Titanic-Chef Tim Wolff: „Wir sind die freieste Redaktion der Republik“

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Publishing Tim Wolff, 36, spricht mit Christopher Lesko über Satire als Ventil, Reaktionen auf Titanic-Beiträge über die Medienberichterstattung zum Tod von Robert Enke und dem Unfall von Michael Schumacher. Wolff blickt auf den Postillon, auf sich selbst und seinen Weg in die aktuelle Rolle: „Ich bin ein langweiliger Mensch, der keine Langeweile kennt.“

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Tim Wolff, welche Ziele verbanden Sie mit Ihrer Zusage zu unserem Gespräch?  Billiger Ruhm, eitel Tand und Flitterkram, oder wollten Sie einfach einmal in Hauptstadtnähe kostenlos Kaffee in sich hineinschütten?

Alles zusammen. Vor allem:  Ruhm! Und die Mehrung des Ruhmes der Titanic.

Ruhm scheint mir als Ziel übersichtlich.

Natürlich nutzen Kollegen ihre Rolle bei der Titanic auch zur Entwicklung der eigenen Autoren-Persönlichkeit, und es schmeichelt, als Gesprächspartner gesehen und gefragt zu werden. Wichtiger ist mir, dass die Titanic wahrgenommen wird und auch möglichst lange prominent weiter existiert.

In Kreisen des Vatikan und der Formel 1 haben Sie bezüglich der Wahrnehmung ja durchaus solide Teilerfolge erzielt. Sind Sie denn eigener Einschätzung nach überhaupt kontaktfähig?

Nein. Ich bin ein scheuer Mensch, habe durchaus Angst vor anderen Menschen, spreche leise und nuschele. Es sei denn, ich fühle mich wohl.

Den Status haben wir glücklicherweise noch nicht ganz erreicht.

Ich habe es schon als Schüler gehasst, Referate vor Mitschülern zu halten und bin auch bei Lesungen nicht sonderlich gerne auf der Bühne. Kenne ich den Ort der Lesung und fühle mich wohl an dem Abend, kann ich aber auch ganz locker und fröhlich sein. 

Beschreiben Sie mir doch in einigen Sätzen, wer genau hier vor mir sitzt.

Meine klassische Selbstbeschreibung lautet: Ich fühle mich als jemand, dem letztlich diese Welt gehört. Ich bin ein aus der Nordhälfte dieses Planeten stammender, heterosexueller Rechtshänder. Diese Welt ist für mich geschaffen. Es gibt praktisch keine Möglichkeit, mich zu diskriminieren, zu beleidigen oder durch einen Begriff auf einen Teilaspekt zu reduzieren. Die Erkenntnis dieses Privilegs ist übrigens eine meiner Motivationen, Satire zu betreiben: Ich möchte letztlich, dass es allen Menschen so gut geht wie mir.

Darüber hinaus: Sind Sie ein aggressiver, ungerechter, liebevoller, humorvoller, sachlicher oder verzweifelter Mensch?

Ich bin fast schon harmoniesüchtig. Alle Aggressivität, die ich besitze, kommt aus dieser Harmoniesucht. Die Welt, die man durch die Medien wahrnimmt, ist eine aggressiv-dumme. Will ich also Harmonie herstellen, muss ich hier und da aggressiv agieren.

Natürlich bin ich nicht zufrieden.

Das glaube ich.

Können wir festhalten, dass der Blick auf sich selbst nicht zu jenen Kernkompetenzen gehört, die Ihnen in jeder Sekunde des Tages vollumfänglich zur Verfügung stehen?

Das können wir festhalten. Ich habe keinen blassen Schimmer, wer ich bin. Meine Selbstwahrnehmung ändert sich von Stunde zu Stunde. 

Wenn der Blick auf sich selbst nicht gewohnt ist: Was sagen Ihnen denn andere über Sie?

Die Frage ist ebenso schwer zu beantworten, und ich habe  keine befriedigende Antwort: Entweder merke ich mir das nicht, oder ich möchte mit Meinungen anderer über mich nicht belästigt werden.

Was ist denn das Lausigste an Ihnen?

Mein Jähzorn, der mich gelegentlich an klaren Gedanken hindert. Ich verbringe viel Zeit mit ihm und der Frage, wie ich ihn unterdrücken und in vernünftige Bahnen lenken kann. Wobei ich da schon große Fortschritte gemacht habe.

