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ZDF-Vizechefredakteur: „Wir wollen keine rundgelutschten Interviews“

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Elmar Theveßen, Vize-Chefredakteur beim ZDF

Als "Echtzeit-Eskalationsjournalismus" hatte jüngst FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher ein TV-Interview gegeißelt. Das lief nicht etwa auf einem Privatsender, sondern im ZDF. Echzeit ja, Eskalation nein – so in etwa pariert Elmar Theveßen, Vize-Chefredakteur des ZDF, Schirrmachers Kritik. Der Sender arbeitet derweil an einem Nachrichtenformat für 20- bis 40-Jährige.

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Wenn sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen mal so richtig hemmungslos mit den Privaten vergleichen kann, dann auf dem Feld der Nachrichten. Das ZDF, das mit der „heute“-Sendung traditionell auf dem dritten Platz hinter „Tagesschau“ und „RTL aktuell“ liegt, sieht sich auf einem guten Weg. Im Januar und Februar lagen die Marktanteile aller drei Nachrichtenformate gleichauf, bei 16,1 Prozent. Gleichzeitig hätten alle Sendungen über die Jahre an Marktanteilen verloren, sagte ZDF-Vizechefredakteur Elmar Theveßen am Montag bei einem Pressegespräch. Nur das ZDF habe seinen Anteil bisher gegenüber dem Durchschnitt von 2013 verbessern können.

Die „Heute“-Redaktion arbeitet – auch wegen der im Langzeitvergleich tendenziell fallenden Marktanteile – an der Positionierung der ZDF-Nachrichtenformate. Um 19 Uhr in der „Heute“-Sendung sei Kürze und Prägnanz wichtig, die Anteile von Politik- und Wirtschaftthemen lägen über denen der privaten Konkurrenz, womit – siehe oben – vor allem RTL gemeint ist. Kurze Nachrichtenblöcke sollen die Sendung temporeicher und „vollständiger“ machen. Im „heute journal“ am späteren Abend können dann die hintergründigen, auch längeren Stücke laufen.

Was den Mainzern freilich fehlt, sind jüngere Zuschauer. Damit sind keine Teenies gemeint, sondern 20- bis 40-Jährige. Die haben gegen 19 Uhr keine Zeit für Nachrichten, weil sie sich ums Abendessen und ihre Kinder kümmern. Eigentlich wäre also das „heute-journal“ ihre naheliegende News-Destination – wenn sie denn nicht ohnehin Nachrichten online, also zeitversetzt, schauen.

Doch die ZDF-News-Crew glaubt, dass sich ein jüngeres, tägliches Nachrichtenformat noch im Hauptprogramm unterbringen lässt. Nicht mit anderen Themen, sondern mit anderen Formaten. Praktisch ließe sich das allerdings nur umsetzen – wenn nicht das komplette Spätprogramm umgebaut werden soll – indem „heute nacht“ zu eben diesem „jungen“ News-Format mutiert. Ob die jungen Familienväter und –mütter allerdings zu dieser Zeit noch wach sind? 2015 will Theveßen den Plan in die Tat umsetzen. Endgültig beschlossen ist der Start allerdings noch nicht.

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Die „Heute“-Redaktion (mit etwa 90 Redakteuren) hat sich auch auf die Fahnen geschrieben, stärker als bisher soziale Medien wie Facebook, Twitter und YouTube in der News-Verbreitung einzusetzen. „Wir wollen die Nutzer sozialer Netzwerke besser einbinden“, kündigte Theveßen an. Wenn beispielsweise potenziell kontroverse Interviews anstehen, könne man die Debatte schon früher auf den digitalen Plattformen beginnen lassen. Die Heute.de-Redaktion, die seit einer Weile auch Theveßen als Chef der Hauptredaktion Aktuelles untersteht und in der gut 20 Redakteure werkeln, arbeitet enger mit den TV-Kollegen zusammen. Um die Kooperation zu verbessern, gibt es sogenannte „Schnittstellenredakteure“. Für alle Kurznachrichten gibt es nun eine gemeinsame Schlussredaktion. „Wir wollen uns besser organisieren“, sagte Theveßen.

Matthias Fornoff, der die „heute“-Sendung moderiert und gleichzeitig Redaktionsleiter ist, wird zum 1. Juli Leiter der Hauptredaktion „Politik und Zeitgeschehen“. Er wird gleich zwei Nachfolger haben, sagte Theveßen. Die Aufgaben werden wieder getrennt, um eine Doppelbelastung in Moderationswochen zu vermeiden. Die Personalien werden voraussichtlich im April verkündet.

Und was war nun mit Schirrmacher und dem umstrittenen Interview, das Claus Kleber mit Siemens-Chef Joe Kaeser geführt hatte und das dem FAZ-Mann so gegen den Strich ging, dass er gleich einen ausführlichen Kommentar schrieb? Weil es in dem Interview nicht darum gegangen sei, was Kaeser über Russland und Putin denkt, sondern darum, Kaeser vorzuführen und den TV-Zuschauern mitzuteilen, was Kleber über Putin und Russland denkt? „Ich teile die Kritik am Interview überhaupt nicht“, sagte Elmar Theveßen. Kleber habe „völlig legitime Fragen“ gestellt. Theveßen: „Wir wollen keine rundgelutschten Interviews.“ Nein, das Kaeser-Interview sei wirklich „das falsche Beispiel, um sich über Echtzeitjournalismus aufzuregen“.

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