Sebastian Esser über Krautreporter: „Es gibt nur alles oder nichts“

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Krautreporter-Gründer Sebastian Esser

Publishing Das Projekt "Krautreporter" sorgt für rege Diskussionen. Kann eine werbefreie, allein von seinen Lesern finanzierte Online-Plattform für verlagsunabhängigen Journalismus funktionieren? Im MEEDIA-Interview erklärt Mitgründer Sebastian Esser, warum er den Online-Journalismus von Livetickern und Nachrichtenhypes befreien will.

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Die Gründer von Krautreporter behaupten: „Viele Leser fühlen sich nicht mehr gut informiert vom Journalismus im Netz“. Woran ist dieser Trend denn festzumachen?
Ich habe dazu keine Zahlen, das ist erstmal ein behaupteter Trend. Aber jeder, der sich heute eine Newsseite im Web anschaut, kann sehen, dass die Angebote dafür gemacht sind, Geld mit Anzeigen zu verdienen. Das ist nicht schlimm. Aber das Lesen der Geschichten macht dieser werbefinanzierte Ansatz wahnsinnig anstrengend. Da gibt es Ticker, Blitzmeldungen, überall muss man nochmal klicken. Das verändert den Journalismus, der immer suchmaschinenoptimiert ist. Die Überschriften sind für Maschinen gemacht, nicht für Menschen. Und das hat mit dem Geschäftsmodell zu tun. Und wir wollen ein anderes Modell versuchen.

Was wird Krautreporter denn können, was andere nicht können?
Wir sagen nicht, dass wir besser sind als andere. Es gibt sehr guten Journalismus in Deutschland. Aber lange Hintergrundstücke kann man sich finanziell nur leisten, wenn sie nicht für ein Onlinemedium produziert sind. Stehen solche Geschichten online, sind sie in der Regel nur Anhängsel von Print-Ausgaben, wurden also ursprünglich für Print gemacht. Gleichzeitig hat das dann Auswirkungen auf die Geschichten, die mit einer Dialoghaltung, wie sie im Internet mittlerweile etabliert ist, nichts zu tun hat. Beispielsweise wird im Spiegel immer noch aus einer Art Gott-Perspektive geschrieben. Unsicherheiten gibt es da nicht.

Zusammengefasst heißt das: Krautreporter will Online-Journalismus mit der Qualität von Print plus Dialog machen?
Ja. Und das bitte nicht als Kritik am Online-Journalismus missverstehen. Es ist einfach nicht genug Geld da. Die Kollegen in den Online-Redaktionen können nicht drei Wochen am Stück recherchieren. Solche Stellen gibt es im deutschen Online-Journalismus nicht. Und die Honorare für Freie sind online zudem so, dass man nicht davon leben kann.

Sie sagen: „Der Online-Journalismus ist kaputt“.
Wir wollen mit unseren Geschichten die Qualität von überregionalen Zeitungen erreichen, aber unser Journalismus wird nicht besser sein als der im Spiegel oder in der Zeit. Wir wollen uns das nicht anmaßen, das wäre so arrogant wie unrealistisch. Aber unsere Struktur wird dafür sorgen, dass wir einen anderen Journalismus machen: durch eine enge, persönliche Verbindung mit dem Leser. Die stellt man am Besten durch große Geschichten her. Es spricht einfach viel dafür, dass bei Krautreporter etwas anderes herauskommt.

Auch Nicht-Mitglieder werden kostenlos die Inhalte lesen und anschauen können. Warum eigentlich? Krautreporter soll doch gerade nicht auf Reichweite ausgelegt sein. Der Anreiz müsste doch sein, Inhalte exklusiv lesen zu können.
Journalisten wollen mit ihrer Arbeit möglichst viele Leute erreichen. Wir wollen Wirkung erzeugen und verlinkt werden können. Dem steht die Paywall-Idee nur im Weg – und selbst ökonomisch ist sie in den seltensten Fällen erfolgreich. Beim Journalismus-Crowdfunding bitten wir Leser, die uns besonders unterstützenswert finden, unsere Arbeit zu ermöglichen, statt sie zum Zahlen zu zwingen. Das funktioniert bestens. Deswegen steht unsere Paywall nicht vor den Inhalten, sondern vor der Community.