Verstehen Sie ihn denn?

Ja. Ich trete in  diesen Situationen quasi immer ein wenig neben mich und beobachte mich. Meine Wut tritt selten in großen sozialen Situationen auf. Sie kann sich aber stets an Kleinigkeiten entzünden: Im professionellen Kontext etwa an Nachlässigkeiten oder boulevardeskem Verhalten von Journalisten. In der Titanic haben wir das mehrfach zu spüren bekommen: Als wir 2012 nach der Aufregung um den Papst-Titel auch noch einen Bettina-Wulff-Mohamed-Titel machten und daraufhin in diversen RTL-Sendungen die Frankfurter Skyline mit einem Fadenkreuz  versehen wurde, wurde ich aufgrund der nackten Unverschämtheit schon sehr wütend.

Über konkrete Anlässe hinaus bilden Wut und Jähzorn ja Ventile.

Ja, wenn sich etwas aufgestaut hat, und so sind sie in gewisser Hinsicht dem Witz und dem Lachen verwandt. Lachen und Zorn lösen Aufgestautes. Auch deshalb versuche ich Satire zu machen: Um nicht zu zornig zu werden. Stattdessen werde ich manchmal verzweifelt, wie etwa in der Schumacher-Sache.

Das Thema Schumacher ist ja ohnehin eng mit Verzweiflung verbunden. Woran sind Sie denn verzweifelt?

Diesmal nicht an den Reaktionen der Medien auf unseren Titel, sondern an Reaktionen einiger Leser und deren Unfähigkeit, über das auf dem Titel Gezeigte hinauszuschauen. Ich verstehe ja emotionale Reaktionen von Leuten, die auf den Titel gestoßen wurden, ohne mit Satire je viel zu tun gehabt zu haben. Leute, die sich vielleicht mit Michael Schumacher eng verbunden fühlen, weil sie -zumindest in ihrem Empfinden- mit ihm Erfolge gefeiert und Enttäuschungen erlebt haben und ihr Idol beleidigt sahen. Aber nicht in der Lage zu sein, über diesen ersten Moment hinaus zu gehen und sich moralisch berechtigt zu sehen, uns das Schlimmste an den Hals zu wünschen, uns als übler  zu bezeichnen, als es Adolf Hitler je war, ist schon heftig. Ich möchte grundsätzlich an das Gute in Menschen und zumindest die Möglichkeit von Intelligenz glauben. Aber  sich aufgeregt hinzusetzen und ohne die Bereitschaft, auch nur einen Schritt weiter zu denken, derartige Leserbriefe mit so viel geballter Dummheit zu schreiben? Ich habe noch nie begriffen, wieso Menschen Leserbriefe schreiben.

Man nähert sich einer Antwort vielleicht eher mit der Frage „Wozu?“ statt mit der Frage „Wieso?“.

Ja? Was könnte die Motivation sein, sich einen Spiegel zu kaufen, die Titelgeschichte zu lesen, sich an den Rechner zu setzen und zu schreiben: „Ein hervorragend recherchierter Bericht. Es war mir eine große Freude ihn zu lesen. Vielen Dank!“?

In Verbindung mit dem Spiegel wird man Sätze wie diese auch nicht mehr so häufig lesen.

(Lachend): Das stimmt. Ich glaube alle Leserbriefe dieser Art, die sie bekommen, stehen dann auch im Blatt.

Zurück zum Thema der Leser-Reaktionen auf den Schumacher-Text und Ihrem Unverständnis über die Dummheit der Reaktionen. Intelligenz als rationale Fähigkeit zur inneren Distanz hilft nur begrenzt, wenn man sich subjektiv respektlos im Selbstverständnis attackiert fühlt und ein Idol um sein Leben kämpft. Da gießt man Wut und Verzweiflung schon mal durch das Ventil des Leserbriefes.

