Cicero-Jubiläum: Verleger Ringier polemisiert gegen „digitale Euphoriker“

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Der Schweizer Verleger Michael Ringier und sein Magazin Cicero

Publishing Was haben Atomkraftwerke mit dem Internet zu tun? Beide wurden von Technikgläubigen hochgejubelt und dann verteufelt. Erst kam die Euphorie, dann der Abgesang. Der Schweizer Verleger Michael Ringier hat diesen Vergleich gezogen, um seinem Magazin Cicero zum zehnten Geburtstag zu gratulieren.

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Ringier, der Verleger des größten Schweizer Verlags ist, mag Atomkraftwerke offenbar nicht so besonders. Noch viel weniger als Atomkraftwerke scheint er aber das Internet zu mögen. In seinem Artikel, der am Freitag in der Jubiläumsausgabe von Cicero erscheint, erinnert er an Versprechungen von „grenzenloser Freiheit“ und „noch viel mehr Manna aus der Internetparadiesbäckerei“. Die Realität aber sei: „Grenzenlose Datensammlerei, schrankenlose Überwachung und unbeschränkte Manipulation.“

Was die Internet-Euphoriker laut Ringier aber geschafft hätten, sei die Zerstörung des Glaubens an eine Zukunft gedruckter Medien. Der Verleger schreibt: „Sie (die ‚digitalen Euphoriker‘, d. Red.) haben die Kollegen vom Print dermaßen verunsichert, dass die selber nicht mehr an ihre Zukunft glauben.“ Der Journalist habe sich bereits sehr weit vom Journalismus verabschiedet. Als Beleg zitiert Ringier den Kommentar „Die Zeitung spürt den Herbst“ von NZZ-Chefredakteur Markus Spillmann. Hier beerdige einer „sein ureigenes Produkt“, findet Ringier.

Dabei gebe es doch gar keinen gesicherten Erkenntnisse über ein mögliches Ende gedruckter Medien. Stattdessen „Ahnungen, Szenarien, Meinungen“. Und Ringier steuert konträre eigene Erkenntnisse bei: „Online zu erscheinen, ist offenbar auch heute bei den ganz Jungen noch nicht richtig cool.“ Anders als das Web gehe es um gedruckte Magie, die „mehr wert“ sei als die „digitale Wolke“.

Was Ringier seinem Magazin Cicero, das er vor mehr als zehn Jahren gemeinsam mit dem Ideengeber und langjährigen Chefredakteur Wolfram Weimer gründete, zum zehnten Geburtstag schreibt, soll natürlich provozieren. So, wie Cicero sich immer schon als zwar salonfähigen, aber doch gegen den Strich gebürsteten Provokateur verstand. Das ist einerseits gut, denn Mainstream gibt es ja genug. Und andererseits, in diesem Fall, auch ein wenig platt. Denn es ist längst Mainstream, sowohl dem Print- wie dem Digital-Journalismus seine Berechtigung zuzusprechen. Ringiers Kommentar kommt so gesehen etwa fünf Jahre zu spät.

Es gäbe viele Gründe, das so anhaltende wie unsägliche Gegeneinanderstellen von Print und Online endlich zu beenden. Ringiers implizite Behauptung, die Digital-Euphoriker seien Feinde des Gedruckten, verfehlt das Ziel. Und die These vom verunsicherten Print-Journalisten? Geschenkt.

Doch auch Ringier weiß, und da verlässt er die Ebene der Polemik: „Lineare Strategien eines Unternehmens führen zwangsläufig in die Sackgasse.“ Auch Ringier hat in digitale Medien investiert, wird das auch weiter tun (müssen) – und hält derweil bei Kontrolle der Ergebnisse die gedruckten Medien am Markt. So, wie das eigentlich alle Verleger tun. Ringiers Leistung besteht, bezogen auf den konkreten Anlass seines Artikels, im Festhalten, im Glauben an das Konzept von Cicero, das mittlerweile von Christoph Schwennicke als Chefredakteur geführt wird.

Das Boulevardblatt Blick hat Ringier reich gemacht, Cicero hat dem Kunstsammler, ein netter Nebeneffekt, auch in Deutschland zu verlegerischer Reputation verholfen.

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