Ex-dapd-Chef Cord Dreyer macht jetzt in Roboterjournalismus

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Cord Dreyer

Publishing Cord Dreyer, ehemaliger Chefredakteur und Geschäftsführer der Nachrichtenagentur dapd, ist neuer Geschäftsführer eines Berliner Startups. Text-on, so heißt das Unternehmen, entwickelt ein Geschäftsmodell auf dem derzeit angesagten Feld der "narrative science". Aus Daten sollen automatisch komplette Texte generiert werden. Mitgründer sind Mitarbeiter des Fraunhofer Instituts für Kommunikation.

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Text-on, sagt Dreyer gegenüber MEEDIA, sei „eine deutsche Variante von Narrative Science und Automated Insights„. Beides sind US-Unternehmen, die aus Daten Texte generieren. Automatisch. Hierzulande hat sich für diese Form der Inhalteproduktion das Wort „Roboterjournalismus“ etabliert. Erst in der vergangenen Woche berichtete MEEDIA über die Stuttgarter Agentur Aexea, die ein Sportportal aufbauen will, das automatisch mit maschinengeschriebenen Meldungen bestückt wird.

Als Beispiel für solche Texte werden neben Artikeln über die Finanzmärkte vor allem Sport-Spielberichte genannt. Auch Text-on versucht sich an Spielberichten von Fußballmatches. Warum? Weil diese besonders anspruchsvoll seien, sagt Dreyer. Leser wissen, wie ein Fußballbericht auszusehen hat, sie kennen den Duktus. Entsprechend sei es schwierig, einen rein computergenerierten Text zu erzeugen, der einem von Menschen geschriebenen Artikel nahekommt.

Text-on will genau das erreichen: Artikel, „bei der die Sprache nahezu mit der natürlichen, menschlichen Sprachanwendung identisch ist“. So ist es auf der knapp gehaltenen Webseite des Unternehmens mit Sitz in Berlin und Bonn zu entnehmen. Noch hat Text-on nur fünf Mitarbeiter. Zu den Mitgründern und Gesellschaftern neben Dreyer zählen der Computerlinguist Bastian Haarmann und der IT-Experte Ralf-Michael Vetter. Beide arbeiten am Fraunhofer Institut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie in Wachtberg bei Bonn.

Für Aufsehen sorgte erst kürzlich eine Meldung, dass die Los Angeles Times Texte über Erdbeben in Echtzeit von einem „Quakebot“ erstellen lässt. Als weitere Anwendungsbeispiele nennt Text-on die Bewertung der Entwicklung von Mietpreisen oder die Darstellung von Wählerwanderungen bei Wahlen. Würden solche Themen automatisch abgearbeitet, verschaffe das Redaktionen Zeit, „sich um die journalististische Kür zu kümmern“, also Reportagen, Interviews, Kommentare und Hintergrundberichte.

Dennoch werden fast schon reflexhaft diese und andere Projekte als Konkurrenz zum bestehenden Journalismus wahrgenommen. Auch daher rührt die Bezeichnung „Roboterjournalismus“, den die Gründer von Text-on selber nicht verwenden. Wirtschafts-Nachrichtenagenturen wie Thomson Reuters und Bloomberg experimentieren schon seit längerem mit computergenerierten Texten, die anhand von Finanzmarktdaten erstellt werden. Was Algorithmen in der Tat besser können als jeder Mensch ist: in Nanosekunden viele Daten auswerten und daraus kurze Meldungen erstellen, die keiner anspruchsvollen Stilistik bedürfen. Meldungen, bei denen der Inhalt wichtiger ist als ein formvollendeter Satz. Meldungen, bei denen Fakten die Form vorgeben.

Im Handelsblatt rief die Publizistin Miriam Meckel neulich dazu auf, den „Biojournalismus“, also von Menschen gemachten Journalismus, zu verteidigen. In Abgrenzung zu maschinengeschriebenem Journalismus. Meckel schrieb, Biojournalismus werde zum „Differenzierungskriterium in einem weitgehend technisierten und standardisierten Medienmarkt, geprägt durch Haltung, Stil und individuelles Erzählen“.

Erste Gespräche mit potenziellen Kunden liefen gerade an, sagt Cord Dreyer. Text-on sehe sich in erster Linie als B-to-B-Geschäftsmodell. Eine eigene Plattform werde man nicht aufbauen. Die Inhaltsanalyse-Software biete auch zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten außerhalb des Journalismus. Große Unternehmen könnten beispielsweise interne Daten so aufbereiten, dass Mitarbeiter davon profitieren, beispielsweise in Form von täglichen Statusmeldungen über bestimmte Geschäftsentwicklungen.

Bisher finanziert sich Text-on aus privaten Mitteln der Gründer und Gesellschafter. Mittelfristig sollen Investoren ins Unternehmen geholt werden, um den Ausbau voranzutreiben. Gegebenenfalls auch international. In der Unternehmensdarstellung von Text-on wird der Gründer von Narrative Science, Chris Hammond, zitiert: „In 20 Jahren wird es kein Themenfeld mehr geben, auf dem wir nicht mitschreiben.“ Ganz genauso sehe man das bei Text-on, sagt Cord Dreyer.

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