Gut, aber dann fehlt die Erkenntnis, dass es von uns gar keine Attacke auf Schumacher war. Die Wut, die sich da entlädt, müsste sich eigentlich auf Boulevard-Medien entladen. Und im Fall Schumacher nicht nur auf Boulevard-Medien, sondern auch auf die Tagesschau, die minutenlang über eigentlich Nichts berichtete: Als der Reporter erzählte, er habe mit dem Arzt gesprochen, und der habe ihm nichts Neues mitgeteilt, fragte ich mich, was genau die Nachricht daran sei und dachte: Lass den Arzt doch einfach in Ruhe seine Arbeit machen.  Unser Titelbild war klassisch satirisch und nur die Verlängerung genau dessen: Die Verfehlung anderer durch -hier gar nicht so dramatische- Übertreibung sichtbar zu machen. 

Schumacher bietet viel Raum für Identifikation – auch für jene, die deutsche Sieger und Helden brauchen. Wenn Identifikation als inneres Zuhause beschädigt wird, reflektiert man nicht. Man verteidigt sich.

Mich hat das überrascht. Ältere Titanic-Redakteure berichteten von starken, emotionalen Reaktionen im Freundeskreis. Selbst mein Vater rief mich an und sagte, dies ginge nun aber gar nicht. Ich habe das tatsächlich nicht ganz begriffen. Ernst gesprochen, ist es interessant, dass Menschen sich durch uns angegriffen fühlten, obwohl wir nur auf die Berichterstattung reagierten. Auch über die Witze auf unserer Website über die mediale Verwertung des Robert-Enke-Themas gab es ja damals einen Riesen-Aufschrei. Der lustigste Vorwurf kam nach unserem Papst-Titel von Hilmar Klute von der Süddeutschen: Er schrieb, die Titanic sei zu einem Reaktionsmedium verkommen. Eine erstaunliche Aussage über ein Satire-Magazin. Wie anders könnte Satire denn funktionieren als reaktiv? 

Anders als der Papst-Titel berühren die Themen um Schumacher und Enke ja ein hochsensibles Feld.

Ja, weil hier private Tragödien eine Rolle spielen. Und natürlich fällt Lesern Abstraktion leichter, wenn Satire halbwegs politische Themen berührt. Witz braucht Abstraktion.

Haben Sie denn bei Robert Enke damals persönlich einen der Beiträge geschrieben?

Ja. „Trendsport Suizid – wann springt er auf den Zug?“, mit einem Bild von Mario Barth. Ich hätte gerne einen Prominenten genutzt, dessen Klischee besagt, dass er wirklich auf jeden Zug springt, den habe ich aber nicht gefunden. Barth war als Kompromiss nicht optimal. Was mich an der Berichterstattung zum Tod von Enke störte, war der offensichtliche Verstoß gegen jede Regel. Jeder Journalist weiß, dass Suizide so darzustellen und zu inszenieren, weitere Suizide nach sich zieht, und das geschah ja auch nach Robert Enke. Ich habe tatsächlich versucht, mit meinem Witz auf diese Gefahr hinzuweisen. Vielleicht war das Thema aber zu komplex, um es in einen Witz zu fassen.

Vielleicht ist es weniger Komplexität als die Berührung ultimativer Fragen von Existenz,  ihrem Ende, von Ausweglosigkeit, Hoffnungslosigkeit oder bei Suiziden der bodenlosen Aggression denen gegenüber, die sich uns verbunden fühlen. Da ist schon schweres und zerbrechliches Zeug im Gepäck.

Dennoch ist Komik ja ein Mittel, mit genau diesen Fragen umzugehen. Unmittelbar Betroffene sind nie ein gutes Publikum für einen Witz. So wenig, wie man Opfer über Täter richten lassen sollte, sollte man Betroffene mit einem Witz konfrontieren. Wir gehen ja auch nicht zu Schumachers Familie und halten ihr den Schumacher-Titel unter die Nase. Titanic wendet sich an ein in Fragen der Satire kundiges Publikum und Aufregung entsteht häufig dort, wo es über dieses Publikum hinausgeht.

Gibt es denn für Sie persönlich Punkte, an denen Sie selbst denken, Sie hätten etwas produziert, was mit etwas Distanz betrachtet, doch zu heftig gewesen sei?

Ja, die gibt es. Aber auch, wenn ich die alte Tucholsky-Antwort, Satire dürfe alles, hasse, weil sie aus dem damaligen, konkreten, historischen Kontext nicht verallgemeinert werden kann: Satire darf alles, was ernste Medien auch dürfen. Ein Witz an sich ist nie  despektierlich. Er geht mir nur dann zu weit, wenn er jemanden in eine Öffentlichkeit zerrt, die vorher nicht vorhanden war. Das mag ich an Stefan Raab überhaupt nicht, selbst, wenn es mal lustig ist. Komik und Satire sollten von unten nach oben zielen.  

