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Lanz, Kleber, Slomka & Co. am Pranger: das Tabu des Unbequemen

Claus Kleber, Marietta Slomka, Markus Lanz
Claus Kleber, Marietta Slomka, Markus Lanz

Markus Lanz hat den CSU-General Andreas Scheuer in seiner Talkshow diese Woche mit Fragen zu seiner Doktorarbeit genervt und wurde dafür von der Bild gerüffelt. Die “heute journal”-Moderatoren Claus Kleber und Marietta Slomka wurden wegen ihrer Gesprächsführung mit Politikern und Industriebossen kritisiert. Kuschel-Journalismus hat hierzulande leiderKonjunktur. Ein Plädoyer für mehr Krawall.

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Sie haben es wieder getan bei der Bild. In einem namentlich nicht gezeichneten Artikel wird der ZDF-Moderator Markus Lanz bei Bild.de in die Mangel genommen, weil er angeblich CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer in seiner Talkshow wegen dessen zweifelhaften Doktortitels zu sehr nervte. Darum ist Lanz für die selbsterklärte Bild-APO einer, der sich daneben benimmt. Jenseits des Boulevard richtete FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher wenige Tage zuvor über “heute journal”-Moderator Claus Kleber, dieser sei “wie ein Strafgericht” über den armen Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser gekommen. Grund für Schirrmachers Furor: Kleber hatte gewagt, dem Konzern-Boss kritische Fragen zu seinem Putin-Besuch mitten in der Krim-Krise zu stellen.

Schirrmacher bezeichnete Klebers Fragen an den milde lächelnden Kaeser als “Inquisition”, als “Symptom journalistischen Übermenschentums”. Markus Lanz wurde von Bild attestiert, er habe sich im Gespräch mit Scheuer einen “Auftritt zum Fremdschämen” geleistet. Lanz’ Nachhaken zu dem Doktortitel, den Scheuer in Prag erworben hat und den er während des Wahlkampfs teilweise unrechtmäßig geführt hat, bezeichnet Bild.de als “Aufwärmen”. Lanz gebärde sich “ganz begeistert von sich selbst”, der Moderator “gluckst”, wendet sich “beifallheischend” an den weiteren Talk-Gast Reinhold Beckmann. Am Ende steht das populistische Bild-Fazit: “Wer ein Interview in solcher Lanz-Qualität führt, sollte zur Strafe die Fernsehgebühren für die komplette Sendezeit bezahlen müssen.”

Fernseh-Journalisten haben es in der öffentlichen Debatte hierzulande nicht leicht, wenn sie den Hof der gefälligen Berichterstattung verlassen und mehr sein wollen, als brave Stichwortgeber.

Dass sie bei der Bild den Lanz nicht mögen, ist keine ganz neue Erkenntnis. Allerdings passt der tendenziös geschriebene Artikel zum Auftritt Scheuers in eine Reihe von Vorfällen in der jüngeren Zeit, bei denen Journalisten, die allzu hartnäckig nachbohren, selbst am medialen Pranger landen. Dazu gehört auch das viel gescholtene Interview von Markus Lanz mit Sahra Wagenknecht, währenddessen der Moderator vielleicht ein wenig zu robust agierte, das aber keinesfalls die übergeigte Empörungswelle rechtfertigte, die anschließend losbrach. Dazu gehört auch das Interview von “heute journal”-Moderatorin Marietta Slomka mit dem SPD-Parteichef Sigmar Gabriel, der partout nicht einsehen wollte, dass eine Journalistin nicht dazu da ist, seinen Erfolg bei der Mitgliederabstimmung zur Großen Koalition zu bejubeln.

Das Slomka-Gabriel-Interview rief sofort Horst Seehofer auf den Plan, der im Spiegel allen Ernstes Politikern empfahl “so etwas” nicht hinzunehmen. Man muss sich vergegenwärtigen, was König Horst I. von Bayern mit “so etwas” meint: kritisches, nerviges Nachbohren. Spiegel Online Kolumnist Jakob Augstein fühlte sich bei Slomkas Nachfragerei an „Susanne Klickerklacker, das Mädchen aus der Sesamstraße, das uns den Unterschied zwischen nass und trocken erklärt“ erinnert.

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Wo kämen wir denn dahin, wenn das zum Normalfall würde? Nun könnte man ganz naiv die Auffassung vertreten, dass genau das die Aufgabe von Journalisten ist. Die deutsche Politik aber tickt nicht so. Das bekannteste Beispiel für die Sichtweise der hiesigen politischen Kaste auf die Medien ist die beschämende Demontage des früheren ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender durch den CDU-nahen Verwaltungsrat des ZDF. Parteiübergreifend soll sauer aufgestoßen sein, wie Brender bei der Elefantenrunde nach der Bundestagswahl den damals noch amtierenden Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hart angegangen ist. Brender wurde auf Betreiben einer großen Koalition von Politikern beim ZDF abgesägt. Gerade hat das Bundesverfassungsgericht geurteilt, dass die Aufsichtsgremien des ZDF nicht staatsfern genug besetzt sind. Es soll sich was ändern, aber nur ein kleines bisschen was.

Dass Fälle wie das Slomka-Gabriel Interview, das Interview von Claus Kleber mit dem Siemens-Chef oder von Markus Lanz mit dem CSU-Generalsekretär aus der Masse der politischen Interviews herausragen ist allein schon beschämend. Dass diese Form der Gesprächsführung dann auch noch öffentlich angeprangert wird, sagt viel aus über die Obrigkeits-Hörigkeit, die hierzulande immer noch zu spüren ist.

Hier lohnt ein Blick in die USA und in die Vergangenheit. Da gibt es ein legendäres Interview des einstigen CBS-Newsanchors Dan Rather mit dem damaligen US-Vizepräsidenten George Bush senior. Anders als abgesprochen, befragte Rather Bush sen. zu seiner Rolle in der Iran-Contra-Affäre. Der Vize-Präsident war alles andere als amüsiert und keilte verbal ordentlich aus. Rather hielt dagegen. Das Interview ist über weite Strecken kurz vor einem Schrei-Duell und gipfelt darin, das Rather dem Vize-Präsidenten der USA über den Mund fährt und sagt, der Herr Vice-President solle doch bitte vorsichtig sein, was er da von sich gibt. Das war 1988 in den USA und sollte heutzutage in TV-Anstalten als Lehr- und Anschauungsmaterial ruhig immer und immer wieder gezeigt werden.

Schlimm ist, dass diese Demut-Erwartungshaltung der Politik an die Medien, die öffentlich-rechtlichen ganz besondern, in die Bevölkerung eingesickert zu sein scheint. Hier zeigt sich ein Hang zur Konsensdenke, der vielleicht eigentümlich für dieses Land ist. Bloß kein Krawall, immer schön sachlich bleiben und “respektvoll”. Aber diese Denke lähmt die Demokratie. Wir brauchen im Gegenteil mehr Krawall, wir brauchen unbequeme und – ja! – respektlose Fragen von angstfreien Journalisten. Die dürfen, die sollen ihre Gesprächspartner nerven und immer wieder dahin gehen, wo es unangenehm wird. Dahin, wo es wehtut. Dafür sind Journalisten da. Sollten sie da sein.

Es wäre durchaus heilsam zu sehen, wie die amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel mal nicht nur mit staatstragenden Fragen konfrontiert wird oder solchen, ob sie zu Hause auch mal selber kocht.

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Alle Kommentare

  1. Meinungsmanipulation durch Slomka und Kleber für die Allgemeinheit nicht mehr ertragbar. Wer steuert diese Journalisten?

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