze offen. So verbreiten sich die Enthüllungsstorys viel effektiver. Für Journalisten von Traditionsmedien gehört das Teilen von Informationen nicht unbedingt zu den üblichen Gepflogenheiten.

Apropos Daten. Steiger sagt: „Journalismus war eine Zusammenfassung von Anekdoten. Mit Daten lassen sich Thesen auch tatsächlich belegen.“ Datenjournalismusprogramm als zwingende neue journalistische Disziplin.

Das sind auch die beiden Punkte, die Steiger klassischen For-Profit-Medien empfiehlt: Datenjournalismus aufbauen und mehr mit anderen Medien kooperieren.

Und, noch ein wichtiger Punkt: „Don’t blame the reader.“

„Die haben dich erst zerstört, dann wieder zusammengebaut“

Ortswechsel. Eines der Geheimnisse der Columbia School of Journalism, der internationalen Kaderschmiede für Journalisten, scheint darin zu liegen, ihre Studenten nach erfolgreicher Bewerbungs- und Assessmentphase erst einmal in ihre Einzelteile zu zersprengen, um sie dann nach und nach systematisch wieder zusammenzusetzen. Daniel Drepper, der in diesem Jahr seinen Abschluss am Stabile Center for Investigative Journalism absolviert hat, lernte diese akademische Foltermethode jedoch ebenso zu schätzen wie seine Kommilitonen Johannes Musial und Jan-Hendrik Hinzel.

Die Columbia J-School gilt als das Harvard der Journalistenschulen – man könnte es also durchaus verstehen, wenn sich alle drei Studenten zur Elite gehörig fühlten. Aber weit gefehlt: „Wer sich hier elitär vorkam, dem wurde diese Haltung spätestens in der ersten Woche gründlich ausgetrieben“, muss Daniel Drepper lachen. An der Columbia zählen Qualität und Leistung. Viel gesehen haben die Studenten deswegen in ihren zehn Monaten von New York nicht. Stattdessen: Investigativbootcamp – aber mit Hingabe der Studenten.

Die ausgezeichnete Lehre und die für New York typische Diversität der Klassen bringen den innovativen Geist hervor, der zu Nachtschichten führte, wie sie keiner aus Deutschland kannte. Im Jahrgang von Hendrik Hinzel waren 48 Nationen vertreten – internationales Flair und die vereinte Willenskraft aller, etwas Besonderes zu leisten, elektrisieren die Rechercheräume genauso wie die vielen Träume der New-York-Pilgerer: „Es ist einfach der Spirit hier“ – auch die Absolventen können es kaum besser beschreiben.

Aber trotzdem, wie geht das nun mit dem Pulitzerpreis genau? Antwort: Tiefenrecherche vor Ort. Das kann dann schon mal bedeuten, dass man als Student an Gefängnistüren klopfen und Häftlinge besuchen muss. Oder dass man jeden zweiten Tag als einziger Weißer in der Bronx aufschlägt, um dort lokale Geschichten zu entdecken. Niemand hat gesagt, dass guter Investigativjournalismus leicht ist. „Danach wusste ich dass das, was ich für investigativ gehalten hatte, irgendwo hier oben an der Oberfläche gekratzt hat“, sagt Drepper. „Die haben dich erst zerstört, dann wieder zusammengebaut und wenn du hier rauskommst, weißt du, was guter Geschmack ist und wo du hinwillst und willst diesen Weg gehen.“

Aber bedeutet dieser Weg auch noch den guten alten Printjournalismus? Eher nicht. Die besser bezahlten Jobs sind datenjournalistische Projekte und Videos. Vom klassischen Printjournalismus kann niemand mehr leben.

Zwischen Inhalte- und Technologieunternehmen

Diese Einschätzung dürfte man bei der Huffington Post in der Nähe des Union Square in Manhattan teilen. Das Hauptquartier der HuffPost ist ein Kontrastprogramm zu den altehrwürdigen Hallen von Columbia. Mehrere Etagen vollgepackt mit gutaussehenden Mitarbeitern zwischen 25 und 35 hinter silbernen Macs, Tablets und sehr, sehr viel Glas. Die HuffPost sieht genau wie das aus, wofür sie steht: eine 50/50-Mischung aus Journalismus und Technologieunternehmen.

Nach dem Verkauf an AOL im Jahr 2011 hat sich diese Ausrichtung noch manifestiert. Sichtbar wird sie jedenfalls durch die Start-Up-klassische Optik des Unternehmens: modern, bunt – aber nicht spielplatzbunt –, Tischtennisplatten, Free Food überall, „AOL Yoga-Classes“, zwei Räume für Nickerchen, ein gläsernes Fernsehstudio mitten im Newsroom und dazu die Start-Up-typische Leichtigkeit, die klassischerweise über den New Businesses zu schweben scheint.

Dass Innovation hier fester Bestandteil ist und bei allen Mitarbeitern gefördert und gefordert wird, ist klar. „Unsere Redakteure müssen ein technisches Verständnis haben. Dafür gibt es für jeden zu Beginn zwei Wochen Schulungen in technischen Tools und Social Media. Früher saß neben jedem Redakteur immer ein Developer, der – wenn der Redakteur ausrastete, das entsprechende Tool entwickeln und mit ihm ausprobieren konnte“, erklärt Nicholas Sabloff, Executive International Editor.

Die HuffPost versteht sich auch heute noch als Editorial und Tech Company, deren Produktmanager alle ehemalige Redakteure waren – weil die schließlich am besten wissen, welchen Anforderungen technische Entwicklungen in der Redaktion gerecht werden müssen.

Aus den 25 Redakteuren vor sieben Jahren sind mittlerweile mehrere hundert Mitarbeiter und Ausgaben in elf verschiedenen Ländern geworden. 2012 bekam die Huffington Post als erste kommerzielle Onlinezeitung den begehrten Pulitzer. Das Credo ist: konsequent den Zukunftstrends zu folgen und diese gleich aktiv umsetzen. Was das heißt? Hier die Grundsätze der Trendsetter:

1. Social Media ersetzt die Homepage

2. Social Media First – das heißt, dass sich schon die Überschriften danach auszurichten haben, dass sie in den sozialen Kanälen funktionieren. Klare Ansage: „Bei der Huffington Post ist jeder Redakteur auch ein Social Media-Redakteur.“

3. Alles geht Richtung Video – das bedeutet den konsequenten Auf- und Ausbau zugunsten von Videocontent. Hier liegen die größte Aufmerksamkeit, die längste Verweildauer und die meisten Dollar

4. Redakteure müssen Alleskönner sein. Sie müssen Schreiben, Drehen, mit technischen Tools und sozialen Communities umgehen und darauf entsprechend reagieren können

5. Der Medienwandel muss von allen Mitarbeitern vorangetrieben werden

to be continued…Tag 1Tag 2Tag 3Tag 4Tag 5

Der Innovation Field Trip New York City wird von der Hamburg Media School organisiert. Die Idee: 5 Tage in einer Stadt, in der Journalisten, Medienunternehmen, Startups und Medienwissenschaftler über Innovationen im Journalismus nicht nur nachdenken, sondern sie auch machen. MEEDIA ist Kooperationspartner des Studiengangs Digital Journalism an der HMS.

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