Was Suizide angeht: Der Tod von Robert Enke hat breite, öffentliche Aufmerksamkeit und Inszenierung erfahren – im Gegensatz zum Beispiel zu der Nachwuchs-Biathletin, die sich  kurz nach den olympischen Spielen das Leben genommen hat. Da ist für mich der Unterschied. Jeder noch so kleine Witz wäre im Fall der Biathletin eine  Unverschämtheit. Jedoch ist es durch die Selbstdarstellung im Internet und sozialen Netzwerken schwieriger geworden zu entscheiden, was privat ist, und was als öffentlich bespöttelt werden darf.

Müsste ich einen Witz über Suizide machen, ich überlegte dreimal nach dem passenden Fokus.

Wir überlegen siebenmal. Mindestens. Mir wäre es auch lieber, hier gar keinen Witz machen zu müssen, weil die Angelegenheit in anderen Medien vernünftig behandelt wird. Das war bei Enke katastrophal: Bilder von ihm und dem Ort des Todes auf den Titelseiten. Enke wurde als Held gefeiert: Erst die Bild, dann zogen SPOn und andere nach. Während sie dies taten, wurde in Feuilletons gleichzeitig reflektiert, ob man dies alles dürfe, und ein Jahr später, mit der Bilanz von deutlich erhöhten  Selbstmordraten auf Bahngleisen, die verlogene Frage, ob „wir als Medien“ da nicht versagt hätten. 

Witze im Kontext individuellen Leides werden ohnehin als despektierlicher empfunden, als vielfaches Leid, das in der Anonymität von Gruppen verschwindet. Satire, die den Tod von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer behandelt, wird nicht halbwegs so wahrgenommen.

Unsere Fähigkeit, Leid zu fassen, ist glücklicherweise begrenzt. Könnten wir es, wir müssten alle verrückt werden. Und: Das Mittelmeer ist weiter weg als Kerpen oder Hannover.

Ja, in gewisser Weise stimmt der Stalin zugeschriebene Satz, der millionenfache Tod sei eine Statistik, der einzelne ein Schicksal. Es gibt aber in den Reaktionen auf unseren Schumacher-Titel einen Aspekt mit einer sozialen Komponente, den ich noch nicht erwähnt habe: Die Identifikation mit Mächtigen und Reichen. In vielen Briefen an uns standen Bemerkungen wie „Niki Lauda hat viel mehr Geld als Ihr. Er kauft Euer Magazin, und dann werdet Ihr alle entlassen.“. Da werden Wünsche unter dem Motto  projiziert: Der ist oben, das finde ich gut. Ihr seid unten, Euch soll er treten.  Dass  solche Aussagen  häufig wiederkehren, enttäuscht meine Hoffnung, diese Art des Denkens mit Satire ändern zu können. Von Max Goldt kam mal der schönen Gedanke, das Einzige, was Satire je erreicht habe, sei das Verschwinden der Doppelnamen von Politikerinnen. Ich glaube, er hat Recht.

Ihr karger Wikipedia-Eintrag  zeichnet einen Weg zwischen Mannheim, Ludwigshafen, Köln und Frankfurt. Erzählen Sie mir mehr von ihrem Weg in die Rolle des Chefredakteurs der Titanic.

Ich hatte eine schwere Kindheit, weil ich in der Pfalz aufwachsen musste, einem ausgesprochen lebensfeindlichen Ort. Ich bin Sohn eines Kaufmanns, der aus gutbürgerlichen Verhältnissen kam und lange für die BASF arbeitete. Meine Mutter stammt aus einer Arbeiter- und Flüchtlingsfamilie, die im 2. Weltkrieg aus der Bukowina heim ins Reich kam. Das war ein prägender Gegensatz, mein Vater war darüber hinaus 15 Jahre älter als meine Mutter. 

So wuchs ich in einem Dorf in der Pfalz zwischen Menschen auf, die  gelegentlich sympathisch offen,  meist aber anstrengend und vulgär offen waren. 

