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Die ARD-“Wahlarena” zur Europawahl: Demokratie zum Davonrennen

Qui! Non! Vielleischt!
Qui! Non! Vielleischt!

Am kommenden Sonntag, 25. Mai, ist Europawahl. Europa, das ist irgendwie “wichtig”. Sagen alle Medien von ARD bis Bild-Zeitung. Europa, das darf man nicht doof finden, sonst ist man bestenfalls Rechtspopulist, schlimmstenfalls Nazi. Am gestrigen Dienstagabend lud die ARD die beiden Spitzenkandidaten für das Amt des EU-Kommissionspräsidenten, Martin Schulz für die Sozialdemokraten und Jean-Claude Juncker für die Konservativen, in die Wahlarena um sich Bürgerfragen zu stellen. Die Sendung entfaltete den furztrockenen Charme eines politikwissenschaftliches Proseminars. Demokratie zum Davonrennen.

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Zunächst einmal durften sich Zuschauer, die an massiven Einschlafstörungen leiden oder sich beträchtliche Mengen Koffein zugeführt haben und es also schafften, diese Sendung hallowach durchzustehen, wundern. Wundern darüber, was für hoch gebildete und in EU-Verwaltungsfragen beschlagene Bürger dieses Deutschland doch hat. Die versammelten ARD-Musterbürger wussten in- und auswendig, wieviele Abgeordnete Hamburg oder Nordrhein-Westfalen im Bundesrat haben, wieviele Lobbyorganisationen in Brüssel registriert sind und sogar, wie das verteidigungspolitische Gremium der EU heißt. Für die Bürger aus der ARD-”Wahlarena” ist das geplante Freihandelsabkommen der EU mit den USA (TTIP) ein – Zitat – “ganz heißes Eisen” und sie reden ohne mit der Wimper zu zucken von “privaten Profitinteressen”.

“Repräsentativ” seien die Zuschauer, die da so fein ausformulierte Fragen stellten, sagte Moderator Andreas Cichovicz, wenn er mal kurz keine Hamburger-Hafen-Phrase raushaute (“wo die dicken Pötte anlegen”). Ganz bestimmt waren das auch wirklich alles echte Bürger, und das fein austarierte und darum komplett spannungsfreie Frage-Antwort-Spielchen war auch ganz bestimmt nicht vorher abgesprochen. Es erweckte aber den Eindruck. Eine x-beliebige Folge Scripted-Reality-Quatsch bei “Berlin Tag & Nacht” ist tausendmal authentischer und wahrhaftiger als dieses Show-Seminar namens “Wahlarena”.

Als Zuschauer ließ einen das Gefühl nicht los, hier einer lähmend langweiligen Inszenierung von Gutbürgertum und Euro-Besoffenheit beizuwohnen. Einen schlechteren Dienst können Medien und Politiker der Sache Europa nicht erweisen. Es ist diese inszenierte Bräsigkeit, die den Eindruck vermittelt, dass der Club der Euro-Menschen im Raumschiff Brüssel eh macht, was er will. Dieser Eindruck wird die Leute bei dieser Wahl vermutlich in Scharen davon abhalten, überhaupt ein Kreuzchen zu machen oder sie werden eine Partei wie die AfD wählen. Vermutlich noch nicht einmal, weil sie die AfD besonders toll finden. Sondern einfach nur, weil man verdammt nochmal wieder das Gefühl haben will, eine Wahl zu haben. Ja, eine Wahl. Irgendeine Wahl. Die Wahl zwischen Jean-Claude Juncker und Martin Schulz ist nämlich keine Wahl.

Ob man nun den nuschelnden Herrn Juncker oder den dauerlächelnden und kopfnickenden “Ich will unbedingt Präsident werden”-Herrn Schulz wählt – in Hessen wurde man sagen: Das ist so egal wie ein Handkäs’. Der stinkt von beiden Seiten. Also der Handkäs’. Die SPD ließ vor der Europawahl Flyer verteilen auf denen im Ernst draufsteht: “Europa neu denken”. Tiefer in den Topf mit den hohlen Phrasen hätten sie nicht greifen können. Die Sozialdemokraten und Martin Schulz wollen “Arbeitsplätze sichern”, “Steuerhinterziehung bekämpfen”, “demokratisch und nicht bürokratisch sein”, irgendwelche “Werte verteidigen” usw. Wer will das nicht? Herr Juncker will das garantiert alles auch.

Die CDU wirbt bei der Europawahl u.a. mit “klaren Regeln und weniger Bürokratie”, “gemeinsam lernen und forschen” und “eine starke Währung für Europa”. Wahlsprüche so austauschbar wie die Kandidaten.

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Bemerkenswert ist dabei der umfassende, euro-affirmative  Gleichklang in allen Medien. Sogar die Bild-Zeitung gibt sich europäisch staatstragend und bittet SPD-Familienministerin Manuela Schwesig mit Cindy aus Marzahn zum Europa Fotoshooting. “Cindy-Fan” Schwesig bringt die ganze Inhaltsleere des Europa-Wahlkampfs dabei wunderbar auf den Punkt: “Europa ist wichtig. Deshalb: Wählen gehen! Jede Stimme zählt gegen rechts.” Europa ist also “wichtig”. Warum genau, das wird nicht ausgeführt. Man “muss” wählen gehen, weil sonst gewinnen ja die Rechten, also die Nazis.

Diese platte Logik wird seit vielen Jahren immer wieder aufgebrüht. Mit jedem Mal schmeckt die Brühe schaler. Was man nun wirklich davon haben soll, wenn man Juncker statt Schulz oder umgekehrt wählt, sagt kein Medium. Weil es in Wahrheit egal ist, wen man von beiden wählt. Hauptsache, man wählt irgendeinen von denen, dann geht alles weiter wie bisher und die Euro-Politiker können sich bis zur nächsten Wahl wieder ins Raumschiff Brüssel zurückziehen und dort tun, was immer sie tun. Abheben zum Beispiel.

Die ARD hätte die beiden Spitzenkandidaten lieber von Journalisten wirklich “grillen” lassen sollen. So aber gewinnt man den Eindruck, dass Medien und die EU-Politiker und die handverlesenen Musterbürger aus der “Wahlarena” alle in einem Boot sitzen. Europa ist “ganz wichtig”, man “muss zur Wahl gehen”, sonst drohen “die Rechten”.

Und so schleppt sich der Gutbürger am Sonntag zur Wahl, macht sein Kreuzchen für den sympathisch schnoddrigen Juncker oder den amtsgeilen Schulz, zuckt mit den Achseln und geht wieder Heim. Bis zum nächsten Mal.

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