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Steingart über Schirrmacher: „Homo Sapiens im Land des Homo Google“

Frank Schirrmacher
Frank Schirrmacher

Am Tag nach der Nachricht vom Tod des FAZ-Mitherausgebers Frank Schirrmacher herrschen Trauer und Betroffenheit in der Branche. Viele Kollegen und Weggefährten Frank Schirrmachers haben Nachrufe verfasst, die den großen Denker, Journalisten und Publizisten würdigen. MEEDIA dokumentiert den Nachruf, den Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart in seinem "Morning Briefing" über Frank Schirrmacher verfasste.

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von Gabor Steingart

Jeder ist ersetzbar, heißt es immer. Im Falle von Frank Schirrmacher stimmt das nicht. Sein plötzlicher Tod – im Alter von nur 54 Jahren erlag er gestern einem Herzinfarkt – hinterlässt keine Lücke, sondern einen Abgrund. Ohne Vorwarnung hat uns der kluge Kopf unserer Generation verlassen. Noch ist da gar kein Schmerz, nur Taubheit.

Der FAZ-Mitherausgeber war ein Ausnahmejournalist: besessen, widersprüchlich, neugierig, wobei die Betonung hier auf gierig liegt. Er sog das Neue wie ein Süchtiger in sich auf, die frisch destillierte Erkenntnis berauschte ihn, das Undeutliche und Rätselhafte trieb ihn über sich selbst hinaus. In Erkenntnis sichernder Absicht benutzte er dabei auch eine in Vergessenheit geratene Kulturtechnik: die des Zuhörens. Und das in einer Zeit, in der alle immer auf Sendung sind.

Der Publizist Schirrmacher hat mit seinen Essays zur alternden Gesellschaft, zum entschlüsselten Genom und den Düsternissen der Digitalzeit unser Denken geprägt wie kein zweiter Zeitgenosse. Wo er war, war vorne. Seine Debatten waren unsere Debatten. Selbst sein Buchregal haben wir nachgebaut. Der Unterschied war freilich der: Wir haben alles gekauft, was er empfahl; er hatte auch noch alles gelesen. Ein Homo sapiens im Land des Homo Google.

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Frank war vieles – ein Kollege, ein Charmeur, auch ein Freund, ein Genussmensch war er nicht. Er lebte ein Leben im Land der Gehetzten, angetrieben von Ängsten und Apokalypsen aller Art. Hinter jedem Abendrot vermutete er eine Götterdämmerung. Allein seine E-Mails aus den letzten Wochen zeigen sein Aufgewühltsein: „Es ist wirklich Titanic.“ „Würde gern ausführlich reden. Es dreht sich alles.“ „Müssen reden, es steht eine Konzentration unbekannten Ausmaßes bevor.“ Sein Alarmismus war die Inspiration unserer Generation. So bereicherte er unsere Gedankenwelt, doch zugleich entzog er seinem eigenen Körper die Kräfte. Er war mutig, das stimmt. Aber er war zugleich mutwillig, das stimmt leider auch.

Frank Schirrmacher wird uns fehlen, und am meisten jenen, die ihn nicht vermissen. „Wir sind alle Würmchen, aber ich bin ein Glühwürmchen“, hat Winston Churchill einst über sich gesagt. Schirrmacher darf sich hier angesprochen fühlen. Er lebte, dachte und schrieb in der Glühwürmchen-Liga. Trösten wir uns: Er ist nicht weg, nur woanders. Sein Licht leuchtet. Wer die Augen schließt, kann es sehen.

Dieser Text erschien ursprünglich im E-Mail-Newsletter „Morning Briefing„, mit dem Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart jeden Morgen durch die Themen des Tages führt. MEEDIA gehört zur Verlagsgruppe Handelsblatt.

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