Meedia als arriviertes Fachorgan für gute Sitten und Anstand wäre an einem vulgären Beispiel durchaus interessiert.

Ein Pfälzer Gruß anstelle von „Hallo“ hieß: „Bischt Du fett geworre!“. Immerhin: Der große Vorteil der Pfalz ist, dass kein normaler Mensch diesen Dialekt versteht und Beleidigungen so nicht direkt mitbekommt. Also: Aus dieser Gegend musste ich irgendwann flüchten.

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Wer in Ihrem Leben hat Ihnen denn Orientierung vermittelt in den Fragen „wohin im Leben?“ oder, wofür genau zu stehen es sich lohnen könnte?

Es gab eine gewisse Prägung für Komik, die aus der Familie meiner Mutter kam: Eine sehr lebendige und herzliche Familie, deren Zusammenkünfte davon bestimmt waren, dass man sich gegenseitig mit Anekdoten übertrumpfte. Es gehörte zu den Witzen, dass man selbst das Opfer der eigenen Anekdote war. Was viele als Selbsterniedrigung bezeichnen würden, stellte für mich eine gewisse Würde her. Mein Großvater, der mit 63 starb, war da sehr prägend für die Familie. So entstanden mein Verständnis und meine Neigung für Komik als Lebenshilfe: Was auch immer einem zustoßen mochte, erfuhr ich, konnte mit Komik verarbeitet werden.

Und, stieß dem jungen Tim Wolff viel zu?

Ich hatte tatsächlich dadurch eine sehr schöne Kindheit, dass ich ab einem gewissen Alter als Einzelkind sehr viel Zeit für mich hatte, obwohl ich gut versorgt war. Ich hatte früh sehr viel Raum für Fantasie und für abenteuerliche Exkursionen im Dorf. Mein Vater war beruflich viel unterwegs, meine Mutter zu bestimmten Zeiten auch, aus gesundheitlichen Gründen.

Sie war in Krankenhäusern?

 Meine Mutter war psychisch krank. Das brach nach einer schwerwiegenden OP aus und zog sich über viele Jahre hin. Auch deshalb blieb ich Einzelkind.

Wie alt waren Sie denn zu dieser Zeit?

Acht Jahre etwa.

In diesem Alter ist man ja noch nicht so super selbstständig.

Nein, das hat in der Tat dazu beigetragen, dass sich das Eltern-Kind-Verhältnis umkehrte: War es bis dahin meine Mutter, an die ich mich wandte, wenn es mir schlecht ging, fiel mir mit Ausbruch ihrer Erkrankung eine gewisse Verantwortung zu, weil ich ihr einziger Fixpunkt war. Ich habe dies nie als belastend empfunden, es war ja der Ausdruck ihrer Liebe.

Auch, wenn man durch Kompensation von Einschränkungen Fähigkeiten erwirbt, würde kein Kind dieser Welt sich freiwillig dazu entscheiden, mit 8 Jahren selbstständig werden zu müssen.

Ich könnte mich natürlich auch als Opfer sehen. Ich habe es aber insgesamt nicht als schlimm empfunden. Natürlich entsteht daraus eine gewisse Schizophrenie: Ich hatte früh eine gewisse Verantwortung. Auf der anderen Seite trug das dazu bei, dass ich bis heute eine mir wohltuende, infantile Ader habe: Ich kann bis heute als Titanic-Chefredakteur Dinge tun, die anderen verschlossen bleiben. 

Dann Abi und Studium?

Ja, nachdem ich mehrmals als Verweigerer zurückgestellt wurde, studierte ich zunächst Volkswirtschaftslehre in Mannheim, weil nicht mehr so viel übrig war.

Dafür muss man gebaut sein.

Auf jeden Fall. Ich verbrachte meine Zeit mit anderen Dingen, bevor ich dann den Zivildienst in jener Mannheimer Psychiatrie nachholte, in der meine Mutter mittlerweile als Patientenfürsprecherin arbeitet – eine Art Erfolgsgeschichte also. Irgendwann saß ich dann in der Straßenbahn und dachte: Du kennst dieses Gesicht, und woher kennst Du den da nochmal? Es reicht, Du musst hier raus. Ich ging mit meiner damaligen Freundin nach Köln. Ich studierte Germanistik, Geisteswissenschaften lagen mir, und ich begann , ab 2001 nebenbei für die Titanic zu schreiben, ab 2006 für den Newsticker der Website.

