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Interner New York Times-Report: Angst vor HuffPost und BuzzFeed

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Es war ein Paukenschlag, der Rätsel aufgibt: Jill Abramson, renommierte Chefredakteurin des New York Times, wurde nach nur drei Jahren gefeuert. Zur Last gelegt wird Abramson offenbar vor allem die Digitalstrategie. Das legt zumindest eine bemerkenswerte 96-Seiten Analyse nahe, die eigentlich für interne Zwecke gedacht war. Die Online-Rivalen seien demnach längst vorbeigezogen. Erstaunlicherweise hat die Börse davon wenig mitbekommen. 


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Man kann es einen brutalstmöglichen Abschied ganz ohne übliche Höflichkeitsfloskeln nennen. Chefredakteurin Jill Abramson musste gestern nach nur drei Jahren mit sofortiger Wirkung den Posten räumen. Im Erklärungsschreiben an die Redaktion ließ Herausgeber Sulzberger erkennen, dass es ein Problem im Newsroom gegeben habe und sich die New York Times schneller an die “digital-first reality” anpassen müsse.

Dabei hat die „Grey Lady“ unter der Ägide Abramsons genau das getan: Per Ende des ersten Quartals konnte die US-Traditionszeitung 799.000 Online-Abonnenten ausweisen, die ausschließlich für das Digitalangebot zahlten. Das entsprach gegenüber dem vorangegangenen Dreimonatszeitraum einem Zuwachs von allein 39.000 zahlungswilligen Online-Abonnenten.

Digitalangebot wächst, Aktie haussiert

Tatsächlich zogen die Umsätze der Online-Unit im vergangenen Quartal um knapp 14 Prozent auf 40,3 Millionen Dollar an, wie die Ende April veröffentlichte Bilanz zeigte. Zwar gab der Gewinn wegen gestiegener Ausgaben moderat um 500.000 Dollar nach, doch die New York Times verdiente mit 56,6 Millionen Dollar für einen Verlag mitten in der Digitalisierung erstaunlich gutes Geld.

Das bescheinigte auch die Wall Street der 163 Jahre alten Brancheninstitution. Die Aktie der im S&P 500 gelisteten New York Times befindet sich tatsächlich seit Jahren auf einem Höhenflug und haussierte seit den 25-Jahrestiefs bei weniger als 4 Dollar vor ziemlich genau fünf Jahren um mehr als 300 Prozent auf in der Spitze 16 Dollar. Allein unter der Führung Abramsons zwischen 2011 und 2014 legte die Aktie um mehr als 100 Prozent – und damit weitaus mehr als die Vergleichsindizes -zu.

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„Innovation Report“: Schonungslose Selbstanalyse der NYT

Wenn die eigene und die Börsenperformance stimmte, warum dann Abramsons Demission? Der Grund soll angeblich mit den Zukunftsperspektiven und der Selbsteinschätzung des Unternehmens zusammenhängen. Die New York Times bietet dieser Tage unfreiwillig Einblick in ihr Innerstes. Unter dem Titel „Innovation Report“ hat der Verlag auf 96 Seiten eine schonungslose Selbstanalyse (Stand: Ende März) vorgenommen, die nun in Form von Fotokopien an Capital New York und BuzzFeed gelangte und seit Donnerstag im Web viral geht.

Ehrliche Selbsteinschätzung der New York Times: „Wir bewegen uns nicht mit der gebotenen Dringlichkeit“, heißt es in dem Report, der von einem Komitee zusammengestellt wurde, dem auch der Verlegersohn A.G. Sulzberger angehört. Vielmehr seien die boomenden kuratierten Online-Angebote von First Look Media, Vox, Huffington Post, Business Insider und BuzzFeed eine echte Bedrohung.

„Die Huffington Post ist vor Jahren an uns vorbeigezogen, BuzzFeed 2013. Unser journalistischer Vorteil schwindet“, mahnt das NYT-Komitee.  Der 96 Seiten starke „Innovation Report“ ist ein faszinierendes historisches Dokument des journalistischen Paradigmenwechsels. Das am Ende aber nicht nur schonungslos selbstkritisch ist – sondern wie eine nachgeschobene Rechtfertigung zu einer der spektakulärsten Kündigungen in der Medienbranche der vergangenen Jahre wirkt.

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