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Bilanz: wohl dosierte Frechheiten und eine Portion Bewienerung

Die Bilanz-Chefs Arno Balzer (l.) und Klaus Boldt
Die Bilanz-Chefs Arno Balzer (l.) und Klaus Boldt Die Bilanz-Chefs Arno Balzer (l.) und Klaus Boldt

Nun ist die deutsche Bilanz also da. Ein Start, eingequetscht am Brückentag zwischen 1. Mai und Wochenende. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so, denn ein erster Blick in das neue Wirtschaftsmagazin des Ex-manager-magazin-Tandems Arno Balzer und Klaus Boldt, zeigt, dass hier und d noch gefeilt werden könnte. Der Boldt'sche Sprachwitz und eine gehörige Portion Frechheit sind zwar da, vor allem am optischen Auftritt darf sich aber gerne auch noch was ändern.

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Bilanz-Chefredakteur Klaus Boldt ist kein Mann der kleinen Worte. Gleich zu Beginn klärt er uns Leser auf, dass wir es mit Bilanz mit der „einzigen länderübergreifenden Wirtschaftsmedienmarke“ zu tun haben. Sapperlot! Hintergrund ist, dass Bilanz eigentlich ein Schweizer Wirtschaftsmagazin ist, das ebenfalls zum Axel-Springer-Reich gehört. Und, jawoll!, als Beilage von Welt und Welt kompakt erreicht die deutsche Bilanz über 900.000 Leser und sei somit „aus dem Stand“ Marktführer. Was der Herr Boldt wohl in der Bilanz über derlei PR-mäßiges Großblabla schreiben würde, wenn er nicht zufällig selbst im Bilanz-Führerhäuschen sitzen würde? Klappern gehört eben auch zum Handwerk, zumal zum journalistischen.

Bei Axel Springer sollten sie neben dem Layout (weiß, weiß, weiß, langweilig, langweilig, langweilig) vor allem das Pricing der neuen Bilanz überdenken. Als Beilage der Welt kompakt wird das fast 100-seitige Heft für schlappe 80 Cent verkloppt. Der Trottel, der das Teil (wie der Autor dieses Textleins) als E-Paper ganz modern runterlädt, latzt 4,99 Euro. Hey, Springer, ihr wollt doch das digitale Medienhaus Numero uno sein! Was soll denn sowas? Naja, wahrscheinlich ist es ein „Premium“-E-Paper und da sollen in jüngerer Zeit die Rohstoffpreise ja explodiert sein.

Spaß beiseite. Für 80 Cent oder knapp 5 Euro bekommt man dann aber durchaus Einiges geboten. Klaus Boldt war schon beim manager magazin der wohl unterhaltsamste und stilistisch beste Schreiber im deutschen Wirtschaftsjournalismus und das merkt man auch in Bilanz. Texte wie „Sternzeichen Terrier“ über einen pikanten Erbschaftsstreit in der Gesellschafterfamilie der Funke Mediengruppe oder die Story, wie sich Boston Consulting Group Chef Carsten Kratz mit einem Video-Interview der Lächerlichkeit preisgibt, tragen Boldts Handschrift, auch wenn keine Autorenzeile dabeisteht. Sowas ist frecher und lustiger als als vieles bei der Konkurrenz. Und das ist gut so.

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Auch die kleinen Spitzen, etwa zu den üppigen Abfindungen von ausgeschiedenen Top- oder vielleicht doch nicht so Top-Managern sind prima. Leider wird die Bilanz aber immer dünner, je weiter man nach hinten kommt. Die Titelstory über den Machtkampf bei Aldi ist extrem detailliert und (er)kenntnisreich. In die Kategorie Ä wie „ärgerlich“ fällt dann aber überraschenderweise das Interview, das der aktive Bilanz-Herausgeber und frühere manager-magazin-Chefredakteur Arno Balzer mit dem scheidenden Linde-Chef Wolfgang Reizle geführt hat. Reizle rede „Klartext“, wird schon in der Einleitung eine Phrase bemüht und das Interview selbst ist leider nicht besser. „Was hat Sie bewogen, diese große und schwere Aufgabe zu übernehmen?“ – „Ich gestalte gerne“, sagt Reizle über seinen neuen Job als Verwaltungsratsvorsitzender des Schweizer Zementherstellers Holcim. „Wie managen Sie das Unvorhersehbare?“, fragt Balzer. Oder auch: „Haben Sie eine Vorliebe für komplizierte und knifflige Fälle?“ Was antwortet der Umschmeichelte: „Ich scheine interessante Konstellationen anzuziehen.“ Puh, da mögen sich aber zwei. Schön für den supertollen Herrn Reizle. Weniger schön, wenn man als Blattmacher mit dem Anspruch angetreten ist: „Eine langweilige Geschichte ist eine schlechte Geschichte.“ (K.Boldt in seinem Editorial).

Weiter hinten kommt dann noch das unvermeidliche Zeugs über Manager privat und Luxusschuhe. Und ist es für ein Wirtschaftsmagazin wirklich eine gute Idee, den Großsprecher Roland Berger eine Kolumne schreiben zu lassen und da auch nochmal „Klartext“ dranzuschreiben. Merke: Wo „Klartext“ draufsteht, sind fast immer Phrasen drin. Das sollte Klaus Boldt eigentlich wissen. Aber was soll’s! Sollte sich der respektlose Boldt-Style, der sich auf den vorderen Seiten angenehm breitmacht, auf den hinteren Heftteil von Bilanz ausdehnen, dann wird die Bilanz für Bilanz am Ende tiefschwarz ausfallen. Und dass Arno Balzer mehr kann, als Manager-Bewienerungs-Interviews führen, weiß man eigentlich auch. Springer-CEO Mathias Döpfner freut sich sowieso, weil der böse Boldt jetzt auf seiner Payroll steht und ihn jetzt nicht mehr aufs Korn nimmt. Stattdessen bekommen im ersten Heft ein paar Bertelsmännchen und die Funke-Leute ihr Fett weg. Wir könnten also beim neuen Bilanz ganz im Manager-Sprech von einer Win-Win-Situation sprechen.

Hier geht’s zum MEEDIA-Interview mit Chefredakteur Klaus Boldt zum Start von Bilanz.

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