Sie haben ja vorhin schon über die Anekdoten Ihrer Familie erzählt. Noch einmal: Was genau ist an Satire für Sie attraktiv?

Es ist die Art, mit Weltschmerz umzugehen. Um es ganz simpel zu sagen: Satire macht das Leben leichter.

Das hat geklappt: Es ganz simpel zu sagen.

(Lachend): Die Titanic ist   der Ort der professionellen satirischen Auseinandersetzung mit der Welt für mich. Ich muss dies nicht im stillen Kämmerlein oder alleine auf einer Bühne tun, sondern mit Kollegen innerhalb eines öffentlichen Forums.

Dass Komik und Satire das Leben leichter machen, gewinnt doch nur Bedeutung, wenn man das Leben schwer findet. Was ist an dieser Welt und dem Leben darin denn schwer für Sie?

Ich bin tatsächlich gekränkt von dem Umstand, dass ich einmal sterben werde. Und ich spüre in einem nicht ganz romantischen Sinne Weltschmerz. Seit meiner frühen Kindheit kenne ich jene Form von Empathie, die mir in das Elend und Leid anderer Menschen einprägsam macht. Satire und Komik sind auch dafür ein Ventil.

Sie sind also ein besonders berührbarer Mensch?

Für eine Antwort müsste ich wissen, wie berührbar andere Menschen sind.

Für empathische Menschen sicher keine Hürde.

(lachend): Ja, ich bin ein berührbarer Mensch.

Erzählen Sie von der Titanic: Was sind Sie für ein Laden?

Wir sind die freieste Redaktion der Republik. Das zu erhalten, ist mir sehr, sehr wichtig. Es gibt keine Vorgaben des Verlages, und kein Geschäftsführer redet in Inhalte hinein. Es gibt Herausgeber oder ehemalige Chefredakteure, einmal im Monat setzen wir uns zusammen, nehmen das Heft auseinander, und selbstverständlich gibt es dabei durchaus harsche Kritik. Das ändert nichts an der Freiheit, und in dieser Art versuche ich auch zu leiten. Autoren und Redakteure müssen ihren Weg finden und brauchen den Freiraum. Die Titanic ist ja gegen einen starken Verleger und Herausgeber, gegen den Pardon-Inhaber Hans A. Nikel, gegründet worden. Das damit historisch verbundene Ideal sollte lebendig bleiben. Diese Freiheit haben wir auch deshalb, weil sich unser Heft bis heute gut verkauft. Wir haben keinen Absturz zu verkraften wie andere Magazine.

Werden denn die Rollen von Chefredakteuren nach dem Prinzip maximaler Ähnlichkeit zum Vorgänger besetzt?

Nein, sie werden gar nicht besetzt, das ergibt sich irgendwie fast von selbst.

Sie haben beim Würfeln gewonnen?

Nein, ich wollte das sehr gerne, und niemand sonst wollte es. Ich hatte schon immer eine Faszination dafür, Zeitungen zu machen. Schon als Kind  lief ich mit der FAZ unter dem Arm herum, meist, ohne sie zu lesen, und ich machte mit meiner Cousine im Kinderzimmer eine Zeitung. In der Titanic entsteht bis zum Layout jede Ausgabe immer wieder ganz neu.  Der Chefredakteur  hat viele Momente, in denen man richtig ranklotzen muss, um das Heft fertig zu bekommen. 

In einem Markt, der sich in Veränderung befindet: Wie schätzen Sie die Zukunft des Print Mediums Titanic ein?

Ich glaube schon, dass eine Generation heranwächst, die kein Verständnis für das Konzept von Print-Magazinen mehr hat, eine Generation, die es kleinteilig und schnell will. Aber  die Titanic als so etwas wie ein Gesamtkunstwerk hat eine Zukunft und findet noch genügend Leser, die sich über diese Form eines Angebotes mit anarchischem Charakter freuen. Natürlich werden wir unser Online-Angebot ausbauen müssen. Momentan finanziert das Heft durchaus beide Ebenen.

Haben Sie so etwas wie eine Strategie, oder ist Ihnen der Begriff zu widerlich erwachsen?

