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„Unbarmherzig“: Hans-Jürgen Jakobs über Michael Hallers Zeitungs-Analyse

In seinem Buch "Brauchen wir Zeitungen" formuliert der emeritierte Leipziger Journalismus-Professor Michael Haller zehn Gründe, warum Zeitungen untergehen und zehn Vorschläge, wie dies verhindert werden kann. Handelsblatt-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs hat sich das Buch vorgenommen und empfindet das Werk als "ziemlich unbarmherziges Analysebuch".

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von Hans-Jürgen Jakobs

In ihren Bestzeiten galt  für Regionalzeitungen Hundert Prozent Ackermann. Jene 25 Prozent Kapitalrendite, die der Chef der Deutschen Bank anstrebte, erreichten einige locker. Sie lebten im Monopol, und nichts schien das Glück zu stören. Wäre da nicht diese Auflagen-Erosion gewesen, die bereits vor drei Jahrzehnten einsetzte, lange bevor das Internet begann.

Inzwischen sind die Blätter Symbole für Abstieg, auch wenn in einzelnen Landstrichen noch immer mehr als  auskömmlich verdient wird. Der mit sich selbst hadernden Gattung widmet Michael Haller jetzt ein ziemlich unbarmherziges Analysebuch („Brauchen wir Zeitungen?“). Sein Fazit ist, kurz gesagt, dass die größten Verlierer ihre Schmach selbst verdient gaben. Der  emeritierte Leipziger Journalistikprofessor schiebt das mit auffallender Präferenz jenen Blattmachern in die Schuhe, die den alten Weg der Vermittlung von gut recherchierten Fakten verlassen – und stattdessen wilde Konzeptseiten machen, monothematisch und deplatziert, wie der Ex-Spiegel-Redakteur findet.

Somit wären wir schon beim Hamburger  Abendblatt, jenem gutbürgerlichen Organ, das Springer-Chef Mathias Döpfner zusammen mit der Berliner Morgenpost verkaufte, was allgemein als Menetekel verstanden wurde, dass jetzt Schluss sei mit der Regionalpresse. Wenn Autor Haller recht hat, lag der Niedergang an der Elbe lediglich an handwerklichem Versagen. Er zeigt eine Front Page, auf der Werber die „Kreativhauptstadt“ rühmen durften, was die Leser leicht als Werbung identifizierten; im Redaktionellen mögen sie dergleichen überhaupt nicht.

Angesichts solcher Mängel ärgert den Experten Haller, dass sich „eine ganze Branche selbst in eine depressive Stimmung schrieb“; der „fatale Zeitungspessimismus“ treibt ihn an. Die Krise sei   „nicht naturnotwendig, sondern überwiegend handgemacht“. Und: „Wenn die Gattung Regionalzeitung untergehen sollten, hätten dies die Eigentümer  selbst verschuldet.“ Das ist ja mal eine Steilwandthese. Sie erstaunt all jene Verlage in entlegenen Gegenden, die immer noch eine gute  Rendite genießen. Hätte das Hamburger Abendblatt einen ähnlichen Erfolg wie die erfolgreiche Badische Zeitung, müsste sie mehr als eine halbe Million Auflage haben, rechnet Haller vor.

Und seine Kur gegen Beschwerden? Setzt an beim öffentlichen Interesse, dem Zeitungen dienen sollen, und ihrer aufklärerischen Rolle. Fordert Enthüllungen, „scharfe Blicke“ hinter die Kulissen und erklärende Hintergründe, Informationen über relevante Themen, aber bloß nicht zu viele selbstverliebte Reportagen. Haller will weniger Special Interest und Journalismus aus Entscheidersicht, sowie ein Ende des Selbstverständnisses als „gedruckte Wochenzeitung“, die den Erfolg der Publikation „Die Zeit“ kopieren will. Überall sieht er Abbau an Professionalität oder die Selbstverwirklichung von Alphajournalisten.

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An solchen Warnungen darf es nie fehlen, aber der Haupthebel, den es zu bedienen gilt , ist Marketing und die systematische Nutzung von Kundenbeziehungen. Dass es hier fehlt, zeigt die intensive Bewunderung, die der findige, kreative, mutige Vorarlberger Verleger Eugen Russ erfahren hat und erfährt. Er ist das, was mancher in der Zunft bei genauem Hinsehen nicht mehr ist: Unternehmer.

Gute Unternehmer würden sofort erkennen, wo im Regionalen die Chancen für Zeitungsverlage liegen, wie sie über  Social Media Jüngere einbinden und über die Website Brücken zum gedruckten Angebot schaffen. Sie würden Interessensgemeinschaften entdecken und pflegen. So ließe sich auch der Unlust am Politischen begegnen. Und nicht länger würde der Irrsinn fortgesetzt  werden, die eigenen  journalistischen Leistungen im Netz zu verschenken und parallel über  die fehlende Monetarisierung zu klagen.

Autor Haller schreibt aus seiner Denkerstube auch hierzu etwas. Sein Programm zur Rettung der Zeitung ist insgesamt so konservativ, wie er das Publikum sieht. Eine Rettung aber ist das nicht. Und zu fürchten ist, dass der Essener Funke-Gruppe bei der Sanierung des gekauften Hamburger Abendblatts vor allem das einfällt, was schon bislang ein Hauptkriterium im Verlag war: Kosten sparen. Ein anderer Regionalverleger preist solche Tugend geradezu an: „wo wir die Zitrone drücken, kommt immer noch Saft heraus.“

Auch das, unfähige Erben, hat den Niedergang beschleunigt.

Michael Haller „Brauchen wir Zeitungen? Zehn Gründe, warum die Zeitungen untergehen. Und zehn Vorschläge, wie dies verhindert werden kann“
Halem Verlag, 248 Seiten
18 Euro

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