Bei Krautreporter soll es ein Grundgehalt von 2000 Euro aufwärts für Autoren geben.
Unser Ziel ist, ganz normale Tarifhonorare zu zahlen. Wir haben zum Start aber die geringste Summe als Gehalt angenommen, die wir uns vorstellen können, damit das Konzept funktioniert.

Andere Journalisten wollen gerne mal den Journalismus im Netz neu erfinden. Dieses Anliegen steht bei Krautreporter gar nicht an erster Stelle?
Wir wollen schon neue Formen von Journalismus versuchen. Aber das soll und muss kein Kernthema werden. Es muss nicht immer ein Feiertagslayout sie, wie Zeit Online ihre aufwändigeren Projekte nennt.

Recherchetiefe von Print und die Möglichkeiten des Online-Journalismus voll ausschöpfen – eine Quadratur des Kreises?
Es ist nicht unmöglich, beides zu verbinden. Wir wollen jeden Tag vier bis fünf Stücke veröffentlichen. Wir lassen den Journalismus, der vom Journalismus abhält, einfach weg. Also Ticker, Keyword-Optimierung, das Umformulieren von Agenturmeldungen. Und gewinnen so Zeit für die eigentliche journalistische Arbeit.

Wird es Meinungsstücke geben?
Wir haben überlegt, was es noch nicht im Überfluss im Internet gibt. Meinungen gibt es via Facebook bereits genug, die haben für viele die Funktion des Leitartikels in der Zeitung abgelöst. Eine Rezension bei Amazon ist für mich in manchen Fällen nützlicher als eine in der FAZ. Es fehlt im Netz-Journalismus aber an Recherche und Reportage. Wir wollen Texte aufschreiben, damit Leser die Welt besser verstehen. Das ist doch die Kernkompetenz von Journalismus.

Das Ergebnis würde dann aussehen wie…?
Wir orientieren uns in Design und Usability an Portalen wie Quartz und Medium. Zwei Endlosscrolls, in der klassische Banner und Kästen keinen Platz haben. Ruhig, übersichtlich, aber emotional.

Die Autoren bieten Themen an – oder schreiben die, was sie wollen?
Es wird eine feste Kern-Redaktion geben, aber die Autoren werden maximal unabhängig sein. Sie schreiben, worüber sie wollen. Es gibt nur eine Hierarchiestufe – der Chefredakteur Alexander von Streit entscheidet, was auf die Startseite kommt. Wir vertrauen darauf, dass sich unsere Autoren für Themen interessieren, für die sich die Leser auch interessieren.

Im Team sind verhältnismäßig viele Medien- Tech- und Internetspezialisten.
Beiträge über Medien in Form von „Die Zukunft des Journalismus“ werden wir nicht machen. Davon abgesehen gibt es aber keinen Vollständigkeitsanspruch. Wenn wir keine gute Geschichte haben, die einem Thema etwas hinzufügt, dann gibt es eben keine Geschichte.

Warum sind im Autorenteam keine großen Namen aus den Printmedien vertreten? Trauen die sich nicht?
Ich habe nicht versucht, jemanden von einem Printmedium abzuwerben. Und viele Autoren von uns schreiben ja für Print. Fast alle, die wir gefragt haben, haben ja gesagt. Ich habe ein starkes Verlangen gespürt, Dinge im Online-Journalismus anders zu machen. Viele Autoren haben auf eine Idee wie Krautreporter gewartet.

Aber wenn es nur 14.000 Unterstützer werden, dann wird es Krautreporter nicht geben.
Ja. Es gibt nur alles oder nichts.

Haben sich eigentlich in den vergangenen Tagen viele Journalisten gemeldet, die jetzt auch mitmachen wollen?
Tatsächlich, ja. Das ist sehr schmeichelhaft, denn noch haben wir ja nichts geleistet.

Zur Seite von Krautreporter geht es hier.

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