Es gibt Diskussionen und Überlegungen, eine Strategie in Ihrem Sinne gibt es nicht. Die ist auch nicht so leicht zu finden, besonders, wenn man  unsere Freiheit nicht beschädigen möchte. Apple und Co agieren ja nicht nur als Verleger, sondern greifen in Inhalte ein. Vielleicht könnte man mit einer Titanic-App Geld verdienen. Aber, wie kürzlich in Frankreich geschehen, zensiert Apple Nackte. Und sie müssen nicht einmal ganz nackt sein. Auch, wenn Nackte auf Titelbildern für uns nicht das Wichtigste sind, darf uns doch die Möglichkeit nicht genommen werden. 

Man muss also Online-Magazine vertreiben, die sich finanzieren und sich dennoch Freiheiten erhalten, ohne die moralische Integrität aufzugeben. Unsere Website etwa schöpft aktuell bei Weitem die Möglichkeiten der Online-Werbung nicht aus. Es würde sehr viel Aufwand bedeuten, im Google-Kontext die Werbung so zu steuern, dass man sich nicht schämen muss. Und den können wir derzeit nicht leisten.

Wie bewerten Sie die Arbeit Ihrer Wettbewerber, etwa des „Postillon“? Der Markt war ja früher übersichtlicher.

Der Erfolg des „Postillon“ freut mich zunächst, weil ich Freund von Komik und Satire bin. Ich lese das grundsätzlich gerne, auch wenn ich inzwischen gelegentlich gelangweilt bin, weil sich vieles in einem  engen Rahmen bewegt und mir vorhersehbar erscheint. Vielleicht hat dies auch damit zu tun, dass ich selbst Satire mache. Viele sehen die „Titanic“ und den „Postillon“ ja als Konkurrenz. Ich finde, das ergänzt sich. 

 Rein professionell fasziniert mich der Erfolg des „Postillon“. Ich frage mich, wie lange ein junges, deutsches Publikum  dem so  begeistert folgt. Geht das immer so weiter, oder empfindet man diese Art Satire irgendwann als langweilig? Wächst da ein neues Publikum heran, das so wie das ältereJahr für Jahr „Dinner for one“ schauen kann und sich immer wieder über Loriot-Sketche amüsiert? Der „Postillon“ ist in seiner Haltung auch nicht sonderlich provokativ. Er fordert seine Leser nicht besonders heraus. Das kann man so machen und ist auch Teil des Erfolges. Wäre „Titanic“ in sozialen Netzwerken so erfolgreich wie der“ Postillon“, machten wir etwas falsch: Als Titanic muss man  auch mal den eigenen Lesern vor den Kopf stoßen und konträre Ansichten herausfordern.

Ich kenne Stefan Sichermann, er war zweimal bei uns auf Lesungen. Er  hat durch den Erfolg natürlich das Problem,  eine gewisse Erwartung bedienen zu müssen. Die „Titanic“ ist davon nicht so abhängig: Wir haben bis heute die wichtige Möglichkeit des hoffentlich kreativen Scheiterns. Beim „Postillon“ darf dies schon  nicht so oft vorkommen,  da ja hohe Klickzahlen die finanzielle Grundlage bilden.

In Zeiten sozialer Netzwerke, posten viele Menschen Gags. Wie sehr oder wie wenig gelten hier Fragen von Urheberrecht und geistigem Eigentum?

Eine sehr schwierige Frage. Wir verweigern uns Facebook ein wenig und stellen dort nur Links ein. Kopiert jemand Texte auf unsere Facebook-Seite, löschen wir die sofort. Schließlich sollen die Texte als Titanic-Texte und nicht die irgendeines Facebook-Nutzers erkennbar sein. Andererseits basiert das Internet  auf der Verbreitung durch Nutzer, nur die Quelle sollte eben dabei angegeben sein. 

Werden Ihrer Vermutung nach viele Gags aktueller Satire-Medien und -Websites aus Facebook-Einträgen anderer geklaut?

