Vorwürfe gegen „heute journal“: der Duft nach Verschwörungstheorien

Oleh Tjahnybok von Swoboda im „heute Journal“, Verschwörungstheorien bei Freitag.de
Oleh Tjahnybok von Swoboda im "heute Journal", Verschwörungstheorien bei Freitag.de

Die Krise in der Ukraine stellt auch Medien vor große Herausforderungen. Nicht immer ist es einfach, die komplizierten Vorgänge in dem krisengeschüttelten Land für Zuschauer und Leser verständlich und umfassend transparent zu vermitteln. Und dort, wo Aspekte ausgelassen werden, ergibt sich fast automatisch Spielraum für Verschwörungstheorien. So musste sich das ZDF “heute journal” aktuell mit dem Vorwurf auseinandersetzen, als Sprachrohr für die rechte ukrainische Partei Swoboda zu fungieren.

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In der Community-Sektion der Website der Wochenzeitung Der Freitag veröffentlichte am 7. April ein gewisser “L.Applebaum” den Text “ZDF-Skandal: Berichte im Auftrag Kiews?” Der Autor kritisierte die “heute journal”-Sendung vom 13. März 2014, in der es um kritische Äußerungen des Linke-Politikers Gregor Gysi zur Zusammenarbeit der Bundesregierung mit der Übergangsregierung in Kiew ging. Gysis Kritik bezog sich vor allem darauf, dass die als rechtsradikal eingeschätzt ukrainische Partei Swoboda Teil der Übergangsregierung ist.

Darauf folgte ein Bericht aus Kiew vom dortigen ZDF-Korrespondenten Andreas Weise. In dem Bericht wurde Swoboda-Chef Oleh Tjahnybok gezeigt, der in dem Ukraine Crisis Media Center die Vorwürfe Gysis zurückwies. Bei Freitag.de war dies für “L.Applebaum” Grund genug, dem “heute journal” und dem gesamten ZDF pauschal vorzuwerfen, man mache sich zum “Sprachrohr der Swoboda”. Dabei wurde die Partei Swoboda in demselben “heute journal”-Beitrag” später durchaus kritisch betrachtet. Ihre Rolle vor dem Eintritt in die Übergangsregierung wurde als “ultranationalistisch, mit Kontakten zur NPD” bezeichnet, eine interviewte Politikwissenschaftlerin bezeichnete die rechtsextremen Kräften in der Ukraine, wie die Partei Swoboda, als “Wölfe im Schafspelz”.

Der Text von Freitag.de zog im Internet seine Kreise. Auf der Website “Deutsch Türkisches Journal” war die Rede davon, die Wochenzeitung Freitag habe “enthüllt, dass der Eindruck, in zahlreichen deutschen Medien und dabei auch im gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk würde einseitig über die Ereignisse in der Ukraine berichtet, auch einer näheren Betrachtung standhält.” Aus einem nicht geprüften Beitrag eines anonymen Community-Mitglieds wurde die “Enthüllung” einer Wochenzeitung.

Der viel gelesene Blogger Fefe griff den Freitag-Community-Text ebenfalls auf und kommentierte: “Au weia, das ist ja mal ein Totalschaden für das ZDF. Die können ihre Nachrichten jetzt auch gleich ganz zumachen. Krass.” Am 9. April nahm das Bildblog die Freitag-Community-Story in die morgendlichen Lesetipps auf: “L.Applebaum wirft dem ZDF eine zu enge Zusammenarbeit mit dem Ukrainian Crisis Media Center vor: ‘In welchem Maße auch die ARD, Phoenix, aber auch die privatwirtschaftlich betriebenen Medien in dieses PR-Netzwerk eingebunden sind, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht sicher beurteilt werden.’ Gerade so, als sei “L.Applebaum” eine bekannte Größe.

