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Der Medien-Hype um Conchita Wurst: „The Wiener takes it all“

„The Wiener takes it all“: Conchita Wurst holt nach 48 Jahren des ESC zurück nach Österreich.
"The Wiener takes it all": Conchita Wurst holt nach 48 Jahren des ESC zurück nach Österreich.

Beliebteste Schlagzeile, zumindest bei den Online-Medien, war die Zeile: "The Wiener takes it all". Stern.de, Express.de, RP-Online, die Rhein-Zeitung , dpa und viele mehr bedienten sich dieses Wortspiels. Einigkeit herrscht auch in den Wertungen des ESC-Sieges von Conchita Wurst. Der Sieg ist ein "Triumph der Toleranz".

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Jens Maier für stern.de sieht den Sieg der österreichischen Kandidatin nicht nur als nationalen Erfolg, sondern auch für Homosexuelle: „Die ganze Arena von Kopenhagen steht Kopf. Egal ob 14-blzDänen, Deutsche, Spanier oder Isländer. Sogar Holländer, denen gerade alle Hoffnung auf den ersten Platz genommen wurde, freuen sich mit. Denn die Siegerin – und das ist das Neue und einzigartige an diesem Triumph – hat nicht für ein Land gewonnen. Conchita Wurst siegt für eine Botschaft: von Akzeptanz, Toleranz und Menschenrechten.“ Dabei überzeugte Wurst nicht durch ihr musikalisches Können, sondern einer guten Geschichte, meint der stern-Journalist. „Dabei kam es auf das Lied gar nicht so sehr an. Sicher, es passte perfekt zu dieser Geschichte vom schwulen Landjungen aus dem Salzkammergut, der auszieht in die Stadt, um eine große und gefeierte Diva zu werden. Aber die Qualität des Songs, der unter anderem von Ali Zuckowski, dem Sohn von Kinderliedsänger Rolf Zuckowski, geschrieben wurde, ist mittelmäßig. Die Kopie eines James-Bond-Songs. Da gab es bessere Balladen im Wettbewerb, aus Norwegen beispielsweise oder aus Montenegro. „Rise Like A Phoenix“ wird erst in Kombination mit seiner Sängerin großartig.“

Hans Hoff für süddeutsche.de zur Siegerin: „Es ist kein einfacher Sieg, den Conchita Wurst da feiern darf, es ist ein Triumph von Herz, Humor und Toleranz, eine Bedeutungsexplosion, die aus der sonst gerne so seelenlosen Abfolge von durchprogrammierten Retortenhits eine bedeutsame Sache macht. Der ESC hat Europa nicht vereinigt, aber er hat gezeigt, dass Europa sich auf etwas einigen kann, wenn es um etwas geht.“ Zur musikalischen Qualität: „Sicherlich hat nicht jedem das Lied „Rise Like A Phoenix“ gefallen. Es ist nach wie vor eine bombastische Kitschexplosion, die in jedem James-Bond-Vorspann besser aufgehoben wäre als bei einem Schlagerfest. Aber sie wurde halt eben von Conchita Wurst präsentiert, von einer Frau, die zeigen wollte, dass man das, was man sein will, sein kann. Wenn man das Wollen nur mit großer Ernsthaftigkeit und Mut betreibt.“

Arno Frank schreibt für Spiegel Online von einem gelungenen Bond-Girl-Auftritt und über Conchita Wursts Rolle: „Als Diva mit Vollbart, die übrigens mit „Rise like a Phoenix“ einen tadellosen Bond-Song hinlegte, spaltete Neuwirth die Spaß- und Wirtschaftsgemeinschaft wieder entlang ihrer unsichtbaren Wertegrenze zwischen Ost und West.“

Julia Friese für Welt Online05-weltk: „Das ganze Fachsimpeln, warum Conchita Wurst denn nun einen Bart trägt, ist auch leicht erklärt: Frau Wurst hat nicht nur die jüngsten drei Bond-Songs vermengt und sie sich zu einer „neuen“ Bond-Hymne auf den glitzernden Leib schneidern lassen. Nein, auch optisch wollte sie eine Amalgamation der Interpreten von „Skyfall“, „Another Way to Die“ und „You Know My Name“ abgeben. Conchita Wurst, das ist Adele, Chris Cornell, Alicia Keys und Jack White in Personalunion.“