Nun leben wir ja nicht nur in Zeiten von Schwarmintelligenz, sondern auch in Zeiten von Schwarmhumor. Da ist es nicht leicht, zu aktuellen Themen Witze zu finden, die nicht schon gemacht wurden. Soziale Netzwerke sind wie große Schulklassen: In meiner Schulzeit hatte ich einen Sitznachbarn, der meine leise gemachten Witze stets laut in die Klasse rief und die Lorbeeren erntete. Ging der Witz schief, sagte er: „Der war von Tim!“. Solange der Witz nur der Mehrung eigenen Ruhmes dienen sollte, ist Diebstahl zu verkraften. Schwieriger ist es, wenn damit Geld verdient werden soll. Es gibt sicher Autoren, die bewusst Witze klauen, wenn ihnen gerade nichts einfällt. Und es gibt den unbewussten Witzdiebstahl, der einen etwas erst aufschnappen und dann vergessen lässt,  und dann taucht das Jahre später in einem eigenen Text auf. Ich habe mich immer sehr bemüht, keine Witze anderer zu übernehmen, für unsere Autoren gilt dies ebenso. Und dann gibt es in der Tat das Phänomen, dass mehreren Menschen derselbe Witz in Varianten einfällt. Jedes Thema bietet  ja nur begrenzte Möglichkeiten für Witze. Im Internet wird bei Schnappschuss-Witzketten jede Variante allein deshalb rasend schnell durchgespielt, weil Tausende gleichzeitig daran beteiligt sind. Da kommt man nicht hinterher und muss manchmal Themen ignorieren, wie wir etwa die Balotelli-Pose bei der letzten Fußball-EM. 

Ihr Vor-Vorgänger Martin Sonneborn ist unlängst mit dem Grimme-Preis beworfen worden. Wie reagiert die Titanic auf diesen Affront?

Er ist damit endgültig ganz oben angekommen, und wir gönnen ihm dies von ganzem Herzen. In der Titanic-Tradition würde man den Preis annehmen und ihn auf die Toilette stellen. Da stehen bei uns schon einige. Wie das Martin Sonneborn gehandhabt  hat, weiß ich nicht.

Stellen wir uns vor, Sie hätten entschieden, als Gast in eine Talk-Show zu gehen. Welcher Moderator erhielte Ihre Zusage?

Ich sehe kaum TV und kenne kaum einen Moderator, der mir so sympathisch wäre, dass ich mich mit ihm unterhalten wollte. Bei Plasberg etwa spüre ich kein Interesse an seinen Gästen. Ich glaube, ich würde zu Markus Lanz gehen. Da wird man regelmäßig unterbrochen und muss nicht so viel sprechen. Talk-Shows brauchen mich als Gast nicht, da sitzen genug andere Idioten. Sollte ich dennoch irgendwann in einer Talk-Show sitzen, würde ich mich sehr freuen, wenn Hellmuth Karasek eingeladen würde: Kein Mensch kann so gut so schlechte Witze erzählen wie er. Nur bei Karasek hört man Witze, deren Pointen vorab erklärt werden: ein unfreiwilliger, fast verehrungswürdiger Unterhalter.

Hinter allen beruflichen und privaten Rollen gibt es ja noch Tim Wolff mit sich selbst: Was tun Sie für und mit sich? Sammeln Sie Autogramme von Volksmusik-Größen, sind Sie Fan der Eintracht, besuchen Sie Bordelle oder kochen Suppe für Obdachlose?

Ich bin Fan des 1. FC Köln: Die sind in meinem Geburtsjahr Meister geworden. Ich vermute, in meinem Todesjahr könnten sie es erneut schaffen. Und sonst bin ich im Kern genauso langweilig wie alle anderen Titanic-Leute: Ich lese gerne, höre Musik, gehe ins Theater und in den Zoo. Ich habe viele Interessen, aber kein Hobby. Hobbys sind etwas für Menschen ohne Fantasie. Ich bin ein langweiliger Mensch, der keine Langeweile kennt.

Kennen Sie Angst?

Ich kenne viele Ängste, Flugangst zum Beispiel. Und ich kann mich in ganz alltäglichen Situationen vor Menschen ängstigen: Es fällt mir sehr schwer, eine Verkäuferin in einem Kaufhaus anzusprechen, um mich nach etwas zu erkundigen. Das geschieht zwar nur noch selten, und ich nehme es inzwischen literarisch: 

Ich freue mich an meiner eigenen Unbeholfenheit.

Christopher Lesko

Mehr über den Autor:

www.leadership-academy.de

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