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Ukraine: Russischer Reporter ruft zur Jagd auf Bild-Mann Ronzheimer auf

Von Journalisten-Kollegen bedroht: Paul Ronzheimer musste laut eigener Aussage aus der Region Slawjansk fliehen.
Von Journalisten-Kollegen bedroht: Paul Ronzheimer musste laut eigener Aussage aus der Region Slawjansk fliehen.

"Konkret will er mich, den Bild-Reporter, in einem Keller bei den Russen-Rebellen ... sehen." Seiner eigenen Aussage zufolge schwebt der aus der Ukraine berichtende Bild-Reporter Paul Ronzheimer in Gefahr. Ausgerechnet ein russischer Journalistenkollege habe ihn wegen kritischer Berichterstattung bei pro-russischen Truppen angeschwärzt.

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Ronzheimer zeigt sich in seinem Artikel für Bild fassungslos: „Wie kann ein Mann, der sich selbst Journalist nennt, so etwas tun…?“ Der russische Reporter Dimitri Steschin, der für die Moskauer Zeitung Komsomolskaya Prawda arbeitet, hat „öffentlich zur Jagd“ auf den Bild-Berichterstatter aufgerufen. Ronzheimer hat vor neun Tagen aus der Rebellenhochburg Slawjansk berichtet und über Wahlbetrug beim illegalen Referendum geschrieben. Er und sein Team hatten einen Mann begleitet, der bis zu acht Mal wählen durfte.

Dieser Bericht sei in den Augen des russischen Journalisten offenbar respektlos gegenüber den Menschen gewesen, „die für dieses Referendum mit Blut bezahlt haben“, wie die Seite Euromaidan-PR protokolliert hat. Aus diesem Grund habe Steschin den deutschen Journalisten bei den Separatisten verraten, die seine Verfolgung aufgenommen hätten. Wie Ronzheimer berichtet (und gegenüber MEEDIA belegt hat), hat Steschin auch via Twitter verbreitet, dass der Bild-Mann geschnappt werde („The provocateur will be caught“). Ronzheimer, der bereits seit sechs Monaten für die Bild-Zeitung aus dem Osten berichtet und sich zum Zeitpunkt der Drohung nahe Slawjansk aufgehalten habe, sei rechtzeitig geflohen. „Steschin hat mit fast 25.000 Followern auf Twitter einen hohen Bekanntheitsgrad“, erzählt Ronzheimer gegenüber MEEDIA.

Der Drohung zufolge sollten Ronzheimer und sein Team entführt werden. „Heute wissen wir, dass die pro-russischen Separatisten in Slawjansk konkret über uns informiert waren. Uns wurde berichtet, dass sie an den Checkpoints wegen unserer Berichterstattung ein Bild von uns besaßen und die konkrete Aufforderung ihres Kommandeurs hatten, uns festzunehmen.“ Auch andere Journalisten wie der amerikanische Reporter Simon Ostrovsky seien in Slawjansk entführt worden. Vor allem aber seien ukrainische Journalisten und Aktivisten in großer Gefahr. „Gleichzeitig verurteile ich, dass jetzt die ukrainische Armee damit begonnen hat, russische Journalisten festzunehmen. Es darf nicht sein, dass Reporter bei ihrer Arbeit so bedroht und behindert werden, egal von welcher Seite.“ 

Laut Ronzheimer bezeichnet sich Steschin selbst als Kriegsreporter der Zeitung Komsomolskaya Pravda und war unter anderem auch auf der Krim als Reporter unterwegs. „Zuletzt hat er sich die meiste Zeit in Slawyansk aufgehalten, wo ich ihn auch mehrfach gesehen habe. Ihm wird von russischen Journalisten vorgeworfen, faschistischen Gruppen in Russland nahezustehen. Uns liegt eine Liste aus dem ‚Kreml‘ vor, die ihn als einen der Journalisten ausweist, die von Russlands Präsident Wladimir Putin für ‚ausgewogene Berichterstattung‘ geehrt werden sollen“, so Ronzheimer. 

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Wegen „einseitiger“ Berichterstattung: Ronzheimer erhält Hass-Mails

Nachdem sie von der Drohung – zunächst über Kollegen – erfahren haben, sei Ronzheimer mit seinem Team „rausgefahren aus Slawjansk und bisher auch nicht mehr dorthin zurückgekehrt. In der Stadt herrscht eine Ausnahmesituation: Sie ist komplett in der Hand von Separatisten, fast täglich gibt es Auseinandersetzungen, und die Atmosphäre an den zahlreichen Checkpoints ist außerordentlich aggressiv.“ Derzeit hält sich das deutsche Team in der ukrainischen Hauptstadt Kiew auf, um über die anstehenden Wahlen zu berichten. Dies sei bereits länger so geplant gewesen, erklärt Ronzheimer. Unterdessen wächst der Hass auf den Journalisten. In einem Video-Beitrag liest Ronzheimer aus Mails- und Facebook-Nachrichten vor. Dort werfen ihm Leser nicht nur einseitige Berichterstattung vor, sondern wünschen ihm unter anderem auch seinen Tod. „Wir haben uns in unserer Berichterstattung aus meiner Sicht nichts vorzuwerfen, denn wir haben zum Beispiel dem selbst ernannten Bürgermeister immer wieder die Möglichkeit gegeben, seine Ansichten zu äußern, auch in zahlreichen Videos. Fast täglich haben wir ihn im besetzten Regierungsgebäude der Stadt für Interviews getroffen.“

MEEDIA sprach vor drei Wochen schon einmal mit Ronzheimer während seines Aufenthalts in der pro-russischen Hochburg. Bereits damals sprach der Reporter von einer „verschärften Lage“ und vermissten Menschen. Die Sicherheitsvorkehrungen, die er und andere Reporter-Kollegen treffen können, halten sich in Grenzen. „Wir haben ein Hotelzimmer in Slawjansk und aus Sicherheitsgründen auch in Donezk. Morgens früh entscheiden wir, wohin wir fahren, ob wir schnelle Live-Berichte oder längere Hintergründe produzieren“, so Ronzheimer damals. 

 

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