Die Redaktion des “heute journal” reagierte mit einem Posting bei Facebook. Darin schrieb die Redaktionsleitern der Sendung, Anne Reidt: “Als Beispiel für die ‘enge Zusammenarbeit’ zwischen dem ZDF und dem UCMC wird die Berichterstattung im ‘Heute-Journal’ vom 13.03.2014 herbeigezogen. Dazu ist zu sagen, dass schon am Tag vor der Bundestagsdebatte, am 12.03.2014, klar war, dass Herr Tjagnibok auf einer Presskonferenz im UCMC erscheinen wird. Als unsere Kollegen erfuhren, dass Gregor Gysi im Bundestag eben jenen Swoboda-Chef zitierte und damit die faschistoiden Tendenzen in der Kiewer Übergangsregierung anprangerte, war es für unseren Reporter in Kiew klar, dass er Herrn Tjagnibok vor Ort genau damit konfrontieren musste. Dabei gab es keinerlei Absprachen mit Dritten. Das ZDF deshalb als Sprachrohr von Swoboda zu bezeichnen, ist unterstellend und falsch.“

Das UCMC ist das Ukraine Crisis Media Centre. Eine Einrichtung, die u.a. von diversen PR-Firmen auch aus den USA unterhalten wird und offenbar das Ziel verfolgt, Medien mit einer pro-westlichen Sichtweise der Ereignisse in der Ukraine zu versorgen. Es ist richtig, dass dieser Punkt im Bericht des “heute journal” nicht erwähnt wird. Dort war nur die Rede von einem “internationalen Medienzentrum”. Aus journalistischer Sicht ist das verständlich. Vermutlich wollte der Reporter die Darstellung für die Zuschauer nicht zusätzlich verkomplizieren, zumal das ZDF nach eigenen Angaben das UCMC nur nutzte, um O-Töne des Swoboda-Chefs mit eigenen Kameras einzufangen.

Gegenüber MEEDIA sagte Anne Reidt: “Wir berichten nüchtern und unaufgeregt über Motivationen der handelnden politischen Kräfte (z.B. auch über Putins berechtigte Interessen und Fehler der Europäischen Union im Assoziierungsprozess) und beachten dabei stets die goldene Regel, auch ‘der andere Seite’ Gehör zu verschaffen. Neben den Beiträgen des Kollegen Andreas Weise darf hier die gestrige Reportage unser Moskauer Studioleiterin Anne Gellinek als Beispiel dienen: Sie berichtete im ‘heute-journal’ vom 08. April über ‘gekaufte’ russische Demonstranten in der Ostukraine, zeigt aber auch, dass es dort aus politischen und kulturellen Gründen, aber auch wegen wirtschaftlicher Not starke gesellschaftliche Kräfte gibt, die einen pro-russischen Kurs verfolgen.”

Die Redaktionsleiterin des “heute journal” fügte hinzu: “Die Auseinandersetzung um die Ukraine ist längst eine PR-Schlacht geworden, in der leichtfertig mit Begriffskeulen wie ‘Faschismus’ umhergefuchtelt wird. Wenn sich der Freitag daran gerne beteiligen möchte, ist das eine Entscheidung der Redaktion. Nach unserem Ermessen wird dies der Sache nicht gerecht.”

Die Geschichte ist ein Paradebeispiel dafür, wie in einer komplizierten Lage, Gerüchte und Spekulationen durch das Internet rasend schnell verbreitet werden. “L.Applebaum” hatte in seinem Text bei Freitag.de Behauptungen aufgestellt, Fragen in den Raum geworfen und Unterstellungen gemacht. Auf anderen Online-Seiten wurde dies schnell als scheinbare Tatsache weitergedreht, bzw. man zimmerte daraus sogar “Enthüllungen”.

Natürlich wäre auch die Rolle des UCMC und dessen Finanzierung einen kritischen Blick wert. In einem Konflikt wie dem in der Ukraine gibt es kein Schwarz und kein Weiß. Und in einem zweieinhalb Minuten langen Beitrag in einer TV-Nachrichtensendung können nicht immer alle Grau-Schattierungen abgebildet werden. Verschwörungstheoretiker wie “L.Applebaum” erwecken jedoch gerne den Eindruck, dass die Schwarz-Weiß-Denke noch möglich ist. Das eigentlich Verstörende ist, dass viele im Publikum geneigt sind, dies zu glauben.

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