Maximilian Kloes für Focus Online:  „Das Motto dieses Eurovision Song Contests ist Stärke: Conchita Wurst gab ein Statement gegen Unterdrückung ab und musikalisches Talent setzte sich gegen Beliebigkeit durch.“ Und weiter: „Doch noch etwas anderes stimmt nicht: Nachdem in den letzten Jahren immer Süße, Massenkompatibilität und Glätte den größten Eurovision Song Contest gewannen, war es in diesem Jahr etwas Widerborstiges. Nein, nicht der Bart. Sondern das, was viele Zuschauer darunter sahen.“

Rabea Weihser titelt für Zeit Online „Europa ist Wurst“. Die Sängerin sei eine „Symbolfigur der Toleranz“. Weiter heißt es in verhaltenerem Tonfall: „Der Weg dorthin war heute bisweilen unangenehm, aber das Ergebnis doch zumindest erfreulich.“ Blogger-Kollege Bonaparte beschreibt die Transen-Sängerin dazu wie folgt: „Conichita Wurst hat als einzige/r der Kandidaten drei popkulturell relevante Nebensachen am Start: Name, Erscheinungsbild und: kann schon singen.“

Bild.de lädt seine Leser ein, sich gemeinsam mit der Zeitung „zur Wurst“ zu machen. Udo Jürgens, der zuletzt für Österreich den Titel im Jahr 1966 holte, im Interview mit Bild: „„Als ich Frau oder Herrn Wurst das erste Mal gesehen habe, war ich erschrocken. Eine Frau mit Bart, was soll das denn? Das war mir sehr fremd. Dann habe ich sie in einer Talkshow gesehen und war angenehm überrascht, wie intelligent und sympathisch sie war. Da habe ich mir gesagt: Ich habe nicht das Recht, intolerant zu sein und jemanden nach seinem Aussehen zu beurteilen. Es zählt doch immer nur der Mensch.“ Und weiter: „Wir in Europa sind der toleranteste Kontinent auf der Welt, das haben wir jetzt allen gezeigt. Natürlich ist dieser Sieg auch ein Zeichen gegen die Bedrohung aus dem Osten und gegen die Unterdrückung von Homosexuellen, die dort immer noch an der Tagesordnung ist.“

Bernd Peters für Express.de über die Kunstifigur Wurst: „Für ihre homophoben Gegner vor allem in Osteuropa ist es das Wurst Case Szenario – für ihre Fans eine tolle Wurst…“ Zum musikalischen Talent der Sängerin: „Der österreichische Transvestit aus Wien legte seinen inoffiziellen James-Bond-Titelsong ‚Rise Like A Phoenix‘ mit viel Pathos und Provokation aufs Parkett. Und Stimme! Ein glänzender Auftritt. La Wurst – alles andere als ein reiner Gaga-Act.“

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Conchita Wurst wird auch im eigenen Land gefeiert. Die Kronen-Zeitung veröffentlicht zehn Gründe, weshalb klar war, dass die Sängerin den Sieg holt: So habe Wurst gewinnen, weil sie die Russen verärgere, genauso wie „europäische Homophobe“ und „österreichische Politiker wie FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache“. Zudem habe sie einen Bart, der sie zur Stil-Ikone mache. Grund Nummer sieben: „Paradoxerweise hat sie wirklich Eier“.

Ute Baumhackl für Kleine Zeitung aus Österreich beschreibt den Sieg als „Triumph der Toleranz“. Diesen habe vor allem Osteuropa gefördert: „Homophobe Äußerungen von Moderatoren und anderen TV-Persönlichkeiten, die Forderung nach Zensur ihres TV-Auftritts verschafften Conchita Wurst erst das, was man im aktuellen Mediensprech „Momentum“ nennt: einen Aufmerksamkeitsimpuls, der weit über den Song Contest hinausragte.“

20140512.01K___01Christina Böck analysiert für Wienerzeitung.at die Strategie des in Österreich federführenden Sender ORF: „Und für so manchen im oberen ORF-Management war der Schock wohl nicht einmal so klein. Dabei musste man beim ORF gewusst haben, was man da anstrebt. Denn der PR-Schachzug der Wurst war nicht weniger als perfekt. Es zeigte sich bereits zwei, drei Wochen vor der Veranstaltung, als einige renommierte britische Zeitungen über sie zu berichten begannen. Die Aufmerksamkeit – kein Wunder, mit einem exzentrischen Aussehen wie ihrem – war also da. Dass das allein nicht reicht, weiß man aber schon, man denke nur an die unglücklichen Popschwackler.“

(ms)
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