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Digitaler Werwolf: Jetzt hat auch der Spiegel seinen Snow Fall-Moment

„Mein Vater, ein Werwolf“ – digitales Storytelling bei Spiegel Online
"Mein Vater, ein Werwolf" - digitales Storytelling bei Spiegel Online

Die aktuelle Titelgeschichte des Spiegel ist bemerkenswert. Zunächst einmal inhaltlich: Spiegel-Reporter Cordt Schnibben schreibt über seine Nazi-Eltern. Aber auch formal: Mit “Mein Vater, ein Werwolf” hat Schnibben zusammen mit einem Team von Spiegel und Spiegel Online ein Vorzeigeprojekt des digitalen Storytelling online gestellt. Endlich.

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Mit “Werwolf” ist eine  Freischärlerbewegung in der Endphase des zweiten Weltkriegs gemeint, die von Heinrich Himmler ins Leben gerufen wurde. Überzeugte Nazis, die noch bis kurz vor Kriegsende versuchten, die NS-Ideologie mit teils brutaler Gewalt zu verteidigen. Cordt Schnibbens Vater Georg Schnibben war als “Werwolf” für die Ermordung eines Bauern in Niedersachsen im Frühjahr 1945 mit verantwortlich. Der Sohn und Spiegel-Reporter Cordt Schnibben hat als erwachsener Mann Unterlagen und Akten gefunden, die seine Eltern – vor allem seinen Vater – in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen.

Diese emotionale und zeitgeschichtlich durchaus bedeutende Story hat Schnibben zusammen mit einem Team von Spiegel und Spiegel Online zu einem Stück Digital Storytelling verarbeitet, das den Vergleich mit den großen Vorbildern der New York Times – wie das berühmte “Snow Fall”  oder „Shark and Minnow„- nicht zu scheuen braucht. Die Geschichte wird online in in acht Kapitel unterteilt erzählt. Szenen, die 1945 spielen, werden mit stimmungsvollen schwarzweiß Bildern im Stil einer Graphic Novel inszeniert.

Dazu gibt es Videos, die Cordt Schnibben bei der Recherche vor Ort begleiten. Es gibt ausführliche Einblicke in das Original-Aktenmaterial, das Schnibben gefunden hat. Es gibt im Text verstreut immer wieder erklärende Info-Links, deren Texte automatisch am Rand angezeigt werden. Dazu stimmungsvolle, aber dezente Sound-Untermalung. Briefe, die sich Georg Schnibben und seine Frau während seines Gefängnis Aufenthalts schrieben, werden vorgelesen.

Auf diese Weise gelingt es dem Spiegel-Team tatsächlich aus der Print-Titelstory etwas neues mit echtem Mehrwert zu erschaffen. Frühere Spiegel Experimente in Sachen Digital Storytelling, wie etwa die ebenfalls von Schnibben angeschobene “Multistory” zum Thema Zeitungssterben oder ein Stück zum Fall Hoeneß, wirken da vergleichsweise wie Fingerübungen. Der digitale “Werwolf” ist ohne Zweifel ein großer, preisverdächtiger Wurf, technisch perfekt umgesetzt.

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Wollte man etwas kritisieren, so höchsten vielleicht, dass es die Macher ein bisschen zu gut meinen und das Stück hier und da in der ganzen Opulenz den Leser fast schon überfordert. Man weiß bisweilen nicht, wo man als nächstes hinklicken oder scrollen soll. Hier noch eine Original-Akte lesen? Da den Info-Kasten studieren oder lieber weiterscrollen zum nächsten Kapitel? Das ist eine Krankheit, an der viele der digitalen Vorzeige-Projekte noch leiden: Sie verleiten zum schnellen Vorscrollen und es fällt schwer, sich auf den Kern der Geschichte zu konzentrieren. Das gilt aber genauso für die Leuchtturm-Projekte der New York Times.

Ebenso ist unklar, wie sich solche Stücke finanzieren lassen. Werbung würde bei der düsteren “Werwolf”-Thematik fehl am Platze sein. Und zumindest im Moment ist das Stück noch nicht als Bezahl-Inhalt online.

Aber das ist Meckerei auf sehr hohem Niveau. Hier geht es offenkundig darum, beispielhaft zu zeigen, was alles möglich ist. Die Spiegel-Leute wollten vermutlich beweisen, dass sie digitales Storytelling können. Und daran kann nach “Mein Vater ein Werwolf” kein Zweifel mehr bestehen.

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